Die Industrieunternehmen Voith und KSB haben zwei voneinander unabhängige Handelsgeschäfte über die Blockchain-Plattform Marco Polo abgewickelt.

links: Voith GmbH & Co. KGaA, rechts: KSB SE & Co. KGaA; Montage: DerTerasurer

28.03.19
Finanzen & Bilanzen

Voith und KSB testen Blockchain-Plattform Marco Polo

Nach Voltron und We.trade kann jetzt auch die Trade-Finance-Blockchain-Plattform Marco Polo Pilottransaktionen vorweisen. Die deutschen Industrieunternehmen Voith und KSB haben darüber Handelsfinanzierungen getestet. Doch noch gibt es einige Hürden bis zur Serienreife.

Ein großer Schritt für die Blockchain-Plattform Marco Polo: Die Commerzbank und die LBBW haben zusammen mit dem Technologiekonzern Voith und dem Pumpen- und Armaturenhersteller KSB erstmals Handelsgeschäfte digital abgewickelt. Sie zogen dafür das Trade-Finance-Netzwerk Marco Polo heran, das die Blockchain-Technologie Corda des Fintechs R3 nutzt. Das teilten die Banken und Unternehmen am heutigen Donnerstag gemeinsam mit.

Dabei haben Voith und KSB zusammen mit den beiden Banken zwei voneinander unabhängige Handelsgeschäfte über die Trade-Finance-Plattform abgewickelt. Bei dem ersten Geschäft lieferte Voith hydraulische Spezialkupplungen von Deutschland nach China an die dortige KSB-Gesellschaft, bei der zweiten Transaktion lieferte KSB innerhalb Deutschlands Pumpen an Voith.

Noch keine Live-Transaktionen auf Marco Polo

Allerdings handelt es sich bei den beiden Handelsgeschäften zwischen Voith und KSB nicht um Live-Transaktionen. Vielmehr wurden historische Transaktionen, die auf dem klassischen Weg zwischen den beiden Unternehmen bereits stattgefunden hatten, realistisch auf Marco Polo nachgebildet und über die Blockchain abgewickelt.

„Wir wollten die Plattform so realitätsnah wie möglich testen“, sagt Tobias Nafe, Firmenkundenbetreuer für Trade und Export Finance bei der LBBW, die seit November 2018 dem Netzwerk Marco Polo angehört. „Jeder Kunde sollte einmal die Rolle des Käufers und einmal die des Lieferanten einnehmen, so dass er die Funktionalitäten auf beiden Seiten kennenlernen konnte.“

„Damit haben wir gezeigt, dass die Distributed-Ledger-Technologie funktioniert“, sagt Nikolaus Giesbert, Bereichsvorstand Trade Finance & Cash Management der Commerzbank. „Nun können wir den nächsten Schritt gehen.“ Es sollen beispielsweise die ERP-Systeme der Firmenkunden via Schnittstelle direkt an das Marco-Polo-Netzwerk angeschlossen werden, um den Unternehmen einen „nahtlosen“ Prozess anzubieten.

Voith und KSB wollen Blockchain-Produkte mitgestalten

Für Voith und KSB gibt es gute Gründe Pionierarbeit in der Handelsfinanzierung zu leisten. Voith hatte eigenen Angaben zufolge den Markt für aktuelle Distributed-Ledger-Technologie-Lösungen sondiert und sich aufgrund der Architektur und Vielzahl der aktuellen und geplanten Module dazu entschieden, im ersten Schritt Marco Polo und die darunterliegende Corda-Technologie zu testen.

„Es ist spannend zu sehen, wie in einem so ,verstaubten‘ Bereich wie Trade Finance neueste Technologien eingesetzt werden.“

Ralf van Velzen, Leiter Exportfinanzierung, KSB

„Voith ist stets an innovativen, technologischen Lösungen im Finanzbereich interessiert“, sagt Gerald Böhm, Leiter Guarantees und Trade Finance bei Voith. Die Zusammenarbeit mit LBBW und Commerzbank böte die Möglichkeit, „die Unternehmenssicht in die Weiterentwicklung der angebotenen Produkte einzubringen und aktiv mitzugestalten“, meint der Finanzspezialist.

