EU-Richtlinie wenig genutzt

05.07.16 14:06

Working Capital Management: Zahlungsverzugsgesetz kaum bekannt

Von Sabine Paulus

Eine EU-Richtlinie, die die schlechte Zahlungsmoral in ganz Europa bekämpfen soll, wird kaum genutzt. Treasurer sehen in ihr eine Gefahr für das Working Capital.

Kaum ein deutsches Unternehmen nutzt das Zahlungsverzugsgesetz. Der Grund: Es ist nur den wenigstens bekannt.

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Kaum ein deutsches Unternehmen nutzt das Zahlungsverzugsgesetz. Der Grund: Es ist nur den wenigstens bekannt.

Kaum ein deutsches Unternehmen nutzt die EU-Richtlinie zur „Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr“. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter fast 9.500 Unternehmen – davon 772 deutsche Firmen – die der Kreditmanagement-Services-Anbieter Intrum Justitia in 29 Ländern zwischen Februar und April 2016 durchgeführt hat. Demnach wenden 87 Prozent der befragten deutschen Unternehmen das sogenannte Zahlungsverzugsgesetz auch zwei Jahre nach seiner Einführung kaum an. Das ist erstaunlich, schließlich sehen sieben von zehn der befragten kleinen bis mittelgroßen Unternehmen (KMU) in Deutschland – hochgerechnet rund 2,5 Millionen Firmen – Zahlungsverzug als Existenzbedrohung an.

Zudem sind die Schäden durch Zahlungsverzug enorm. „Circa 2,4 Prozent ihrer Umsätze müssen Unternehmen in Europa komplett abschreiben, rund 250 Milliarden Euro“, sagt Jürgen Sonder, Geschäftsführer von Intrum Justitia. In Deutschland sind es sogar 3,7 Prozent.

Zahlungsziele: Unternehmen nutzen Verzugsgebühr selten

Der Grund hierfür ist simpel: Kaum ein Unternehmen kennt das Zahlungsverzugsgesetz, obwohl es schon seit 22. Juli 2014 in deutsches Recht umgesetzt ist. Lediglich 12 Prozent der befragten deutschen Unternehmen sind über das neue Gesetz informiert – also nur rund jedes zehnte Unternehmen. Laut dem Gesetz müssen Unternehmen innerhalb von 60 Tagen ihre Rechnungen begleichen, öffentliche Stellen sogar schon innerhalb von 30 Tagen. Mit diesen Höchstgrenzen wollte die EU vermeiden, dass große Unternehmen mit viel Marktmacht kleineren Lieferanten längere Zahlungsziele aufzwingen können.

Es verwundert deshalb auch nicht, dass 87 Prozent der befragten deutschen Unternehmen die Verzugsgebühr von mindestens 40 Euro bei Forderungen gegen andere Firmen oder öffentliche Stellen nicht nutzen. Allerdings sind Großkonzerne strenger als kleine und mittelständische Unternehmen: Während 17 Prozent der größeren Unternehmen „manchmal“ die Zahlungsverzugsgebühr verlangen – 3 Prozent nutzen diese Möglichkeit sogar „immer“ –, sind es lediglich 4 Prozent bei den KMU. 90 Prozent der kleinen und mittelständischen Firmen verlangen die Gebühr „gar nicht“.

Damit zeigt sich die Richtlinie nach wie vor als weitgehend unwirksam. Über zwei Drittel (70 Prozent) der Unternehmen bemerken keinen Einfluss seit der Umsetzung in nationales Recht. Es sind zwar weniger Firmen als im vergangenen Jahr, als noch 86 Prozent von unveränderten Bedingungen berichteten, aber nach wie vor noch der überwiegende Teil.

Treasurer fürchten steigendes Working Capital

Deutsche Treasurer hatten im Vorfeld des Zahlungsverzugsgesetzes vor negativen Effekten für das Working Capital gewarnt: Wenn Kunden nun den in dem Zahlungsverzugsgesetz festgelegten Rahmen von 60 Tagen voll ausreizen, müssen Lieferanten nun mitunter länger auf die Bezahlung der Rechnungen warten. Die Folge: Zwischenfinanzierungen können nötig oder das Working Capital muss aufgestockt werden – für die Treasurer kontraproduktiv.

Diese Befürchtung hat sich aber nicht bewahrheitet: Die Zahlungsziele deutscher Unternehmen sind dem Atradius Zahlungsmoralbarometer 2016 vom April dieses Jahres zufolge die kürzesten in Westeuropa. Demnach liegen die Zahlungsziele, die die befragten deutschen Unternehmen ihren B2B-Kunden gewähren, durchschnittlich bei 20 Tagen nach Rechnungsdatum, sowohl für inländische als auch für ausländische Kunden.

Selbst deutsche Exporteure profitieren vom Zahlungsverzugsgesetz nur bedingt, da in vielen europäischen Ländern die Zahlungsziele ebenfalls unter 60 Tage liegen. Der EOS Studie „Europäische Zahlungsgewohnheiten“ 2016 zufolge liegen die durchschnittlichen Zahlungsziele in Spanien bei Geschäftskunden beispielsweise bei 45 Tagen (2015: 45 Tage, 2014: 64 Tage) und in Griechenland bei 53 Tagen (2015: 51 Tage, 2014: 56 Tage). Vor drei Jahren waren Experten davon ausgegangen, dass die Reform die Zahlungsmoral in Südländern verbessern könnte. Das ist zumindest in Spanien in den vergangenen zwei Jahren offensichtlich der Fall gewesen.

Paulus[at]derTreasurer.de

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