FX-Algorithmen haben noch nicht alle Treasurer überzeugt.

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16.05.19

Die umstrittenen Algorithmen im FX-Handel

Bieten Algorithmen im FX-Handel einen Mehrwert für Treasury-Abteilungen? Einige Konzerne nutzen diese bereits, andere zeigen sich noch skeptisch.

Immer mehr Unternehmen entdecken die Vorteile von Algorithmen bei Devisentransaktionen. Dazu zählt auch der Softwarekonzern SAP. „Von unseren Kernbanken erhalten wir ohnehin sehr kompetitive Preise“, meint Andreas Hartmann, der in der Treasury-Abteilung von SAP unter anderem das Front-Office leitet. „Uns geht es beim Einsatz der Algorithmen deshalb primär darum, die Transaktionen ohne Markteinfluss zu platzieren – so wie es der FX Global Code vorsieht. Mit Algos ist das möglich.“

Denn hier entscheiden Computerprogramme, in welchen Losgrößen und Zeitabständen Transaktionen auf den Markt gebracht werden. Je nachdem für welche Algo-Strategie sich das Unternehmen entscheidet, lässt sich der Risikoaufschlag, den die Bank für den Transfer des FX-Risikos verlangt, deutlich senken oder sogar komplett vermeiden.

Auch BMW und Siemens nutzen Algorithmen

SAP ist keinesfalls allein: Auch BMW und Siemens setzen Algorithmen ein, um die Kosten der FX-Absicherung zu senken. Insgesamt würden etwa 60 Prozent der Dax-Konzerne diese Modelle regelmäßig nutzen, meint Volker Anhäuser, Head of Global Market Sales Corporates bei BNP Paribas: „20 bis 25 Prozent aller Spot-FX-Flows unserer europäischen Firmenkunden kommen heute über Algorithmen.“ Der Banker führt die inzwischen „durchaus signifikante“ Verbreitung auf zwei Faktoren zurück: „Die Liquidität in vielen Märkten hat abgenommen. Das spüren die Unternehmen: Bei größeren Einzeltickets haben einige Treasurer erlebt, dass sie Marktpreise beeinflussen“, sagt Anhäuser. Hinzu komme ein Netzwerkeffekt: „Immer mehr Unternehmen probieren es aus, sind zufrieden und sprechen darüber.“

Bereits seit Jahren versuchen Banken vor allem ihren großen Firmenkunden den Einsatz von Algorithmen bei Devisentransaktionen schmackhaft zu machen. Das tun sie nicht ohne Grund: Schließlich kassieren sie für die Nutzung dieser Modelle Gebühren und können damit die durch Handelsplattformen gesunkenen Margen im FX-Geschäft zumindest teilweise kompensieren.

Doch es gibt auch namhafte Skeptiker: So setzt etwa die Lufthansa bisher keine Algorithmen in der FX-Absicherung ein. „Unsere Volumina sind in den meisten Fällen nicht so groß, als dass man sie nicht auch im regulären Handel abwickeln könnte“, sagt Treasury-Chef Torsten Kohrs. Zudem erfolge über Algorithmen kein kompetitives Bidding unter den Banken. Dass im Vorfeld kein Preiswettbewerb stattfindet, stört viele Unternehmen – zumal man sich durch solche Modelle stärker an Banken bindet. BMW betont deshalb auch, mit einer „Vielzahl von Kontrahenten aus der Kernbankengruppe“ zu arbeiten.

