Schott-Treasury-Chef Dieter Worf hat die Blockchain-Plattform Marco Polo getestet.

Bernd Roselieb

28.05.19
Finanzen & Bilanzen

Schott wickelt Handelsgeschäft über Blockchain-Plattform Marco Polo ab

Zwischen Asien und Europa: Der deutsche Spezialglashersteller Schott hat gemeinsam mit einem thailändischen Verpackungshersteller ein internationales Handelsgeschäft über die Blockchain-Plattform Marco Polo abgewickelt. Noch handelt es sich um ein Pilotprojekt.

Die Blockchain-Plattform Marco Polo entwickelt sich weiter: Nach den ersten Pilottransaktionen im März dieses Jahres, bei denen mit dem Technologiekonzern Voith, dem Pumpen- und Armaturenhersteller KSB, der Commerzbank und der LBBW allein deutsche Parteien beteiligt waren, hat nun die erste Transaktion zwischen deutschen und asiatischen Parteien stattgefunden.

Dabei hat der Spezialglashersteller Schott ein internationales Handelsgeschäft mit Hilfe der Blockchain digital über das Trade-Finance-Netzwerk Marco Polo abgewickelt. Beteiligt waren daran noch der thailändische Verpackungshersteller A.P.A. Industries und die beiden Kreditinstitute Bangkok Bank und Commerzbank, wie DerTreasurer erfahren hat. Im Rahmen dieser Pilottransaktion haben die Mainzer Glasröhren an A.P.A. Industries geliefert. Der thailändische Verpackungshersteller stellt mit ihnen pharmazeutische Verpackungen für den asiatischen Markt her.

Schott hofft auf Automatisierung des Handelsgeschäfts

Für Schott gibt es gute Gründe, um Pionierarbeit in Sachen Blockchain zu leisten. „Wir erwarten, dass die Distributed Ledger Technology (DLT) unser internationales Geschäft erheblich vereinfacht und beschleunigt“, sagt Mark Siegel, Senior Manager Treasury bei dem Spezialglashersteller. Die Mainzer hoffen eigenen Angaben zufolge, dass die DLT und das Marco-Polo-Projekt dazu beitragen werden, die Automatisierung des internationalen Handelsgeschäfts zu verbessern und zu standardisieren.

Aber nicht nur im Trade-Finance-Geschäft wird Schott von den gesammelten Kenntnissen profitieren können, glaubt Dieter Worf, Leiter Treasury bei dem Spezialglashersteller: „Durch die Teilnahme am Pilotprojekt haben wir auch mehr Erfahrung mit der DLT gesammelt, die wir in anderen Bereichen einsetzen können.“

Immer noch keine Live-Transaktionen auf Marco Polo

Allerdings handelt es sich bei dem internationalen Handelsgeschäft zwischen Schott und A.P.A. Industries nicht um eine Live-Transaktion. Wie bei Voith und KSB im März wurden erneut historische Daten genutzt, um den Deal zu simulieren. Das bedeutet: Ein bereits zwischen Schott und A.P.A. Industries durchgeführtes Handelsgeschäft wurde realistisch auf Marco Polo nachgebildet und über die Blockchain abgewickelt.

„Wir erwarten, dass die DLT unser internationales Geschäft erheblich vereinfacht und beschleunigt.“

Mark Siegel, Senior Manager Treasury, Schott

Dabei haben die Unternehmen Bestell- und Lieferdaten über das Marco-Polo-Netzwerk abgestimmt. Die Zahlung wurde durch eine unwiderrufliche Zahlungsverpflichtung der Bangkok Bank, als Bank des Käufers, abgesichert. Alle beteiligten Parteien – A.P.A. Industries, Bangkok Bank, Commerzbank und Schott – konnten eigenen Angaben zufolge die Handelsdaten gleichzeitig über speziell eingerichtete digitale Knoten, sogenannte „Nodes“, einsehen. Sie kommunizierten über die Blockchain-Technologie Corda des Fintechs R3 im Marco-Polo-Netzwerk miteinander.

„Unsere Technik funktioniert“, sagt Angela Koll, Senior Product Manager für Trade und Supply Chain Finance bei der Commerzbank, zu DerTreasurer. „Die Piloten beweisen, dass wir die Daten alle live sehen können, sobald sie im DLT-Netz ausgetauscht werden.“ Aber noch sei für das Payment Commitment, eines der Module von Marco Polo, keine Produktionsreife erreicht. „Wir hoffen, dass wir Ende des Jahres so weit sind, dass wir im kommenden Jahr erste Live-Transaktionen sehen werden.“

ERP-Anbindung an Marco Polo via Schnittstelle geplant

Weitere Schritte des Blockchain-Netzwerks sind schon anvisiert: Es sollen beispielsweise die ERP-Systeme der Firmenkunden via Schnittstelle direkt an Marco Polo angeschlossen werden, um den Unternehmen einen „nahtlosen“ Prozess anzubieten. Externe Service- und Logistikanbieter, Versicherungen und Kreditversicherer sollen ebenfalls angeschlossen werden, um die gesamte Wertschöpfungskette im Außenhandelsgeschäft abbilden zu können.

