Erste Bank / Christian Wind

23.10.18
Finanzen & Bilanzen

Erste Group platziert ersten reinen Blockchain-Schuldschein

Premiere am Schuldscheinmarkt: Die österreichische Erste Group hat für den Autobahnbetreiber Asfinag einen Schuldschein allein über die Blockchain begeben. Der herkömmliche Platzierungsprozess ist nicht mehr nötig. Die Erste Group hat nun große Pläne.

Der erste reine Blockchain-Schuldschein kommt aus Österreich: Der Erste Group ist es nach eigenen Angaben gelungen, die erste in Europa zur Gänze auf Blockchain basierende Kapitalmarktemission an den Markt zu bringen. Das teilte die Bank soeben mit.

Pilotkunde ist der österreichische Autobahnbetreiber Asfinag, der über die neuentwickelte Plattform 20 Millionen Euro eingesammelt hat. Gezeichnet wurde die Transaktion unter anderem von den beiden österreichischen Assekuranzen Wiener Städtische Versicherung und der Donau Versicherungen sowie von der Hypo Vorarlberg.

Erste Group überholt LBBW

Damit gelingt den Österreichern ein wichtiger Durchbruch: Denn anders als bei den Schuldscheinemissionen von Daimler und Telefónica Deutschland, die die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) arrangiert hatte, lief die Transaktion von Asfinag nicht auch noch parallel über den herkömmlichen papierbasierten Emissionsweg ab. Die Vertragsgestaltung, die Dokumentation sowie der Vertrieb und die Zuteilung fanden komplett digital über die Blockchain-Plattform statt.

„Wir sind zuversichtlich, dass wir mit unserer Lösung ein robustes rechtliches Fundament haben“, erklärt Kathrin Gfall-Gapp, Leiterin der Capital Markets Rechtsabteilung  der Erste Group. Das gelte sowohl für zivilrechtliche Fragen wie die Gültigkeit technologiebasiert geschlossener Verträge als auch im Hinblick auf aufsichtsrechtliche Themen. Ein formales Gütesiegel von der österreichischen Bankenaufsicht FMA für die Erste Group Plattform gibt es allerdings nicht.

Rechtliche Fragen bleiben Herausforderung

In Deutschland gibt es bislang noch keine reine Blockchain-basierte Schuldscheinemission. Das liegt auch daran, dass interessierte Banken hierzulande noch mit der Bafin diskutieren. Diese Gespräche laufen bereits seit längerem. Im Januar hatte beispielsweise die Treasury-Abteilung von Telefónica Deutschland mit Vertretern der Aufsichtsbehörde über ihre Emission gesprochen. „Wir hoffen, dass von unserer Transaktion Signalwirkung ausgehen wird“, sagt Bernhard Leder, Leiter Group Markets Origination and Funding bei Erste Group.

Eine Anerkennung Blockchain-basierter Schuldscheinemissionen durch die deutsche Aufsicht wäre auch für die österreichische Erste Group ein wichtiger Schritt: Schließlich sitzt ein Gros der Schuldscheininvestoren in Deutschland – und ist ebenfalls Bafin-reguliert. Diese Investoren braucht die Erste Group, um Volumen auf die Plattform zu bekommen.

Blockchain-Schuldschein soll Vorteile haben

Der anfängliche Hype um Blockchain-Schuldscheine war zuletzt auch deshalb etwas abgekühlt, weil einige Markteilnehmer den Mehrwert der neuartigen Technologie für Schuldscheinemissionen generell in Frage stellten. Stattdessen rückten Plattformen auf Basis herkömmlicher Technologien in den Fokus: Das Fintech VC Trade etwa hat für seinen digitalen Marktplatz bereits sieben Banken gewonnen – darunter auch den Lokalrivalen der Erste Group, die Raiffeisen Bank International.

Die Erste Group glaubt dagegen an die Vorteile der Blockchain: „Erste Group hat sich auch andere Technologien angeschaut, ist aber zum Schluss gekommen, dass die Blockchain einen echten Mehrwert bietet“, sagt Karsten Meyer, Partner der Beratung d-fine, die die Bank bei der Konzeptionierung und der Umsetzung unterstützte. So sei etwa die Einsicht in die Transaktionshistorie hilfreich.

Blockchain: Aufwand sinkt „massiv“, Kosten wohl auch

Der Bank zufolge reduziert die eigene Plattform, die auf der Linux-Anwendung Hyperledger Fabric basiert, den Verwaltungsaufwand für Schuldscheinemissionen „massiv“. Statt mehrerer Tage könnten Transaktionsdokumente nun innerhalb weniger Sekunden erstellt werden. Quantifizieren will die Bank die Kostenvorteile durch die Automatisierung von Back-Office-Funktionen zwar nicht. Banker Leder räumt aber ein: „Der Druck auf die Gebühren, die mit Schuldschein- und Anleiheplatzierungen zu verdienen sind, dürfte weiter steigen.“

„Der Druck auf die Gebühren, die mit Schuldschein- und Anleiheplatzierungen zu verdienen sind, dürfte weiter steigen.“ 

Bernhard Leder, Erste Group

Die Emittenten können ihre Transaktionen auf der Plattform künftig selbst vermarkten, sofern sie das möchten. Die Erste Group tritt allerdings weiterhin als Arrangeur, Berater sowie als Betreiber des Marktplatzes in Erscheinung.

Welche Schuldscheinplattform setzt sich durch?

Andere Banken setzen ebenfalls auf digitale Schuldscheinplattformen: So hat die LBBW mit Debtvision Anfang Juni eine eigene Plattform an den Markt gebracht. Kurz danach stellte die HSBC ihre Lösung Synd-X vor. Hinzu kommt der bankübergreifende Ansatz von VC Trade. Aus Treasurer-Kreisen ist zu hören, dass Finanzverantwortliche den Aufwand der Anbindung an verschiedene Plattformen scheuen und deshalb abwarten, welcher der unterschiedlichen Ansätze die Nase vorn hat.

„Wir haben uns für eine eigene Plattform entschieden, um unsere Position als Innovator für wertschaffende Kundenlösungen zu untermauern“, erklärt Leder. Man sei aber offen für Kooperationen mit andere Häusern. Die offene Infrastruktur der Plattform erlaube eine schnelle Integration weiterer Banken und Plattformen.

Backhaus[at]derTreasurer.de

Welche weiteren Treasury-Anwendungen der neuartigen Technologie gibt es? Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unserer Themenseite Blockchain.

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