Internationaler Zahlungsverkehr in Echtzeit

01.11.17 14:22

Blockchain-Start-up R3 greift Swift an

Von Sabine Paulus und Desirée Backhaus

Der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr ist ineffizient, langsam und teuer. Das Fintech R3 und 22 Großbanken wollen dieses Problem nun mit Hilfe der Blockchain-Technologie lösen – und attackieren damit den Finanznachrichtendienstleister Swift.

Eine Echtzeit-Lösung auf Basis der Distributed-Ledger-Technologie wird den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr revolutionieren.

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Eine Echtzeit-Lösung auf Basis der Distributed-Ledger-Technologie wird den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr revolutionieren.

Es ist eine bahnbrechende Nachricht für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Das Start-up R3 entwickelt zusammen mit 22 seiner Mitgliedsbanken eine Echtzeitlösung für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr, die auf der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) basiert, teilte das Fintech mit. Deutsche und europäische Kreditinstitute wie Barclays, BBVA, Commerzbank, DNB, HSBC, Intesa, KBC und Natixis sind an der Entwicklung beteiligt. Der Prototyp soll Ende dieses Jahres starten.

Damit hat R3, in dem sich mehr als hundert Banken und Technologieanbieter zusammengeschlossen haben, eigenen Angaben zufolge erstmals eine gemeinsam nutzbare Infrastruktur gebaut, die die komplette Abwicklung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs vereinfacht. Dies sei eine bahnbrechende Veränderung für jede Bank oder jedes Unternehmen, das grenzüberschreitende Zahlungen tätige, wird R3-CEO David Rutter zitiert.

Entscheidend sind dafür die Eigenschaften der DLT: Dabei handelt es sich um eine dezentrale Datenbank, bei der alle Teilnehmer in Echtzeit über denselben Informationsstand verfügen und Aktualisierungen automatisch im Konsens durchgeführt werden. Die DLT liegt der Blockchain-Technologie zugrunde.

Echtzeit-DLT-Lösung für Zahlungsverkehr basiert auf Corda

Die neue Lösung bildet die bereits existierenden Papiergeld-Währungen auf dem verteilten Kontobuch („Distributed Ledger“) ab und ist so programmiert, dass sie auch mit von Zentralbanken neu entwickelten digitalen Währungen interagieren kann. Dadurch soll R3 zufolge der weltweite Handel deutlich effizienter und schneller werden, da die grenzüberschreitenden Zahlungen in Echtzeit abgewickelt werden könnten.

Bislang dauern grenzüberschreitende Zahlungen oft Tage, was die Gebühren in die Höhe treibt, den Handel insgesamt verlangsamt und die Settlement- und Betrugsrisiken erhöht. Gerade bei exotischen Währungen ins außereuropäische Ausland haben Treasurer international tätiger Unternehmen mit einigen Herausforderungen bei der Zahlungsabwicklung zu kämpfen.

Bislang sind lediglich innerhalb einiger nationaler Zahlungsräume – beispielsweise in Großbritannien, Dänemark, Singapur und Australien – Echtzeitüberweisungen möglich. In 34 Ländern Europas starten am 21. November dieses Jahres die sogenannten Sepa Instant Payments. Allerdings werden zum Start nur einige wenige Banken ihren Kunden die Euro-Echtzeitzahlungen ermöglichen.

Die nun entwickelte Echtzeit-DLT-Lösung für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr basiert auf der Corda-Plattform. An dieser DLT-Open-Source-Plattform hatte mehr als die Hälfte der in R3 zusammengeschlossene Mitglieder zwei Jahre lang gearbeitet. Anfang Oktober ist eine erste Version von Corda live gegangen.

Nicht nur Evolution, sondern Revolution im Zahlungsverkehr

Mit seiner Echtzeit-DLT-Lösung für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr greift R3 den Finanznachrichtendienstleister Swift an. Die Bankgenossenschaft gilt heute als Rückgrat für den internationalen Zahlungsverkehr: Über sein Netzwerk können weltweit mehr als 10.000 Banken miteinander kommunizieren und so Zahlungen initiieren. Weil Swift aber kein globales Clearing-Netzwerk ist, erfolgt die Verbuchung der Zahlungen über Korrespondenzbanken. Doch diese Aufstellung ist ineffizient und sorgt – zum Leidwesen vieler Treasurer –  für erhebliche Verzögerung bei der Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungen.

Dieser Problematik ist sich auch Swift bewusst, weshalb der Finanznachrichtendienstleister Anfang 2016 seine Global Payments Innovation (GPI) Initiative ins Leben gerufen hatte. Ihr Ziel ist es, den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr durch einheitliche Standards im Korrespondenzbankengeschäft zu vereinfachen und zu beschleunigen. Auch Swift experimentiert dafür mit der Blockchain: Die Technologie könne dabei helfen, die Liquidität im Korrespondenzbankgeschäft zu optimieren und so die globale Zahlungsabwicklung zu beschleunigen, teilte Swift kürzlich mit.

Während Swift versucht mit der Blockchain den Status quo – und damit letztlich seine eigene Relevanz – zu sichern, geht R3 weiter: Das Konsortium will den Zahlungsverkehr über eine komplett neue Infrastruktur abwickeln. Bis zu einer Revolution ist der Weg allerdings noch weit.

Paulus[at]derTreasurer.de

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