Erstes Halbjahr 2016

06.07.16 14:25

Jumbo-Schuldscheine sorgen für neuen Rekord

Von Sabine Paulus

Der Schuldschein ist bei CFOs und Treasurern so beliebt wie nie. Großvolumige Papier sind dabei keine Seltenheit. Doch gerade auch kleinere Unternehmen und ausländische Investoren entdecken den Markt für sich.

Der Baustoffkonzern HeidelbergCement hat im Januar dieses Jahres einen sechsjährigen Schuldschein über 625 Millionen Euro platziert.

HeidelbergCement

Der Baustoffkonzern HeidelbergCement hat im Januar dieses Jahres einen sechsjährigen Schuldschein über 625 Millionen Euro platziert.

Der Schuldscheinmarkt schreibt neue Rekorde. Das bestätigt eine aktuelle Auswertung der auf Unternehmensfinanzierung spezialisierten Beratungsgesellschaft Capmarcon. Demnach fanden im ersten Halbjahr dieses Jahres 53 Schuldscheintransaktionen in Höhe von 13,26 Milliarden Euro statt. „In den ersten sechs Monaten des Vorjahres wurden zwar ebenfalls 53 Transaktionen am Markt untergebracht, allerdings nur mit einem Volumen von 9,11 Milliarden Euro“, schreibt die Beratungsgesellschaft in ihrer Auswertung. So sei das durchschnittliche Emissionsvolumen per Transaktion deutlich von 170 Millionen Euro (1. Halbjahr 2015) auf 250 Millionen Euro (1. Halbjahr 2016) gestiegen. Insbesondere Schuldscheine im Volumen zwischen 200 Millionen Euro und 500 Millionen Euro haben demnach zugenommen.

Bei M&A-Finanzierungen Trend zu Jumbo-Schuldscheinen

„Gerade bei großvolumigen M&A-Finanzierungen ist der Schuldschein als Finanzierungsmittel sehr beliebt“, sagt Paul Kuhn, Leiter des Debt Capital Markets bei der BayernLB. Der Baustoffkonzern HeidelbergCement hat beispielsweise im Januar dieses Jahres einen sechsjährigen Schuldschein über 625 Millionen Euro platziert, um damit einen Teil der Brückenfinanzierung für die Übernahme des italienischen Konkurrenten Italcementi abzulösen. „Im vergangenen Herbst haben wir begonnen, die Refinanzierung zu planen“, sagt Group Treasurer Severin Weig, der im Frühjahr 2015 die Nachfolge von Henner Böttcher als Treasury-Chef von HeidelbergCement angetreten hatte. „Dabei stellte sich schnell heraus, dass ein Schuldscheindarlehen kurzfristig viel attraktiver ist als eine Bondemission.“

Der schwäbische Maschinen- und Anlagenbauer Dürr hat sich mit der Platzierung eines Schuldscheindarlehen über 300 Millionen Euro zwar keine konkrete M&A-Finanzierung gesichert, aber er sieht sich damit für weitere Akquisitionen gerüstet: „Den Emissionserlös werden wir neben der Stärkung der operativen Liquidität auch für Zukäufe verwenden“, kündigte Peter Härle, Vice President Corporate Finance & Treasury bei Dürr im Frühjahr dieses Jahres an, schränkt aber ein: „Ein konkretes Target haben wir zurzeit nicht im Auge.“

Aber nicht nur M&A-Transaktionen sorgen für großvolumige Schuldscheine. Der Sportwagenhersteller Porsche hat beispielsweise Anfang März einen Mega-Schuldschein mit einem Volumen von 1,1 Milliarden Euro platziert, um eine Anleihe über 1 Milliarde Euro zu refinanzieren. „Der Schuldschein ist der größte unserer Unternehmensgeschichte und insgesamt eine der größten Schuldscheintransaktionen der letzten Jahre“, sagt Christoph Kulik, Leiter Corporate Finance und Treasury bei Porsche. Anfangs wollte er den Bond nur anteilig refinanzieren: „Ursprünglich waren wir mit 200 Millionen Euro an den Markt gegangen, wenngleich wir optimistisch waren, das wir aufstocken könnten“, übt sich Kulik im Nachhinein in Understatement. Am Ende erhöhte er das Volumen um mehr als das Fünffache und unterstützt damit auch die „ambitionierten Investitionsvorhaben“ des Unternehmens.

