Audi und Lenzing führen Testtransaktionen durch

19.04.18 14:10

Blockchain-Plattform Batavia wickelt erste Handelsgeschäfte ab

Von Sabine Paulus

Als erste Blockchain-Plattform für Handelsfinanzierungen hat Batavia Pilottransaktionen mit zwei Firmenkunden abgeschlossen. Aber es ist noch ein langer Weg, bis die Lösung wirklich marktreif ist.

Audi, Trade Finance, Blockchain, Plattform, Commerzbank

Audi AG

Der Autobauer Audi hat die Trade-Finance-Blockchain-Plattform Batavia getestet.

Es ist ein Meilenstein in der Handelsfinanzierung: Auf der Blockchain-Plattform Batavia haben die ersten Live-Pilottransaktionen mit zwei Firmenkunden stattgefunden. Der deutsche Autobauer Audi und der österreichische Faserhersteller Lenzing haben als erste Unternehmen Handelsgeschäfte mithilfe der neuen Technologie durchgeführt. Das teilte das hinter der Plattform stehende Bankenkonsortium am heutigen Donnerstag mit.

Bei der ersten Transaktion verkaufte Audi Autos von Deutschland nach Spanien. „In Zusammenarbeit mit der Commerzbank haben wir über die Batavia-Plattform erstmals ein globales Handelsgeschäft auf Basis von Blockchain abgewickelt – effizient, sicher und transparent“, sagt Alexander Dietlmeier, Head of Group Treasury bei der VW-Tochter. Der Autobauer möchte eigenen Angaben zufolge die Blockchain-Technologie für weitere Anwendungsfälle in seinem Distributionsprozess erproben. „Für Audi ist Blockchain eine bedeutende Zukunftstechnologie“, sagt Dietlmeier.

Die zweite Pilottransaktion über Batavia arrangierte die Erste Group für ihren Kunden Lenzing. Dessen Tochtergesellschaft Lenzing Fibers lieferte Rohmaterialien für die Möbelproduktion aus Österreich ebenfalls nach Spanien.

UBS und IBM gaben den Anstoß zur Blockchain-Plattform Batavia

Die Trade-Finance-Blockchain-Plattform Batavia haben ursprünglich die Schweizer Großbank UBS und der Technologiekonzern IBM im Jahr 2016 ins Leben gerufen. Im Herbst vergangenen Jahres waren die Commerzbank, die österreichische Erste Group, die spanische Caixa Bank sowie die kanadische Bank of Montreal der Initiative beigetreten. Sie verfolgt das Ziel, eine Blockchain-basierte Plattform für die Handelsfinanzierung zu entwickeln.

Denn die neue Technologie bietet entscheidende Vorteile im Trade-Finance-Geschäft: Alle am Handel beteiligte Parteien – Importeur, Exporteur, Banken, Transporteure sowie weitere Player – sind über die dezentrale Datenbank direkt miteinander verbunden. So können alle Beteiligten auf die gleichen Daten zugreifen, die Interaktion erfolgt in Echtzeit. Zudem werden alle Vertragsbestandteile wie die Bestellung oder die Rechnungsstellung in der Blockchain abgebildet, eine papierbasierte Dokumentation ist nicht mehr nötig. Das macht die Handelsgeschäfte transparent und vereinfacht und beschleunigt die Prozesse deutlich.

Blockchain beschleunigt die Handelsfinanzierung

Die beiden Pilottransaktion haben diese Vorteile nun bestätigt: „Ohne Blockchain würde solch eine Transaktion wie die von Audi normalerweise ein bis zwei Wochen dauern“, sagt Michael Spitz, CEO von Main Incubator, der Forschungs- und Entwicklungseinheit der Commerzbank. „Die Testtransaktion, das heißt der Verkauf von Autos aus Deutschland nach Spanien, konnten wir nun innerhalb von 48 Stunden durchführen.“

Bei den Testtransaktionen wurden unterschiedliche Transportwege, mehrere Standorte und Handelspartner in verschiedenen Größen genutzt. Dies zeige, dass die skalierbare Plattform in der Lage sei, diverse Transaktionstypen abzuwickeln, teilte das Konsortium mit.

Blockchain erhöht IT-Sicherheit und erschwert Betrug

Den beteiligten Banken zufolge erhöht die neue Technologie außerdem die Sicherheit von Handelsgeschäften: Die Transaktionsdaten sind über die Blockchain vollständig verschlüsselt. Durch die verteilte Datenbanklogik werde eine Datenmanipulation verhindert, was die gängigen Betrugsszenarien erheblich erschwere.