„Unsere Volumina sind meistens nicht groß genug.“

Torsten Kohrs, Deutsche Lufthansa

Adidas will höhere Bankenabhängigkeit vermeiden

Für Adidas ist die höhere Abhängigkeit von einzelnen Banken dagegen ein Grund, auf den Einsatz von Algorithmen zu verzichten, wie Adidas-Treasurer Jürgen Drebes kürzlich im Interview mit DerTreasurer berichtete: „Wir setzen komplett auf die Erfahrung unserer Händler, denn wir glauben, so bessere Ergebnisse erzielen zu können.“ Ohnehin seien Algorithmen aus seiner Sicht nur dann eine Alternative, wenn es darum gehe, große Volumina in illiquiden Märkten zu platzieren. „Das ist bei uns nicht der Fall, dafür ist unser Exposure zu klein.“

„Modelle kommen vor allem bei Absicherungen von M&A-Deals zum Einsatz.“

Volker Linde, Deloitte

Klar ist: Algorithmen spielen vor allem dort ihre Stärken aus, wo es darum geht, hohe Beträge marktschonend zu platzieren. „Daher kommen die Modelle vor allem bei Absicherungen von M&A-Deals zum Einsatz oder bei Unternehmen, die im Projektgeschäft tätig sind und über kein großes eigenes Front-Office verfügen“, beobachtet Volker Linde, Partner und Leiter der Treasury-Beratung bei Deloitte.

Er hält Algorithmen daher eher für ein Nischenprodukt. Allerdings gibt es durchaus Firmen, die diese Modelle für normale Wechselkursgeschäfte einsetzen. Bei einem Dax-Konzern beginnen die so abgesicherten Ticketgrößen bereits bei 5 Millionen Euro. Bei SAP liegen die Werte etwas höher, aber es gibt keine fixe Mindestgrenze: „Wir nutzen Algos in der Regel für Beträge im oberen zweistelligen oder im dreistelligen Millionenbereich“, berichtet Hartmann.

Entsprechend spielen diese Modelle vor allem für Absicherungsgeschäfte im US-Dollar eine größere Rolle. „Dabei nutzen wir derzeit primär Time-Weighted-Average-Price-Angebote unserer Kernbanken zur Absicherung unserer Exposures. Die Nutzung weiterer oder anderer Algo-Programmstrukturen analysieren wir derzeit.“

Bidding-Funktion könnte Relevanz verlieren

Der sogenannte TWAP, bei dem das gewünschte Ordervolumen innerhalb eines vorgegebenen Zeitfensters abgehandelt wird, ist die am weitesten verbreitete Strategie. Es gibt jedoch eine Vielzahl von Modellen.

So sind über 360T inzwischen 75 Strategien von 15 Banken erreichbar, wie Sebastian Hofmann-Werther, Head of EMEA bei dem Devisenhandelsplattformanbieter erklärt: „Der Umfang der verfügbaren Algo-Strategien reicht von einem TWAP bis hin zu anspruchsvolleren Ansätzen zur Liquiditätssuche, bei denen Banken dem Kunden die Möglichkeit geben, an deren internen, nach eigenen Kriterien selbst entwickelten Hedging-Strategien teilzunehmen.“

Für viele Treasury-Abteilungen dürfte es wichtig sein, dass Algorithmen der Banken über eine Handelsplattform angesteuert werden können. Schließlich sind diese tief in FX-Prozesse integriert – vom Einstellen aus dem TMS über die Emir-Meldung bis zum Hedge Accounting. Allerdings ist die steigende Verbreitung solcher Strategien für 360T & Co. nicht ohne Risiko, schließlich könnte die Bidding-Funktion von Plattformen an Relevanz verlieren.

Doch Hofmann-Werther gibt sich gelassen: „Die Algo-Funktion auf unserer Plattform ist ein komplementäres Angebot.“ Die Marktbedingungen würden bestimmen, wann ein vollständiger Risikotransfer auf Knopfdruck oder eine Algo-Strategie, die die Ausführung über einen bestimmten Zeitraum verteilt, vorzuziehen sei, so der 360T-Manager: „Wir konkurrieren nicht mit den Banken.“ Bei BNP-Banker Anhäuser klingt das ähnlich: „Je nach Situation wird mal die Multi-Dealer-Plattform und mal der Algorithmus eingesetzt.“ Am Ende muss jedes Unternehmen entscheiden, wann es welchen Ansatz vorzieht.

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