Die EU-Taxonomie kommt und bringt große Herausforderungen für alle Finanzmarktteilnehmer mit sich. Auch die Banken sind betroffen.

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13.01.21
Finanzen & Bilanzen

Green Finance: Das bedeutet die Taxonomie für Banken

Die EU-Taxonomie wirft ihre Schatten voraus. Für Banken bringt die neue Regulatorik für mehr Transparenz in Sachen Nachhaltigkeit einen enormen Umstellungsaufwand mit sich – und handfeste Risiken.

 

Die Taxonomie kommt: Ab 2022 greift das Regelwerk der Europäischen Union in Teilen. Mit dem Kriterienkatalog soll klar definiert werden, welche Wirtschaftsaktivitäten als nachhaltig gelten und welche nicht. Verbunden sind die Regeln für mehr Einheitlichkeit mit steigenden Transparenz- und Reporting-Anforderungen – für Unternehmen der Realwirtschaft, ebenso wie für Banken und andere Finanzdienstleister.

Wie schätzen Banken die Auswirkungen der Taxonomie auf das eigene Geschäft ein? Das hat die Finanzdienstleisterberatung Cofinpro in einer aktuellen Studie gemeinsam mit VÖB-Service, einer Akademie, die zum Bundesverband Öffentlicher Banken gehört, untersucht. Kernergebnis der Befragung: Die Mehrheit der Banken erhofft sich Chancen für das eigene Geschäft und Image durch die neue Nachhaltigkeitsregulierung. Den Aufwand zur erfolgreichen Umsetzung schätzen die Befragten allerdings als hoch ein.

Banken fürchten Reputationsrisiken

Rund 72 Prozent der Befragten rechnen demnach damit, dass nachhaltige Aktivitäten ihre Außenwirkung verbessern werden. „Die Banken sehen auch strategisches Potential in dem neuen Regelwerk“, erklärt Gerald Prior, Vorstand von Cofinpro bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch. 61 Prozent hoffen darauf, sich neue Kundengruppen erschließen zu können. Etwa die Hälfte der Befragten sieht zudem die Chance, durch die Entwicklung innovativer Produkte im Kreditbereich den Absatz zu steigern. Das zeigt sich bereits jetzt an dem hohen Tempo, in dem sich der Markt für grüne Finanzierungen weiterentwickelt.
 
Die Kehrseite der Medaille: Die Geldinstitute sind mehrheitlich davon überzeugt, dass eine unzureichende Umsetzung der Taxonomie Risiken für das eigene Geschäftsmodell birgt. Mit Abstand die größte Gefahr sind dabei Reputationsrisiken, die 70 Prozent der Befragten fürchten.

Taxonomie-Einführung: Großer Aufwand und wenig Zeit

Sobald die Taxonomie-Verordnung greift, werden Finanzmarktteilnehmer, die heute schon unter die Pflichten zur nicht-finanziellen Berichterstattung fallen, darüber berichten müssen, wie viel ihres Geschäfts Taxonomie-konform ist. Das geht mit hohem Aufwand und Kosten einher. Michaela Valdivia, Direktorin des Bundesverband Öffentlicher Banken in Deutschland, vergleicht das Projekt im Hinblick auf die Herausforderungen mit der Einführung von Mifid.

Mehr als die Hälfte der Befragten sieht großen Aufwand in den Bereichen Reporting, IT, Produktentwicklung und Risikomanagement auf sich zukommen. Rund ein Drittel nennt zudem Vertrieb, Kreditprozess, Strategie und Meldewesen als weitere Bereiche, in denen viel Arbeit wartet. Rund 40 Prozent rechnen damit, dass die Umstellung rund zwölf Monate dauern wird. Ebenso viele rechnen mit der doppelten Zeit. Rund die Hälfte der Befragten rechnet also bereits jetzt damit, in zeitliche Schwierigkeiten bei der Umsetzung zu geraten.

„Hinzu kommt, dass in vielen Detailfragen die notwendige Rechtsgrundlage noch nicht vorliegt“, sagt Valdivia. Mit entsprechenden Rechtsakten rechnen Beobachter in den kommenden Monaten. „Es wäre daher durchaus sinnvoll, wenn es eine Verschiebung der Umsetzung oder einer längeren Übergangsphase gäbe“, glaubt die Expertin. Offizielle Pläne in diese Richtung gibt es bislang allerdings nicht. Vergangene Finanzmarktprojekte wie Sepa oder Emir haben aber gezeigt, dass der Regulator im Zweifel flexibel agiert, um Schaden zu vermeiden.

Kein Allheilmittel gegen Green Washing

Der aufwändige Umsetzungsprozess wird Auswirkungen auf den Kapitalmarkt haben. Mehr als 80 Prozent gehen davon aus, dass die Taxonomie Standards für grüne Finanzprodukte setzen wird. Die Mehrheit der Befragten geht auch davon aus, dass die Verordnung Kapitalströme stärker in nachhaltige Aktivitäten lenken wird – und damit ihr Kernziel erreichen wird.

Mehr Skepsis zeigen die Befragten bei der Frage, ob die Taxonomie künftig Green Washing verhindern wird. Damit rechnen nur 46 Prozent. Bei der Bewertung und Beurteilungen scheint also auch künftig die Verantwortung auch noch auf Banken und Investoren zu liegen.

Keine Kreditklemme aber höhere Finanzierungskosten?

Das zeigt sich auch darin, dass die absolute Mehrheit der Befragten damit rechnet, dass Finanzdienstleister künftig stärker Druck auf ihre Kunden ausüben werden, sich den Regeln der Taxonomie anzupassen. Mehr als die Hälfte geht davon aus, dass zahlreiche Unternehmen ihre Geschäftsmodelle grundlegend anpassen müssten.

Die Taxonomie werde aber keine Auswirkungen auf die Finanzierungsfähigkeit realwirtschaftlicher Unternehmen haben, glaubt die Mehrheit der Befragten. Dieses Ergebnis überrascht etwas. VÖB-Expertin Valdivia sieht darin das Bekenntnis der Banken dazu, dass die Taxonomie nicht zu einer Kreditklemme für bestimmte Unternehmen führen wird.

Alexander Christau, Manager von Confinpro, glaubt aber, dass sich diese Einschätzung im Laufe der Zeit noch wandeln könnte. Gerade im Hinblick auf die Finanzierungskosten könnte sich die Taxonomie sehr wohl bemerkbar machen. Unternehmen aus Branchen, die als nicht nachhaltig gelten, werden sich wohl auf steigende Kosten einstellen müssen.

Koegler[at]derTreasurer.de

Taxonomie-Studie
Für die Studie von Cofinpro und VÖB-Service wurden 158 Experten von deutschen Finanzdienstleistern befragt. Die Mehrheit entfiel auf Vertreter von Banken. Die Online-Befragung wurde im November 2020 durchgeführt.