Das ESG-Rating kann bei der Einordnung helfen. Andrew Cave von Baillie Gifford kritisiert aber, dass Chancen in den Nachhaltigkeitsbewertungen nicht berücksichtigt werden.

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18.06.20
Asset Management

ESG-Ratings sind nur ein Puzzlestück im Anlageprozess

ESG-Ratings können Investoren helfen, sich in der Welt der nachhaltigen Anlagemöglichkeiten zu orientieren. Doch ganz sollte man sich nicht auf sie verlassen, denn die nachhaltigen Bewertungen haben auch Schwächen.

Die Debatte darüber, welche Rolle der Faktor Nachhaltigkeit in der Post-Krisenzeit spielen soll, beginnt gerade erst. Es scheint aber bereits absehbar, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Investmentmöglichkeiten weiter steigen könnte. „Ich sehe dafür eine gute Chance, da derzeit besonders stark über die gesellschaftliche Verantwortung aller Marktteilnehmer gesprochen wird“, sagt Andrew Cave, Head of Governance und Sustainability bei Baillie Gifford.

Eine der größten Herausforderungen ist, zu beurteilen, wie nachhaltig ein Unternehmen tatsächlich arbeitet. „Eine wichtige Orientierung bieten dabei ESG-Ratings, allerdings haben diese Nachhaltigkeitsbewertungen aus meiner Sicht einige Schwächen“, sagt Cave. „Sie betrachten vor allem die Downside – also die Risiken, die mit einer schlechten Nachhaltigkeitsbilanz einhergehen.“

Chancen in ESG-Ratings nicht berücksichtigt

Manchmal fließe auch ein Mangel an Informationen als negativer Faktor in die Bewertung ein. Ein Geschäftsmodell, das die Chance habe, einen positiven Impact für die Gesellschaft zu erzielen, werde dagegen in den Ratings nicht als positiver Faktor bewertet. „Deshalb müssen Asset Manager selbst einen Weg finden, diese möglichen Upside-Faktoren in ihre Investmentprodukte einfließen zu lassen.“

In Corona-Zeiten könnte man da beispielsweise an Unternehmen aus der Pharmaindustrie denken, die medizinische Produkte etwa auch für Entwicklungsländer erschwinglich machen wollen. „Als Leitrahmen für die Betrachtung der möglichen Chancen kann man die Sustainable Development Goals heranziehen, aber diese Ziele wurden nicht speziell für die Anwendung in einem Anlageprozess entwickelt“, erklärt Cave.

EU-Taxonomie kann helfen

Im Hinblick auf klimafreundliche Investitionen hat die EU die Taxonomie entwickelt, die Investoren helfen soll, nachhaltige Investmentmöglichkeiten zu identifizieren. Cave sieht das Projekt insgesamt als positiv an. „Bislang ist aber noch sehr unklar, wie wir diese Taxonomie ganz konkret auf unsere Prozesse anwenden können werden“, schränkt er ein. Denn die Taxonomie liste zwar klimafreundliche Wirtschaftsaktivitäten, aber der Aufbau der nachhaltigen Investmentprodukte liege immer noch bei den jeweiligen Asset Managern.

„Es gibt keine einfache Antwort für Investoren. Weder gibt es ein ideales ESG-Rating noch ist es mit einer Art Filter getan, der sich an der Taxonomie orientiert. Die Einschätzung der Nachhaltigkeit eines Unternehmens erfordert genauso wie die betriebswirtschaftliche und strategische Sicht eine gründliche, fundamentale Bottom-up-Analyse.“

Koegler[at]derTreasurer.de

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