Ratingagentur Scope bewertet unbeauftragt Emittenten von Mittelstandsanleihen

06.06.12 15:04

Alarm bei Mittelstandsratings

Von Bastian Frien

Es gibt wahrlich keinen Mangel an mittelständischen Ratingagenturen. Nun klopft noch eine weitere an die Tür. Kann das funktionieren?

Die Entscheidungen der Rating Agenturen können drastische Auswirkungen haben.

iStock / Thinkstock / Getty Images

Die Entscheidungen der Ratingagenturen können drastische Auswirkungen haben.

Scope Ratings, bislang eher aus dem Immobilien- und Fondsbereich bekannt, hat sogenannte „unsolicited“, also nicht beauftragte Ratings für die Emittenten von Mittelstandsbonds erstellt. Ob das zu Aufträgen führt, ist eher ungewiss. Ein ähnlicher Versuch von Fitch im „normalen“ deutschen Corporate-Segment war vor einigen Jahren nicht erfolgreich.

Wichtiger aber ist die Frage nach der Richtigkeit der Ratings. Denn die Aussage ist knallig: „Scope-Ratings liegen deutlich unter den bisherigen Bewertungen“, titelt die Agentur in ihrer Pressemitteilung. Und bei manch einem Emittenten knallt es richtig: Das Rating von Air Berlin sieht mit CCC- eher nach Griechenland aus als nach Deutschlands zweitgrößter Airline. Um die 16 anderen geprüften Emittenten steht es nicht viel besser.

Wird das Rating zu gut oder zu schlecht?

Die Erklärung scheint auf der Hand zu liegen: Mittelständische Ratingagenturen benoten zu gut, um sich einen lukrativen Markt zu erschließen. Doch so eindeutig ist die Sache nicht. Eine Untersuchung von Prof. Christina Bannier und zwei Kollegen aus dem Jahr 2007 zeigt, dass unbeauftragte Ratings nicht nur deutlich niedriger ausfallen als beauftragte. Sie sind auch, gemessen an den tatsächlichen Ausfällen, zu niedrig. Eine aus Sicht der Autoren naheliegende Erklärung ist der Versuch, Unternehmen zu erpressen, ein Rating bei ihnen zu beauftragen. Die Autoren halten unbeauftragte Ratings daher für „a highly questionable and problematic practice“. Man muss Scope aber nicht einmal eine böse Absicht unterstellen. Die Agentur verlässt sich allein auf ein Financial Strength Rating auf Basis der Jahresabschlüsse. Scope glaubt zu Recht nicht daran, dass die von ihr nicht berücksichtigten qualitativen Faktoren in jedem Fall eine Heraufstufung rechtfertigen.

Aber Scope liefert selbst die Entlastung: Jahresabschlüsse im Mittelstand werden nämlich „auch heute noch vorrangig aus steuerlicher Perspektive erstellt, nicht aber mit dem Ziel der Unternehmenssteuerung und der Investor Relations“. Die Unternehmen sind in Wahrheit also finanziell stärker. Das kann Scope nicht quantifizieren, die mit dem Rating beauftragten Agenturen durch Gespräche mit dem Management hoffentlich schon. Das Eigeninteresse einer Ratingagentur und deutsche Bilanzierungspraktiken sind also zwei plausible Punkte, die gegen die Richtigkeit der Ratings von Scope sprechen. Dumm ist nur: Das Gefühl, dass die Emittenten von Mittelstandsbonds im Schnitt deutlich zu gut benotet sind, wird man trotzdem nicht los.

Frien[at]derTreasurer.de