Viele Debütemittenten am Schuldscheinmarkt

Doch nicht nur namhafte Unternehmen wie Porsche, Stada oder Dürr haben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres den Schuldscheinmarkt angezapft. Auch kleinere Unternehmen kommen zunehmend auf den Geschmack. Der Anteil der Debütemittenten lag im ersten Halbjahr bei rund 40 Prozent. Einer von ihnen ist die Schön Klinik mit Sitz in Prien am Chiemsee. Die Klinikgruppe hat die gute Lage am Schuldscheinmarkt genutzt und einen Schuldschein über 125 Millionen Euro platziert. „Damit können wir Genussrechte zurückzahlen, die in den kommenden beiden Jahren fällig werden“, sagt Sascha Röber, Bereichsleiter Finanzmanagement bei der Klinikgruppe. Kleinere Unternehmen gehen an den Schuldscheinmarkt, um dort Beträge ab 25 Millionen aufzunehmen. Die Spanne an Transaktionsvolumina reichte im 1. Halbjahr 2016 Capmarcon zufolge von 25 Millionen Euro bis 1,7 Milliarden Euro.

Zunehmend zapfen auch ausländische Emittenten den deutschen Schuldscheinmarkt an. Bezogen auf die Transaktionen waren der Beratung Capmarcon zufolge 38 Prozent der Emittenten ausländische Unternehmen, der volumengewichtete Anteil lag bei mehr als 26 Prozent. Der Anteil französischer und niederländischer Unternehmen nahmen dabei gegenüber dem Vorjahr deutlich zu.

Schuldscheine nicht mehr nur für Investmentgrade-Adressen

Viele der Schuldscheine im ersten Halbjahr waren deutlich überzeichnet. Der Internetkonzern Freenet sammelte 560 Millionen Euro über einen Schuldschein ein. Ursprünglich hatte das Telekommunikationsunternehmen nur 300 Millionen Euro angepeilt, es hatte aber signalisiert, dass auch ein höheres Volumen möglich sei. Diese hohen Überzeichnungen zeigen, wie dringend Investoren nach guten Anlagemöglichkeiten suchen. „Trotz der gegenwärtig niedrigen Verzinsung von Schuldscheinen bietet dieses Marktsegment Anlagemöglichkeiten, wie sie mit vergleichbarem Rendite-Risiko-Profil gegenwärtig nur schwer zu finden sind“, kommentiert Capmarcon. Deshalb geht die Beratung auch von einer weiter steigenden Zahl an Investoren aus.

Das kommt auch den Emittenten zugute. Schon jetzt zeigt sich, dass immer mehr Unternehmen aus dem Cross-Over-Bereich wie etwa der Roboterhersteller Kuka oder der Anlagenbauer Voith den Schuldscheinmarkt für sich entdecken. Früher stand dieses Instrument nur Investmentgrade-Adressen zur Verfügung. Einige Marktexperten betrachten diese Entwicklung besorgt. So warnte beispielsweise die Ratingagentur Scope vor einiger Zeit vor einem Qualitätsverlust des Segments, da sich immer mehr kleine, bonitätsschwache Unternehmen über einen Schuldschein frisches Kapital holen. Das Risiko von Zahlungsausfällen könnte steigen, vor allem wenn sich die Konjunktur eintrübt.

Zudem spiegelt die Verzinsung das entsprechende Risiko nicht immer wider. „Viele Emittenten, die an sich ein Rating unterhalb des Investmentgrades haben, erhalten Schuldscheine zu Investmentgrade-Konditionen“, sagt Tobias Mock, Deutschlandchef der Ratingagentur Standard&Poor’s (S&P). BayernLB-Schuldscheinexperte Paul Kuhn glaubt hingegen nicht, dass sich das Segment sehr stark für Unternehmen im Non-Investmentgrade-Bereich öffnen wird. „Das würde dem Segment auf Dauer zu sehr schaden, und das ist nicht im Interesse der Banken, die als Arrangeure auftreten.“

Der Hype am Schuldscheinmarkt dürfte auch im kommenden Quartal weiter ungebrochen sein. „Aktuell sind zahlreiche Transaktionen in der Vorbereitung, ein ebenso starkes drittes Quartal ist sehr wahrscheinlich“, prognostiziert Capmarcon. 2016 dürfte damit ein weiteres Rekordjahr für den Schuldscheinmarkt werden.

Paulus[at]derTreasurer.de

Warum Treasurer den Schuldschein als Finanzierungsinstrument nutzen, erfahren Sie auf unserer Themenseite Schuldschein.