Weitere Milliardenstrafen erwartet / Suche nach Libor-Alternativen

05.07.12 15:05

Banken zittern wegen „Liborgate“

Von Andreas Knoch

Barclays musste bereits eine drastische Strafe bezahlen, doch der LIBOR-Skandal ist damit noch nicht ausgestanden. Es drohen weitere Schadenersatzforderungen auch für andere Banken.

Barclay's musste wegen der Libor-Affäre 290 Millionen Pfund Strafe bezahlen.

iStock / Thinkstock / Getty Images

Barclay's musste wegen der Libor-Affäre 290 Millionen Pfund Strafe bezahlen.

Die drakonische Strafe gegen die britische Großbank Barclays markiert einen ersten Höhepunkt in den seit Monaten laufenden Untersuchungen über angebliche Manipulationen der London Interbank Offered Rates (Libor). Mit einer Zahlung von 290 Millionen Pfund hat sich Barclays von den laufenden Ermittlungen freigekauft. Gegen andere Banken, dar - unter die Bank of America, die Citigroup, JPMorgan und die Deutsche Bank, wird von Aufsichtsbehörden dies- und jenseits des Atlantiks weiter ermittelt. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob die Geldhäuser gemeinschaftlich die US-Dollar- Libor-Sätze manipuliert haben.

Die betroffenen Banken wehren sich zwar gegen den Vorwurf eines Zinskartells, doch steht ihre Argumentation – das lässt der im Fall Barclays veröffentlichte EMail- Verkehr vermuten – inzwischen auf sehr tönernen Füßen. Kläger wittern mit der Strafe gegen die Bank, die inzwischen auch CEO Bob Diamond den Posten gekostet hat, dagegen Morgenluft. „Es sieht gut aus und zeigt, dass die Vorwürfe nicht aus der Luft gegriffen sind“, sagt der Geschäftsführer eines Hedgefonds, der vor einem New Yorker Gericht eine Sammelklage gegen die Libor-Panelbanken eingereicht hat. Unter den Klägern sind auch die Stadt Baltimore und der Onlinebroker Charles Schwab, die Libor-basierte Derivate von den Panelbanken gekauft haben. Im Falle Baltimores geht es dabei um Zinsswaps, die die Stadt gekauft hat, um sich gegen Risiken der von ihr emittierten Kommunalanleihen abzusichern. Der Vorwurf: Die von den Banken gezahlten Zinsen aus dem Swap seien durch die zu niedrige Libor-Quotierung viel zu gering ausgefallen.

Gewaltige Schadenersatzklagen drohen

Allein dieses Beispiel zeigt das mögliche Ausmaß der Causa: Denn weltweit ist der Libor die Basis für Kredite und Derivate im Wert von rund 360 Billionen US-Dollar. Nach Einschätzung von Experten könnten die anhängigen Klagen eine neue Benchmark für Schadenersatzleistungen im Finanzbereich setzen. „Es ist möglich, dass auf die gesamte Finanzindustrie Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe zukommen“, sagt etwa William Butterfield, Partner der Anwaltskanzlei Hausfeld. Dabei könnten den Betroffenen im Falle einer tatsächlichen Libor-Manipulation nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile entstanden sein, etwa durch zu niedrige Zinszahlungen bei auf Libor basierten Krediten.

Wegen ihrer wackeligen Berechnungsmethodik stehen die Libor- Sätze schon länger in der Kritik. Als „grundlegend fehlerhaft“ bezeichnete etwa William Buiter, ein ehemaliges Mitglied der Bank of England, die Aussagekraft der Libor-Sätze. Denn diese basieren nicht auf realen Transaktionen, sondern repräsentieren Kreditangebotszinsen im Interbankengeschäft. Im Grunde handelt es sich dabei um das Resultat einer Meinungsumfrage. Einen objektiv verifizierbaren „korrekten“ Libor gebe es daher gar nicht, argumentieren die Panelbanken. Das eigentliche Problem ist aber, dass die Libor-Sätze seit 2007 ohne einen funktionsfähigen Interbankenmarkt ermittelt werden. Noch immer vertrauen die Banken untereinander nicht und leihen sich gegenseitig kein Geld. „Das ist ein wirklicher systemischer Risikofaktor. Es muss so bald wie möglich eine glaubwürdige Alternative zum Libor gefunden werden“, sagt Peter Hahn von der Cass Business School in London.

Knoch[at]derTreasurer.de