Kommt nun doch der weiche Brexit?

09.06.17 13:27

Die Folgen des britischen Wahl-Chaos für Treasurer

Von Sabine Paulus

Hoch gepokert, viel verloren: Premierministerin Theresa May hat bei den Neuwahlen des britischen Parlaments die absolute Mehrheit verpasst. Das Pfund bricht ein, der Brexit-Zeitplan gerät in Gefahr.

Die britische Premierministerin Theresa May wollte sich mit den Neuwahlen Rückendeckung für die anstehenden Brexit-Verhandlungen holen. Dieser Plan ist kläglich gescheitert.

picture alliance/AP Photo/Alastair Grant

Die britische Premierministerin Theresa May wollte sich mit den Neuwahlen Rückendeckung für die anstehenden Brexit-Verhandlungen holen. Dieser Plan ist kläglich gescheitert.

Wer hätte das vor einigen Tagen gedacht: Theresa May hat sich verspekuliert. Die konservative Partei der britischen Premierministerin hat bei den vorgezogenen Parlamentswahlen am gestrigen Mittwoch 15 Sitze verloren und damit die absolute Mehrheit verpasst. Die Labour-Partei von Jeremy Corbyn gewann hingegen 33 Sitze hinzu. Die Folge: Keine Partei hat im Moment in Großbritannien eine absolute Mehrheit. Es herrscht ein sogenanntes „hung parliament“ – ein „Parlament in Schwebe“. May ist deshalb gezwungen, einen Koalitionspartner zu finden.

Folgen der Wahl für Brexit-Verhandlungen

Die britische Premierministerin hatte die Neuwahlen angesetzt, um sich für die anstehenden Brexit-Verhandlungen mehr Rückendeckung zu holen. Dieser Plan ist kläglich gescheitert, was nun auch Folgen für den anvisierten Austritt Großbritanniens aus der EU haben wird. Waren die Marktteilnehmer bislang von einem harten Brexit ausgegangen, scheint nun eine sanftere Trennung wahrscheinlicher. Die Labour-Partei von Corbyn hatte im Vorfeld versprochen, Großbritannien im Binnenmarkt zu halten und die Rechte der im Land lebenden EU-Bürger zu garantieren.

Wenn das Vereinigte Königreich nun tatsächlich im Binnenmarkt bliebe, würden auch die deutschen Unternehmen davon profitieren. Denn dann müssten sie ihre Liefer- und Wertschöpfungsketten nur moderat oder sogar gar nicht anpassen. Mögliche Importzölle wären damit ebenfalls vom Tisch.

Großbritannien ist für Deutschland der drittgrößte Exportmarkt. Der geplante Brexit hatte schon in den vergangenen Monaten den Warenaustausch zwischen den beiden Ländern eingetrübt. Nach einem Minus von knapp 10 Prozent im letzten Quartal 2016 sind im ersten Quartal 2017 die deutschen Ausfuhren nach Großbritannien um weitere knapp 3 Prozent gesunken. Zeitgleich nahmen die Ausfuhren in die EU um fast 7 Prozent zu.

Dass ein harter Brexit nun weniger wahrscheinlich wird, „halten wir allerdings für voreilig“, sagt hingegen Steven Andrew, Fondsmanager im Multi-Asset-Team von M&G Investments. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist es unmöglich vorherzusagen, zu welchem Ergebnis und welchen Handelsvereinbarungen die Gespräche mit der EU führen werden, vor allem, wenn man dabei die Haltung der anderen Verhandlungsseite außer acht lässt.“

Brexit-Verhandlungen mit EU verzögern sich vermutlich

Für die EU steigt durch den Wahlausgang auf jeden Fall die Unsicherheit. „May wollte Stabilität erreichen und hat Chaos gebracht“, schrieb Manfred Weber, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei am Freitagmorgen auf Twitter. Die Europäische Union sei vor den Verhandlungen über den EU-Austritt geeint, doch Großbritannien sei tief gespalten, erklärte Weber weiter. Die Zeit für den Brexit laufe.

