DerTreasurer-Studie

Supply Chain Finance:

Liquidität in Krisenzeiten und Nachhaltigkeit in Lieferketten

Das Liquiditätsmanagement und die Absicherung der Lieferketten sind in Corona-Zeiten eine große Herausforderung für die Unternehmen. In einer umfangreichen Befragung haben DerTreasurer und Traxpay herausgefunden, wie Treasurer und andere Finanzentscheider damit umgehen. Die Umfrage zeigt, wie Supply Chain Finance (SCF) den Unternehmen an dieser Stelle hilft und was dabei zu beachten ist.

Teil 1 beschäftigt sich mit dem Liquiditäts- und Cash Management in Krisenzeiten und zeigt auf, wie Unternehmen Supply Chain Finance in diesem Zusammenhang einsetzen.

Teil 2 der im November 2020 erscheint, widmet sich den Möglichkeiten, mit Sustainable Supply Chain Finance zusätzlich Nachhaltigkeitsaspekte in der Lieferkette zu incentivieren.

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Teil 1: Working Capital Management rückt durch die Corona-Pandemie in den Fokus

Mehr als drei Viertel der befragten Unternehmen kämpfen aufgrund der Corona-Pandemie mit Liquiditätsengpässen. Klassische Mittel, wie die Verlängerung von Zahlungszielen, können für kleinere Lieferanten jedoch das Aus bedeuten. Damit ist keinem gedient. Für viele Unternehmen ist deshalb Supply Chain Finance interessant, denn es kann hierbei Abhilfe schaffen.

Auch das Treasury steht seit März 2020 vor großen ungeahnten Herausforderungen. Der Corona-Lockdown und die damit notwendige rasche Umstellung auf Home Office sind dabei nicht die einzigen Stresstests. Auch das Liquiditätsmanagement bekommt eine neue Bedeutung.

Liquiditätsengpässe als Folge von Corona

Die Ergebnisse der Onlinebefragung von DerTreasurer und Traxpay, an der 125 Treasurer und Leiter von Finanzabteilungen aus deutschen Konzernen und Unternehmen des gehobenen Mittelstands teilgenommen haben, zeigen, dass das Liquiditätsmanagement in der Corona-Pandemie eine große Herausforderung für die Finanzabteilungen der Unternehmen darstellt: 78 Prozent der Befragten geben an, dass sie aufgrund der Corona-Pandemie Liquiditätsprobleme haben. Bei Unternehmen mit einem Umsatz von 1 Milliarde Euro und mehr sind es sogar 84 Prozent. Infolge der Corona-Pandemie haben 54 Prozent der Befragten festgestellt, dass in ihrem Liquiditätsmanagement noch Optimierungsbedarf besteht.

Das Instrumentarium, mit dem die Unternehmen auf diese Herausforderung reagieren, ist vielfältig. Unternehmen mit einem Umsatz von unter 1 Milliarde Euro optimieren vor allem die Transparenz und die Prognose des Cashflows. Für Unternehmen mit mehr als 1 Milliarde Euro Umsatz ist die Erstellung von Extremszenarien zur Ermittlung des Cash-Bedarfs am wichtigsten.

Ein Drittel der Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 100 Millionen Euro hat auch neue Bank- und Kapitalmarktfinanzierungen abgeschlossen, für Unternehmen mit einem Umsatz von unter 100 Millionen Euro war dies hingegen nur selten eine Option (7 Prozent). Sie haben im Gegensatz zu den größeren befragten Unternehmen auch deutlich seltener bestehende Bankkredite gezogen.

Die kleineren Unternehmen nutzen hingegen Förderhilfen deutlich stärker als größere Organisationen, wobei der Anteil der Unternehmen, die staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen, in der mittleren Umsatzgruppe von 100 Millionen bis unter 1 Milliarde Euro mit knapp einem Drittel am größten ist.

