Emittenten können Schuldschein „vollständig selbst“ platzieren

04.06.18 10:02

LBBW und Börse Stuttgart starten Schuldscheinplattform Debtvision

Von Sabine Paulus

Die Konkurrenz unter den Schuldscheinplattformen wächst. Nun legt auch die LBBW gemeinsam mit der Börse Stuttgart eine digitale Plattform für Schuldscheine auf. Erster Emittent bei Debtvision ist ein bekannter Agrarhändler.

Die LBBW ruft gemeinsam mit der Börse Stuttgart eine digitale Plattform für Schuldscheine ins Lebens.

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Die LBBW ruft gemeinsam mit der Börse Stuttgart eine digitale Plattform für Schuldscheine ins Lebens.

Die Auswahl an digitalen Schuldscheinplattformen wird größer: Die LBBW und die Börse Stuttgart haben eine digitale Plattform für Schuldscheine ins Leben gerufen. Am heutigen Montag startet die erste Transaktion über die Plattform namens Debtvision. Der Handels- und Dienstleistungskonzern Baywa vermarktet darüber einen Schuldschein exklusiv.

Nach zahlreichen klassischen Emissionen am Kapitalmarkt wählen wir nun erstmalig eine digitale Lösung, um vom Effizienzgewinn zu profitieren“, sagt Baywa-CFO Andreas Helber. „Wir versprechen uns den Zugang zu einer neuen und innovativen Finanzierungsoption.“ Baywa untermauere mit dieser „digital basierten Kapitalmarktfinanzierung“ seine „digitale Innovationsbereitschaft nicht nur im Kerngeschäft, sondern auch in den Corporate Functions“, erklärt der Baywa-Finanzchef weiter. Details zur Transaktion, wie geplantes Volumen und Laufzeit, sind allerdings nicht bekannt.

Debtvision hat zunächst Fokus auf erfahrene Schuldscheinemittenten

Emittenten, die die neue Plattform nutzen möchten, sollten aber einige Voraussetzungen erfüllen. Debtvision richtet sich beispielsweise ausschließlich an Unternehmen mit einer Bonität im Investmentgrade. Ein externes Rating ist allerdings nicht notwendig. Zudem fokussiert sich die LBBW eigenen Angaben zufolge zunächst auf „erfahrene Emittenten“, die bereits im Markt aktiv gewesen sind. „Wir haben kein Problem damit, auch Debütemittenten ihre Emission über die Plattform abwickeln zu lassen“, sagt Joachim Erdle, Leiter Corporate Finance bei der LBBW. „Diese stehen aber zu Beginn nicht in unserem Fokus.“

Der geplante Schuldschein sollte ein Mindestvolumen von 20 Millionen Euro haben. „Weniger macht im Moment aus Kostengründen keinen Sinn“, sagt Erdle. Wenn der Marktplatz sich aber etabliert habe, seien kleinere Volumina ebenfalls möglich, da die Kosten durch die Plattform günstiger würden – und damit auch kleinere und mittlere Unternehmen perspektivisch eine mögliche Zielgruppe. Vermutlich wegen der schwierigen Erfahrungen, die die Stuttgarter Börse mit dem Mittelstandsanleihensegment BondM machte, stellt sich bei dem neuen Ansatz noch mehr die Frage nach der Qualität der Emittenten.

Schuldscheinplatzierung: doppelt so schnell und deutlich günstiger

Laut LBBW und Stuttgarter Börse winken bei Nutzung der digitalen Plattform handfeste Vorteile: Insgesamt sollen Emittenten durch eine Platzierung über Debtvision im Vergleich zur herkömmlichen Schuldscheinplatzierung 50 Prozent der Kosten und 50 Prozent der Zeit sparen können, sobald die digitale Plattform mit der Blockchain verbunden ist. Diese Technologie nutzten unabhängig von Debtvision bereits der Autobauer Daimler und der Mobilfunkkonzern Telefónica gemeinsam mit der Landesbank.

Der Grund: Durch die Verknüpfung des digitalen Marktplatzes mit der Blockchain, die den Initiatoren zufolge noch im Laufe dieses Jahres umgesetzt werden soll, wird der gesamte Schuldscheinprozess digital: von der Vorbereitung über die Vermarktung bis hin zur Umsetzung und Abwicklung. Das heißt, manuelle Prozesse, die beim herkömmlichen Weg noch eine Schuldscheintransaktion prägen, entfallen.