Hinzu kommt, dass Batavia eine komplett offene Trade-Finance-Plattform ist, die vollständig mit anderen Plattformen und Diensten kompatibel ist. So können die beteiligten Banken ihren Kunden völlig neue Services anbieten, ohne diese selbst entwickeln zu müssen. Es ist beispielsweise möglich, mit Hilfe von angebundenen Track-and-Trace-Lösungen Produkte von der Herstellung bis zum Verbraucher über einen individuellen Code nachzuverfolgen. Auch Risikomanagementtools können die Handelspartner einbeziehen.

Batavia lässt We.Trade und Marco Polo hinter sich

Für Batavia sind die heutigen Live-Transaktionen ein Prestigeerfolg. Denn damit hat die Plattform das Wettrennen gegen ihren Konkurrenten We.trade gewonnen. Im FINANCE-TV-Interview vor eineinhalb Wochen hatte Thomas Dusch, stellvertretender Chef des Global Transaction Banking bei der Unicredit, noch den zeitlichen Vorsprung als Hauptvorteil von We.trade genannt: „Wir werden unserer Meinung nach die Ersten sein, die mit Use Cases am Markt sind.“

Die Blockchain-Trade-Finance-Lösung We.trade, die die Deutsche Bank, HSBC, KBC, Natixis, Rabobank, Société Générale und Unicredit vor rund einem Jahr initiiert hatten, will im zweiten Quartal dieses Jahres die ersten Livetransaktionen durchführen. Die dritte Blockchain-Plattform Marco Polo will im vierten Quartal dieses Jahres die ersten Firmenkunden angebunden haben.

Batavia hat noch einiges bis zur Marktreife zu tun

Auch wenn Batavia nun schon die ersten Transaktionen vorweisen kann, bleibt noch einiges zu tun. In den kommenden Monaten will das Konsortium eine vollständig marktreife Lösung aufbauen und sein Netzwerk weiter ausbauen. In diesem Zusammenhang würde auch eine Zusammenarbeit mit Fintechs, Finanzunternehmen sowie mit anderen Trade-Finance-Digitalisierungsinitiativen geprüft, teilte das Batavia-Konsortium mit.

Es seien noch weitere maßgebliche Schritte erforderlich, bevor Batavia in das Angebot der Erste Group für Geschäftskunden voll integriert werden kann, wird Patrick Götz, Head of Corporate Flow Products bei der in Wien ansässigen Erste Group Bank in einer Pressemitteilung zitiert.

Michael Spitz sieht das ähnlich: „Batavia ist noch nicht soweit, das bestehende Produkt zur Handelsfinanzierung in der Commerzbank abzulösen.“ Bis die Trade-Finance-Blockchain-Plattform marktreif sei, müssten beispielsweise noch Zollbehörden angebunden oder auch die Plattform in die ERP-Systeme der Firmenkunden integriert werden. „Bei der Testtransaktion mit Audi gab es keine Einbindung in das ERP-System des Autobauers“, sagt der Blockchain-Experte.

Zudem müssten die Funktionalitäten der Blockchain weiterentwickelt werden: Zwar sind schon sogenannte Smart Payments, also „intelligente Zahlungen“, möglich. Sie werden durch bestimmte Ereignisse in der Lieferkette, wie beispielsweise durch das physische Eintreffen der Ware am Zielort, automatisch ausgelöst und in der Blockchain erfasst. „Aber bislang gibt es noch kein ,cash on ledger‘. Es gibt keinen Krypto-Euro“, sagt Spitz. Die Zahlung erfolge immer noch über den klassischen Weg. In diesem Punkt arbeiten wir aber eng mit den Zentralbanken zusammen.“ Das erfordert Zeit und Geduld und kann möglicherweise noch Jahre dauern. Bis die Blockchain die traditionellen Angebote der Handelsfinanzierung ablöst, ist es noch ein langer Weg.

Paulus[at]dertreasurer.de

Blockchain gilt als eine der wichtigsten Zukunftstechnologien der Finanzbranche. Mit unserer Themenseite Blockchain bleiben Sie über die aktuellen Entwicklungen in der Nutzung der Technologie informiert.

Über aktuelle Entwicklungen in der Handelsfinanzierung können Sie sich auf unserer Themenseite Trade Finance informieren.