Unternehmen verlängern Zahlungsziele

Insgesamt hat ein Viertel der Befragten in der Corona-Pandemie die Zahlungsziele bei Lieferanten verlängert. Je größer die Unternehmen, desto häufiger wurde damit auf drohende Liquiditätsengpässe reagiert. Die Verlängerung von Zahlungszielen ist ein probates Mittel in Krisenzeiten, Lieferanten haben dabei jedoch das Nachsehen. Gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bedrohen verlängerte Zahlungsziele schnell die Existenz. Denn im Gegensatz zu Großunternehmen, die mit verschiedenen Handelsfinanzierungsmitteln wirtschaftliche Turbulenzen überstehen können, verfügen KMU häufig nicht über diese Instrumente.

Gleichwohl erhielt insgesamt ein Drittel der Befragten Anfragen ihrer Lieferanten mit der Bitte um vorzeitige Bezahlung von Rechnungen. Unter den großen Unternehmen musste sich sogar fast jeder zweite Betrieb mit solchen Anfragen auseinandersetzen (46 Prozent). In extremen Krisensituationen, wie aktuell in der Corona-Pandemie, zeigt sich, dass das Wegbrechen von Lieferanten für Großunternehmen eine echte Herausforderung sein kann, die massive wirtschaftliche Schäden zur Folge hat. Es liegt daher im Interesse der Auftraggeber, dass ihre Lieferanten die Corona-Pandemie gut überstehen.

Die befragten Finanzentscheider

Funktion im Unternehmen – in Prozent der Befragten (n = 125)

CFO/Vorstand
Leiter Treasury/Finanzen
Referent Treasury/Finanzen
Mitarbeiter Treasury/Finanzen
keine Angabe

Quellen: DerTreasurer/F.A.Z. Business Media | research, Traxpay

Unternehmensgröße nach Umsatz – in Prozent der Befragten (n = 125)

weniger als 100 Mio. Euro
100 Mio. bis unter 1 Mrd. Euro
1 Mrd. Euro oder mehr
keine Angabe

Quellen: DerTreasurer/F.A.Z. Business Media | research, Traxpay

78 Prozent der Unternehmen haben Liquiditätsprobleme infolge der Corona-Pandemie.

Auf die genaue Analyse des Liquiditätsbedarfs kommt es an

Antwort auf die Frage: „Wie mindern Sie in Ihrem Unternehmen das Risiko von Liquiditätsengpässen infolge der Corona-Pandemie?“; in Prozent der Befragten (nach Unternehmensgröße)¹, n = 125

¹Mehrfachantworten möglich
²Rest zu 125 = keine Angabe
Quellen: DerTreasurer/F.A.Z. Business Media | research, Traxpay

Supply Chain Finance stärkt die Lieferkettenfinanzierung

Mehr als die Hälfte der befragten Treasurer und Finanzentscheider aus Unternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 100 Millionen Euro gibt an, dass ihnen die aktuelle Corona-Pandemie die Schwachstellen in der Lieferkettenfinanzierung deutlich aufzeigt. Bei den großen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 1 Milliarde Euro sind es immerhin 48 Prozent.

Hier setzt Supply Chain Finance (SCF) an. Entlang der klassischen Lieferkette – Einkauf, Produktion, Distribution – werden mit Hilfe von SCF zusätzlich alle Geld-, Finanztransaktions- und Informationsflüsse prozessseitig koordiniert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Koordination der Finanztransaktionsflüsse und den notwendigen gemeinsamen Informationssystemen, die den Dienstleistungsfluss zwischen den Handelspartnern entlang der Lieferkette abbilden.

Aktuell nutzt bereits gut ein Viertel der befragten Unternehmen SCF, unter den großen Unternehmen sogar schon fast die Hälfte (46 Prozent). Für weitere 35 Prozent der Befragten ist die Einführung von SCF in ihrem Unternehmen interessant. Unter den kleineren Unternehmen, die bislang nur selten mit SCF arbeiten (7 Prozent), trifft das sogar auf gut die Hälfte zu.

34 befragte Unternehmen, die bereits SCF nutzen, sind überwiegend sehr zufrieden damit. 59 Prozent geben an, dass ihre Erwartungen erfüllt wurden. Für diese Unternehmen steht die Verbesserung des eigenen Cashflows und die Unterstützung sowie Absicherung der Lieferkette im Vordergrund.