Am 19. Juni, also in zehn Tagen, sollen die Brexit-Verhandlungen beginnen. Damit ist wohl nicht mehr zu rechnen: „Der Ausgang der Wahl dürfte die Brexit-Verhandlungen verzögern und erschweren“, sagt beispielsweise Bert Van Roosebeke vom Centrum für Europäische Politik (cep), denn Großbritannien werde jetzt erste einmal mit sich selbst beschäftigt sein. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sieht nun auch die britische Regierung am Zug, einen Zeitpunkt für den Beginn der Brexit-Verhandlungen zu nennen. „Der Staub in Großbritannien muss sich jetzt legen“, sagt er der Süddeutschen Zeitung.

Das Pfund verliert weiter an Wert

Die Aufruhr, die der überraschende Wahlausgangs ausgelöst hat, ist auch auf den Finanzmärkten zu spüren. Der Pfundkurs ist heute morgen zwischenzeitlich um mehr als 2 Prozent auf 1,13 Euro gesunken und damit auf ein Sieben-Monats-Tief gefallen. Das ist kurzfristig auch für die Treasurer deutscher Unternehmen unangenehm, da nur die wenigsten mit einem solchen Wahlausgang gerechnet haben dürften.

Die deutschen Treasurer hatten sich in den vergangenen Monaten auch nur vereinzelt auf höhere FX-Risiken im Geschäft mit Großbritannien eingestellt. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage von DerTreasurer und der Deutschen Bank unter leitenden Treasurern im deutschsprachigen Raum gab lediglich jeder achte Befragte an, den Sicherungsgrad im britischen Pfund erhöht zu haben.

Insgesamt haben die Märkte das Wahlergebnis aber recht gelassen hingenommen. Die sichtbarste Reaktion bislang sei die weitere Abschwächung des Pfund Sterling heute Morgen, sagt Steven Andrew von M&G Investments. „Doch im Vergleich zu früheren Marktbewegungen ist das fast nichts – der ,Wahlschock‘ wird offensichtlich abgeschüttelt.“

Im vergangenen Juni unmittelbar nach dem Brexit-Votum war der Kurs der britischen Währung innerhalb weniger Stunden von 1,40 Euro pro Pfund auf 1,20 gesunken. Seither hat die britische Währung immer weiter an Wert verloren und ist vor allem volatiler geworden.

Die Volatilität der britischen Währung dürfte in den kommenden Monaten hoch bleiben. Die Schwäche des Pfund „wird vermutlich anhalten, da internationale Anleger eine höhere Risikoprämie verlangen“, sagt Bill Street, Leiter von Investments EMEA bei State Street Global Advisors. Das Pfund sei jedoch bereits deutlich gegenüber dem US-Dollar und dem Euro unterbewertet, worin sich die künftigen Unsicherheiten widerspiegeln.

Volatilität am Sterling-Bond-Markt dürfte steigen

Auf die Kapitalmärkte dürfte der Wahlausgang ebenfalls Auswirkungen haben: „Es ist wahrscheinlich, dass die Anleihen- und Aktienmärkte eine höhere Volatilität aufweisen werden“, sagt Mark Phelps, Portfoliomanager Global Concentrated Growth beim Asset Manager AB (AllianceBernstein).

Bisher lief der Sterling-Bond-Markt sehr gut. 15,1 Milliarden Pfund wurden der Royal Bank of Scotland zufolge bis Anfang Juni bereits platziert. Das entspricht 70 Prozent des Emissionsvolumens von 2016, in dem insgesamt 21,5 Milliarden Pfund platziert worden sind. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Sterling-Bond-Markt in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln wird.

Paulus[at]derTreasurer.de

Die britische Regierung hat 2017 offiziell den Austritt Großbritanniens aus der Europäische Union beantragt. Mit unserer Themenseite zum „Brexit“ bleiben Sie auf dem Laufenden.