Auch die Finanzverantwortlichen des Pumpen- und Armaturenherstellers KSB sind vom Mehrwert, den die Blockchain in der Handelsfinanzierung liefern kann, überzeugt: „Mit Marco Polo sehen wir die Chance, in diesem Bereich der Zahlungsabwicklung und -absicherung einen großen Schritt zu mehr Sicherheit, einer höheren Effizienz und höherer Geschwindigkeit zu gehen“, sagt Ralf van Velzen, Leiter Exportfinanzierung bei KSB. Es sei „spannend zu sehen, wie in einem so ,verstaubten‘ Bereich wie Trade Finance neueste Technologien wie Distributed Ledger“ eingesetzt würde.

Ziel vom Marco Polo: Dokumente durch Daten ersetzen

Marco Polo ist nicht die einzige Plattformen, die mit der Blockchain in der Handelsfinanzierung experimentiert. Daneben gibt es beispielsweise noch die beiden Trade-Finance-Plattformen We.trade und Voltron, auf denen bereits erste Transaktionen stattgefunden haben. „Marco Polo konzentriert sich darauf, die Daten des Handelsgeschäfts auf die Blockchain zu heben und zugunsten einer Risikoabsicherung und Finanzierung für unsere Firmenkunden zu nutzen“, sagt Angela Koll, Senior Product Manager für Trade und Supply Chain Finance bei der Commerzbank.

Zunächst gehe es um einen sicheren und schnellen Datenaustausch. „Unser Ziel ist es, die physischen Dokumente langfristig durch Daten zu ersetzen“, sagt Koll weiter. „Das wird ein längerer Weg der Transformation“, ergänzt Commerzbank-Bereichsvorstand Giesbert. „Bis dahin agieren wir mit Daten, gegebenenfalls werden parallel Dokumente außerhalb von Marco Polo erstellt und vom Lieferanten direkt an den Käufer versandt“, sagt Commerzbank-Bereichsvorstand Giesbert.

Die Commerzbank hatte im September 2017 zusammen mit der BNP Paribas und der ING die Initiative Marco Polo ins Leben gerufen. Inzwischen haben sich  weitere Banken und Finanzdienstleister dem Netzwerk angeschlossen. Zu ihnen zählen die LBBW, die Anglo-Gulf Trade Bank, SMBC, Natwest, Natixis, die Bangkok Bank, die Standard Chartered Bank, DNB, die OP Group, die Danske Bank und die Alfa Bank.

Eines der großen Ziele ist nun, das Netzwerk um weitere Banken und Teilnehmer aus der Transport- und Versicherungsbranche zu erweitern, um die gesamte Lieferkette im Außenhandelsgeschäft digital abbilden zu können. Derzeit hat Marco Polo 16 offizielle Mitglieder angeschlossen. „Fünf weitere befinden sich derzeit in der Pipeline“, sagt Commerzbank-Bereichsvorstand Giesbert. Externe Service- und Logistikanbieter, Versicherungen und Kreditversicherer sollen folgen.

Marco Polo soll im vierten Quartal „live“ gehen

Marco Polo bietet derzeit zwei Module an: Payment Commitment und Receivable Finance. Bis die Plattform, aber tatsächlich in den Massenbetrieb startet, dürfte noch etwas Zeit vergehen. „Die Weiterentwicklung wird voraussichtlich noch bis ins Jahr 2020 andauern“, sagt Dietmar Kustermann, Leiter Zahlungsverkehrslösungen UK  bei der LBBW.

„Bei aller Euphorie über die erfolgreiche Durchführung der ersten beiden Handelsgeschäfte über die Plattform gibt es noch viel zu tun.“

Gerald Böhm, Leiter Guarantees und Trade Finance, Voith

Allerdings bestehen noch Unsicherheiten: Insbesondere müssen die regulatorischen Voraussetzungen geschaffen werden. „Bei aller Euphorie über die erfolgreiche Durchführung der ersten beiden Handelsgeschäfte über die Plattform gibt es noch viel zu tun“, sagt Voith-Finanzer Böhm. So gelte es, trotz der Vielzahl von Vorteilen unabhängig von der konkreten Plattform eine „global einheitliche Governance für die digitale Abwicklung von Handelsgeschäften zu schaffen“.

Keine Neuigkeiten aus dem Treasury mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos den DerTreasurer-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.