„Die Einführung von SCF hat unsere Erwartungen übererfüllt. Die Digitalisierung unserer Prozesse, das schnellere Cash-in und die Benutzerfreundlichkeit überzeugen.“

ein Befragungsteilnehmer

27 Prozent sehen nur einen Teil ihrer Erwartungen durch die Einführung von SCF erfüllt. Sie bemängeln vor allem den aufwendigen Onboarding-Prozess und berichten, dass die Einführung länger dauerte, als sie zunächst erwartet hatten. 9 Prozent sind von der Einführung enttäuscht, vor allem weil die Lieferanten nicht mitgezogen haben und der eigene Einkauf den Vorteil von SCF noch nicht erkannt hat.

Das sogenannte Reverse Factoring ist ein wichtiger Bestandteil von SCF. Beim „herkömmlichen“ Factoring verkauft ein Unternehmen in seiner Rolle als Lieferant seine Forderungen gegenüber einem Kunden an ein Factoringinstitut. Im Gegensatz dazu organisiert beim Reverse Factoring ein Unternehmen in seiner Rolle als Abnehmer ein Factoring für ausgewählte Lieferanten. Das Reverse Factoring ist den meisten befragten Treasurern und Finanzentscheidern bekannt. Die Hälfte von ihnen hat sich bereits intensiv mit dem Thema beschäftigt, ein weiteres Drittel weiß zumindest ungefähr, worum es dabei geht.

Tatsächlich genutzt wird Reverse Factoring bislang vor allem in großen Unternehmen. 22 Prozent der Befragten aus Unternehmen mit einem Umsatz von 1 Milliarde Euro und mehr geben an, dass das eigene Unternehmen diesen Lösungsansatz der Lieferkettenfinanzierung bereits nutzt. Weitere 15 Prozent weisen darauf hin, dass es bereits konkrete Pläne zur Einführung gibt.

Ein weiterer neuerer Lösungsansatz der Lieferkettenfinanzierung ist das Dynamic Discounting Im Gegensatz zum Reverse Factoring setzen die Abnehmer-Unternehmen hier eigene Liquidität ein, um Lieferanten früher zu bezahlen. Die Lieferanten können flexibel entscheiden, wann und welche Rechnungen früher bezahlt werden sollen. Je früher die Zahlung dabei angefordert wird, desto höher ist der Discount. Dabei profitieren die Lieferanten von einem sofortigen Zugang zu benötigter Liquidität und senken zusätzlich ihre Finanzierungskosten. Mit dem relativ neuen Instrument kennen sich die Befragten weniger gut aus. Nur ein Viertel hat sich mit Dynamic Discounting bislang intensiv beschäftigt. 38 Prozent geben an, keine Ahnung davon zu haben.

Entsprechend selten greifen die befragten Unternehmen derzeit auf diesen Lösungsansatz zurück. Nur 9 Prozent der Befragten aus Großunternehmen verwenden bereits Dynamic Discounting. Immerhin 22 Prozent planen aber bereits die Einführung.

Ein Drittel der Befragten wurde von Lieferanten um vorzeitige Bezahlung von Rechnungen gebeten.

Neue Lösungsan-
sätze in der Liefer-
kettenfinanzierung

Supply Chain Finance ist in großen Unternehmen bereits angekommen

Antwort auf die Frage: „Haben Sie in Ihrem Unternehmen bereits SCF eingeführt oder planen Sie dies?“; in Prozent der Befragten (nach Unternehmensgröße), n = 125

¹Rest zu 125 = keine Angabe
Quellen: DerTreasurer/F.A.Z. Business Media | research, Traxpay

Viele Gründe sprechen für Supply Chain Finance

Die Gründe für die Einführung von Supply Chain Finance sind aus Sicht der Befragten vielfältig. Die Working-Capital-Optimierung und verlängerte Zahlungsziele stehen dabei an erster Stelle. Während die kleineren und mittleren Unternehmen die Liquiditätssicherung an zweiter Stelle sehen, ist für die großen Unternehmen der Befragung die Absicherung der Lieferkette entscheidender. Großunternehmen tun sich oft schwer, kurzfristig auf neue Lieferanten umzusteigen. Denn Zulieferer müssen sorgfältig ausgewählt werden, um Produktstandards und Compliance-Richtlinien einzuhalten. Zeitaufwendige und detaillierte Ausschreibungen, Wettbewerbe und Submissionen gehen jedem neuen Kooperationsvertrag voraus.