Aber das ist noch Zukunftsmusik: „Wir sprechen mit diesen Partnern aus der Transport- und Versicherungswirtschaft, aber wir werden sie aus technischen und zeitlichen Gründen vorraussichtlich erst im nächsten Jahr an das Netzwerk anbinden können“, sagt Commerzbankerin Koll weiter.

Derzeit gehören 22 Banken aus Europa, dem asiatisch-pazifischen Raum, Russland, dem Nahen Osten sowie Nord- und Südamerika der Plattform Marco Polo an. Zu ihnen zählen neben der Commerzbank, der BNP Paribas, der ING und Standard Chartered Bank, die die Initiative im September 2017 ins Leben gerufen haben, noch die LBBW, die Crédit Agricole, Natwest, Natixis, RBI und weitere internationale Banken.

Erst vor einigen Wochen sind die beiden Landesbanken BayernLB und Helaba sowie der Marktfolge-Dienstleister S-Servicepartner dem Trade-Finance-Netzwerk beigetreten. Dadurch könnte die Plattform auch für kleine und mittelständische Unternehmen interessant werden.

Blockchain treibt automatischen Datenabgleich voran

In den nächsten Wochen und Monaten hat der Bankerin zufolge die Produktentwicklung von Marco Polo oberste Priorität. Die Plattform bietet neben dem Modul Payment Commitment noch ein zweites Produkt an: das Modul Receivable Finance. „Insbesondere das Produkt Payment Committment müssen wir noch weiterentwickeln und komplettieren“, sagt Koll. Die Bankerin sieht dieses Produkt als „zweite Generation der Bank Payment Obligation“, kurz BPO, an, denn damit habe der automatische Datenabgleich über eine Plattform seinen Anfang genommen.

„Wir haben nun mit DLT und der Möglichkeit der Anbindung von ERP-Systemen und weiteren Netzwerken entscheidende Möglichkeiten der Skalierung. Ich sehe schon jetzt für das Payment Commitment von Marco Polo vielversprechende Möglichkeiten der Marktdurchdringung aufgrund der steigenden Anzahl der Marco-Polo-Banken und dem großen Interesse weiterer Marktteilnehmer“, sagt Koll.

Hinzu kommt, dass Swift die Trade Services Utility (TSU) als Matching-Plattform für die BPO Ende 2020 nicht weiter unterstützen wird. Ein möglicher Grund hierfür könnte sein, dass BPO bislang noch nicht wirklich den Durchbruch am Markt feiern konnte. Die Herausforderung ist, dass zu viele Parteien von den Vorteilen der BPO überzeugt werden mussten. Das ist bisher noch nicht gelungen.

Blockchain hilft bei digitalen Handelsfinanzierungen

Mit der Blockchain nimmt die Digitalisierung der Handelsfinanzierung und die Automatisierung des Datenabgleichs aber neue Fahrt auf. Die Plattform Marco Polo konzentriert sich deshalb eigenen Angaben zufolge darauf, die Daten des Handelsgeschäfts auf die Blockchain zu heben und zugunsten einer Risikoabsicherung und Finanzierung für unsere Firmenkunden zu nutzen. Langfristig sollen die physischen Dokumente durch Daten ersetzt werden. „Im Trade-Finance-Bereich werden wir allerdings noch einen längeren Zeitraum in einer Parallelwelt arbeiten“, sagt Koll.

„Wir haben mehr Erfahrung mit der DLT gesammelt, die wir in anderen Bereichen einsetzen können.“

Dieter Worf, Leiter Treasury, Schott

Insbesondere die Vielzahl an physisch vorhandenen Dokumenten macht die traditionelle Absicherung von Handelsgeschäften aufwendig, komplex und langwierig. Durch die Digitalisierung könnten bei jeder Transaktion bis zu 100 Seiten an Unterlagen eingespart werden, prognostizierte die Internationale Handelskammer vor einem Jahr. Ihr zufolge beruhte 2017 ein Großteil der Transaktionen von über 9 Billionen US-Dollar auf dem Austausch von Dokumenten.

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