LBBW macht sich selbst als Intermediär überflüssig

Ein großer Vorteil für die Emittenten ist zudem, dass die Unternehmen den gesamten Prozess „vollständig selbst durchführen“ können, wirbt die LBBW. Das heißt, Banken können bei Debtvision als Intermediäre entfallen – und die LBBW macht sich in dem Prozess selbst überflüssig. „Ja, das ist eine der Konsequenzen, die damit verbunden sein kann“, bestätigt denn auch Banker Erdle auf Rückfrage von DerTreasurer. „Durch eine komplette Digitalisierung des Schuldscheinprozesses wird unsere Rolle neu definiert und die Beratung rückt noch stärker in den Fokus.“

Beratung und Strukturierung werde auch weiterhin bei vielen Transaktionen Bestand haben und könnten nicht digitalisiert werden, sagt Erdle. „Es ist unser ureigenes Geschäft, die passende Finanzierung für ein Unternehmensvorhaben zu finden. Bei Frequent Issuern mag solch eine Unterstützung nicht mehr notwendig sein.“

Damit geht Debtvision einen ähnlichen Weg wie die beiden digitalen Plattformen Credx und Firstwire, die auf Ihren Plattformen ebenfalls Emittenten und Investoren direkt zusammenbringen und auf Banken als Vermittler und Arrangeure verzichten.

LBBW sieht sich im Vorteil gegenüber anderen digitalen Plattformen

Die Konkurrenz- und Arranger-Plattform VC Trade, mit der die Helaba Mitte März gestartet ist und der sich inzwischen auch die BayernLB angeschlossen hat, geht da einen anderen Weg. Zudem will die Landesbank mit den Stammregionen in Hessen und Thüringen explizit auch Wettbewerber an Bord holen. „VC Trade ist keine Plattform, die die Helaba allein bespielen will“, sagte Helaba-Banker Andreas Petrie vor zweieinhalb Monaten zu DerTreasurer. „Nur diejenigen Plattformen, die für andere [Banken] offen sind, haben Zukunft.“ Die LBBW ist da deutlich zurückhaltender: Grundsätzlich sei Debtvision ebenfalls offen für andere Banken. Zunächst stehe aber im Fokus, die Plattform schnell weiterzuentwickeln, heißt es seitens der süddeutschen Landesbank.

Auf die Frage, warum sich die LBBW nicht selbst VC Trade angeschlossen hat, sagt Banker Erdle: „Die Kombination von digitaler Plattform und Blockchain bildet bislang kein anderer Marktplatz ab. Aber wir bieten schon in Kürze alles zusammen an, was zur Umsetzung des digitalen Schuldscheinprozesses nötig ist.“ Zusätzliche Funktionalitäten wie Ratingservices und eine Kommunikation via Chat sollen kontinuierlich hinzukommen.

Weitere Transaktionen sind schon in Sicht: „In den nächsten ein bis zwei Monaten werden wir noch mehrere Transaktionen sehen“, ist Erdle zuversichtlich. Ziel ist es, so schnell wie möglich weitere Investoren anzubinden, sagt der Banker. Im Moment hat sich ihm zufolge bereits eine zweistellige Investorenanzahl Debtvision angeschlossen.

Debtvision soll sich zur Trading-Plattform entwickeln

Hinzu kommt, dass Debtvision perspektivisch auch den reinen Handel mit Schuldscheinen ermöglichen und so ein Sekundärmarkt entstehen soll. „Wir möchten Debtvision von der Vermarktungsplattform zu einer Trading-Plattform weiterentwickeln und dafür ist die Börse Stuttgart der ideale Partner“, sagt Erdle.

Beide Finanzdienstleister haben hierfür extra ein gemeinsames Tochterunternehmen in Stuttgart gegründet. Allerdings ist es im Moment noch ungewiss, ob sich der Schuldschein von einem Buy-and-hold-Instrument zu einem gehandelten Instrument entwickeln wird. Viele Emittenten schätzen den im Gegensatz zur Anleihe privaten und nicht börsengehandelten Charakter des Instruments.

Konsolidierung unter den digitalen Plattformen wahrscheinlich

Debtvision gesellt sich mit dem heutigen Vermarktungsstart des Baywa-Schuldscheins nun zu den anderen digitalen Emissionsplattformen zur Fremdkapitalaufnahme wie VC Trade, Credx, Firstwire und der European Private Placement Facility (EPPF) dazu. All diese Plattformen stehen noch am Anfang. Bislang ist noch nicht absehbar, welcher der digitalen Marktplätze sich durchsetzen kann und wir. Eine Auslese, insbesondere bei den Schuldscheinplattformen, ist aber sehr wahrscheinlich.

Die LBBW hat indes eine klare Vision: „Debtvision soll ein bedeutender europäischer Marktplatz für Debt-Produkte werden“, sagt Erdle selbstbewusst. Im kommenden Jahr sollen weitere Debt-Produkte auf die Plattform gehoben werden.

Paulus[at]derTreasurer.de

Fintechs werden auch für Treasurer immer interessanter. Welche neuen Anbieter es gibt, warum Unternehmen die innovativen Technologien nutzen und wie Banken darauf reagieren, erfahren Sie auf der Themenseite Fintechs im Treasury. Mehr dazu auch in der Printausgabe 01-2018 von DerTreasurer, die Sie hier als E-Paper bestellen können.

Mehr zu den Schuldschein-Trends erfahren Sie auf der gleichnamigen Themenseite.