Für gut ein Viertel der Befragten ist die Erhöhung der Transparenz in der Lieferantenbeziehung eine weitere wichtige Chance, die sich durch SCF eröffnet. Durch die Automation und Digitalisierung der Prozesse erhalten viele erstmals einen einfachen Überblick über alle Rechnungen und Finanzierungsbedingungen.

„Die Prozesse im Forderungsverkauf laufen seit der Einführung von SCF automatisiert.“

ein Befragungsteilnehmer

Die Automatisierung der Prozesse in der Lieferkettenfinanzierung hat für Treasurer und Finanzentscheider eine sehr große Bedeutung. Befragt nach den Faktoren, die ihnen bei der Auswahl einer SCF-Lösung besonders wichtig sind, stehen die Integration in ihr ERP-System und die Automatisierung der Prozesse an erster Stelle (80 Prozent). Die Nutzerfreundlichkeit und geringe Kosten im laufenden Betrieb haben ebenfalls einen großen Stellenwert. Immerhin die Hälfte der Befragten möchte mit SCF die Abhängigkeit von Banken reduzieren.

Wichtige Faktoren bei der Auswahl einer SCF-Lösung
  1. Automatisierung der Prozesse/ERP-Integration
  2. Benutzerfreundlichkeit
  3. geringe Kosten im laufenden Betrieb

Verlängerte Zahlungsziele und Liquiditätssicherung stehen bei SCF im Vordergrund

Antwort auf die Frage: „Was denken Sie, welche Chancen eröffnen sich generell durch SCF?“; in Prozent der Befragten¹, n = 125

¹Mehrfachnennung möglich

Quellen: DerTreasurer/F.A.Z. Business Media | research, Traxpay

Der Digitalisierungsgrad ist entscheidend

Die Einführung von Supply Chain Finance lässt sich aber nicht über Nacht realisieren – ob bilateral mit einer Bank oder mit einer Fintech-Plattform. Für Letzteres ist eine wichtige Voraussetzung, dass der Digitalisierungsgrad des Unternehmens eine Kooperation bereits ermöglicht. Das ist bei weniger als der Hälfte der Unternehmen mit einem Umsatz von unter 100 Millionen Euro der Fall. Die Befragten aus diesen Unternehmen geben an, dass SCF für sie interessant wäre, aber der Digitalisierungsgrad hier noch nicht ausreicht. Bei Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 100 Millionen und 1 Milliarde Euro trifft das nur noch auf 36 Prozent zu. Hingegen spricht in lediglich 14 Prozent der umsatzstärksten befragten Unternehmen der eigene Digitalisierungsgrad gegen die Einführung von SCF.

Die Einführung einer SCF-Lösung betrifft nicht allein das Treasury eines Unternehmens. Die befragten Nutzer von SCF geben an, dass der Einkauf und die Buchhaltung bei einem solchen Vorhaben besonders gefordert sind und auch die IT eingebunden werden muss.

SCF-Lösungen werden sowohl von klassischen Banken als auch von neuen Plattformanbietern auf den Markt gebracht. Die befragten Treasurer und Finanzentscheider präferieren hier klar Plattformlösungen. 42 Prozent würden eine reine Plattformlösung bevorzugen, während sich 34 Prozent für eine hybride Lösung aussprechen. Lediglich 14 Prozent würden auf eine reine Bankenlösung setzen.

Für 53 Prozent der Unternehmen mit einem Umsatz von unter 100 Millionen Euro wäre SCF interessant, ihr Digitalisierungsgrad lässt jedoch die Kooperation mit Plattformen noch nicht zu.

Plattformlösungen bevorzugt

Antwort auf die Frage: „Stellen Sie sich vor, Sie planen aktuell die Einführung von SCF. Welche Vorgehensweise würden Sie aus heutiger Sicht bevorzugen?“; in Prozent der Befragten, n = 125

Quellen: DerTreasurer/F.A.Z. Business Media | research, Traxpay

Die Fortsetzung der Studie erscheint im November 2020.