Chinesische Investoren zunehmend interessiert

21.03.17 15:18

Immer mehr Investoren buhlen um wenige Krisenfälle

Von Sabine Paulus

Die Konjunktur ist gut, dennoch rechnen Experten damit, dass der Markt für M&A-Transaktionen aus Krisensituationen wachsen wird. Immer mehr Investoren buhlen um angeschlagene Unternehmen.

Experten glauben, dass sich in diesem Jahr chinesische Investoren verstärkt auf dem deutschen Distressed M&A-Markt engagieren werden.

Pixfly/iStock/Thinkstock/GettyImages

Experten glauben, dass sich in diesem Jahr chinesische Investoren verstärkt auf dem deutschen Distressed M&A-Markt engagieren werden.

Der deutsche Markt für Unternehmensübernahmen aus Krisensituationen heraus wächst weiter. Das ist das zentrale Ergebnis der gerade veröffentlichten „Distressed M&A-Studie“, die die Beratung Roland Berger in diesem Jahr zum ersten Mal aufgelegt hat. Demnach sorgen vor allem der hohe Investitionsdruck bei Investoren, ein günstiges Finanzierungsumfeld und ein zunehmendes Interesse von Investoren aus dem Ausland für einen verstärkten Wettbewerb.

Für dieses Jahr rechnet in etwa die Hälfte der über 200 Befragten damit, dass gerade in der Automobilbranche und im Konsumgüterbereich Unternehmensübernahmen aus der Krise heraus zunehmen werden. Diese beiden Branchen waren der Studie zufolge auch im vergangenen Jahr diejenigen mit dem größten Anteil an Krisenfällen.

Chinesische Investoren auch an Distressed-Fällen interessiert

Ein Treiber für das Wachstum auf den deutschen Distressed-M&A-Markt ist für fast 90 Prozent der Befragten das zunehmende Interesse aus dem Ausland. Die deutliche Mehrheit der Umfrageteilnehmer rechnet mit einem verstärkten Engagement speziell von chinesischen Investoren.

Schon im vergangenen Jahr waren die Chinesen auf dem deutschen Distressed M&A-Markt aktiv. Ein bekanntes Beispiel ist der Schrottrecycler Cholz. Mitte vergangenen Jahres übernahm der chinesische Konzern Chiho-Tiande in einem ersten Schritt die Schulden von Scholz mit einem deutlichen Abschlag. Im September 2016 musste die Gründerfamilie Scholz dann ihre gesamten Anteile für den symbolischen Wert von 1 Euro an Chiho-Tiande abgeben.

Der Brexit spielt der Studie zufolge im deutschen Distressed-M&A-Markt hingegen nur eine marginale Rolle: 57 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU die Investitionen in deutsche Unternehmen nicht beflügeln wird.

Eher negativ sehen die Befragten die aktuelle Freigiebigkeit der Banken: Fast zwei Drittel der Befragten glauben, dass das aktuelle Niedrigzinsumfeld zu einer Verschleppung von Distressed M&A-Prozessen führen wird. Mittelfristig sei aber mit einem Anstieg von Distressed-Transaktionen zu rechnen.

Distressed-Käufer bevorzugen vorinsolvenzliche Verfahren

Die Berater von Roland Berger haben die Umfrageteilnehmer aber nicht nur nach der Verfassung des deutschen Distressed M&A-Markt befragt, sondern auch nach ihrer eigenen Arbeit. Demnach nutzen 70 Prozent der Befragten vorinsolvenzliche Verfahren, um Unternehmen zu erwerben. Auf Platz zwei liegt mit 67 Prozent der Kauf oder Verkauf von Unternehmen aus der Insolvenz heraus. „Dass vorinsolvenzliche Prozesse im Vergleich zu Verkäufen aus der Insolvenz heraus bevorzugt werden, deckt sich mit unserer Erfahrung“, sagt Sascha Haghani, Leiter der Restrukturierungssparte bei Roland Berger. „Die vorinsolvenzliche Sanierung hat viele Vorteile, vor allem für Unternehmen mit ,gesunden‘ Geschäftsmodellen.“

Das sieht auch die Europäische Union so, weshalb sie ein neues vorinsolvenzliches Sanierungsverfahren schaffen will. Die EU-Kommission hat hierfür Ende vergangenen Jahres schon einen Richtlinienentwurf vorgelegt, der Unternehmen, die im Kern gesund sind, aber mit einer hohen Schuldenlast kämpfen, eine frühzeitige Restrukturierung der Finanzschulden ermöglichen soll, ohne eine langwierige und stigmatisierende Insolvenz durchlaufen zu müssen. Den Plänen der EU zufolge sollen Unternehmen zum einen künftig nur einzelne Gläubigergruppen für die Sanierung heranziehen dürfen. Zum anderen sollen Gläubiger bei einem Schuldenschnitt in Zukunft auch überstimmt werden können. An dieser Einstimmigkeit scheitert heutzutage häufig eine vorinsolvenzliche Restrukturierung. Teilweise weichen Krisenunternehmen dann auf das englische „Scheme-of-Arrangement-Verfahren aus, um sich mit ihren Gläubigern zu einigen.

Paulus[at]derTreasurer.de

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