Neue Bezahlverfahren erobern auch die Industrie. Was können Apple Pay & Co.?

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16.05.19

Warum Apple Pay & Co. das Treasury fordern

Die Digitalisierung konfrontiert auch Industrieunternehmen mit neuen Bezahlverfahren. Wie gehen die Konzerne mit den Angeboten von Apple, Amazon und Co. um?

Bezahlen per Smartphone galt in Deutschland lange als Rohrkrepierer. Doch seit kurzem geht es Schlag auf Schlag: Auf den Marktstart von Google Pay folgte im Dezember Wettbewerber Apple. Auch der chinesische Bezahldienst Alipay arbeitet am Ausbau seiner Reichweite in Europa. Handelskonzerne beobachten das Aufkommen der Technologieriesen mit einer gewissen Sorge.

Denn sowohl Apple als auch Google setzen auf kreditkartenbasierte Zahlverfahren – und diese sind für die Händler trotz der Deckelung der Interbankenentgelte in der EU teurer als das Girocard-Verfahren. „Uns ist es wichtig, dass die Girocard ihre Bedeutung im deutschen Zahlungsverkehr behält“, sagt Klaus Wirbel, Leiter Finanzen und Treasury bei dem Kölner Handels- und Touristikkonzern Rewe Group. Andernfalls müsse sich der Konzern auf deutlich höhere Gebühren einstellen.

Verteilungskampf im Zahlungsverkehr erreicht Europa

Im stationären Handel können Kunden von Rewe, Toom und Penny bereits mit Apple und Google Pay bezahlen – denn die Terminals sind seit längerem mit der für kontaktloses Bezahlen notwendigen NFC-Technologie ausgestattet. Im Internet bieten die Kölner die beiden Verfahren noch nicht an: „Derzeit unterstützen zu wenige Banken die Verfahren, als dass sich eine Einführung in unserem Online-Shop lohnen würde“, so Wirbel.

Der Verteilungskampf im Zahlungsverkehr hat Europa erreicht. In Asien haben Peer-to-Peer-Zahlsysteme wie Alipay und Wechat die Banken als Abwickler von Zahlungen teilweise bereits ersetzt. Diese Gefahr sieht Oliver Hommel, Zahlungsverkehrsexperte bei der IT-Beratung Accenture, für Europa derzeit nicht, die Tech-Konzerne überlassen den Banken meistens bereitwillig die Abwicklung. „Die Margen in der Zahlungsabwicklung sind in Europa zu gering und die Regulierung zu hoch“, sagt Hommel. Dafür tobt der Kampf um den Zugang zu den Kundendaten.

Im Einzelhandel kennt man diese Thematik bereits. Künftig werden sich aber auch Industrieunternehmen mit neuen Bezahlverfahren auseinandersetzen müssen – und den daraus resultierenden Fragen rund um Datenschutz, Sicherheit und Kontrahentenrisiken. „Die Digitalisierung wird zu mehr und kleinteiligeren Zahlungen führen“, sagt Wilbert Evers, Head of Sales Global Banking bei HSBC Deutschland. „Daher werden wir auch im klassischen B2B-Geschäft Zahlverfahren sehen, wie wir sie heute aus dem Retailbereich kennen.“ Treasurer werden sich an Kreditkarte, Paypal und Co. gewöhnen müssen, meint auch Accenture-Berater Hommel: „Zahlprozesse müssen unsichtbar und in Echtzeit in die Wertschöpfungskette integriert werden, so wie wir es aus dem Online-Handel kennen.“

Treasury-Abteilung selten Treiber der Initiativen

Erste Beispiele dafür gibt es bereits: So kooperiert der Chemiekonzern BASF seit kurzem mit dem Zahlungsabwickler Wirecard. Landwirte können bei der BASF-Tochter Digital Farming ein Abonnement abschließen, um feldspezifische Informationen zu erhalten, die die Effizienz der Pflanzenproduktion verbessern sollen. Die integrierte Echtzeitzahlungsabwicklung per Visa oder Mastercard übernimmt Wirecard.

Der Autobauer Volkswagen wiederum hat vor anderthalb Jahren eine Bezahlgesellschaft in Luxemburg gegründet, um auf Trends wie Carsharing oder On-Demand-Angebote zu reagieren. Die neue Einheit, die der frühere Unicredit-Transaktionsbanker Ernst Ohmayer leitet, soll die globalen Payment-Aktivitäten der Wolfsburger koordinieren und ausbauen.

Auffällig: Selten ist die Treasury-Abteilung Treiber dieser Initiativen. Dabei ist der Zahlungsverkehr nicht nur integraler Bestandteil des Treasury, selbst wenn die tägliche Durchführung von Zahlungen an ein Shared-Service-Center ausgelagert sein sollte. Die strategische Relevanz des Zahlungsverkehrs für die Digitalisierungsinitiativen der Unternehmen böte den Treasury-Abteilungen auch die Möglichkeit, die eigene Sichtbarkeit im Konzern mit neuen Vorschlägen zu erhöhen. Diese Chance lassen viele Treasurer bislang jedoch ungenutzt.

Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen sehr wichtig

Handelskonzerne sind hier weiter, Bezahlverfahren gehören längst zum Kerngeschäft. So befassen sich innerhalb des Rewe-Group-Treasury vier Mitarbeiter mit der Einführung neuer Bezahlverfahren, wie Finanzleiter Wirbel verrät. „Wir sind einerseits Ideengeber und screenen den Markt nach neuen, potentiell relevanten Bezahlmethoden.

„Entscheidend ist immer der Kundenwunsch.“ 

Klaus Wirbel, Rewe Group

Andererseits fungieren wir als Schnittstelle zwischen den internen Stakeholdern – dem Vertrieb, der IT und dem Rechnungswesen – und den externen Stakeholdern, also den Anbietern der Bezahlverfahren“, berichtet Wirbel. Mit ihnen verhandelt das Group Treasury auch die Konditionen für die Abwicklung. „Entscheidend bei der Auswahl des Bezahlverfahrens ist am Ende immer der Kundenwunsch. Die Kosten dürfen aber nicht aus dem Ruder laufen.“

Der Finanzleiter rät Treasury-Kollegen aus anderen Unternehmen unbedingt, frühzeitig die Zusammenarbeit mit den betroffenen Fachbereichen im Konzern anzustoßen: „Bei der Einführung neuer Bezahlverfahren ist zunächst zu klären, wer in der Organisation die verschiedenen Aspekte des Themas verantwortet. Treasury ist gut aufgestellt, diesen Prozess zu koordinieren.“ Bei der Einführung neuer mobiler Bezahlverfahren könne es sich lohnen, nicht nur auf die etablierten US-Player („GAFA“) zu setzen, sondern mit neuen, europäischen Anbietern zu kooperieren und ihnen so die nötige Relevanz zu verschaffen. „Wir sind jedenfalls für solche Kooperationen offen“, so Wirbel.

So oder so: „Die Treasury-Abteilung wird sich an eine steigende Komplexität im Zahlungsverkehr gewöhnen müssen“, sagt HSBC-Banker Evers. Ging der Trend jahrelang in Richtung Konsolidierung und Standardisierung, wird sich diese Entwicklung durch digitale Geschäftsmodelle nicht aufrechterhalten lassen. „Umso wichtiger ist es, dass das Treasury den Payment-Mix aktiv mitgestaltet“, meint Evers.

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