Ende März jährt sich das Angebot der KfW-Hilfskredite – Zeit, um eine erste kritische Bilanz zu ziehen.

KfW-Bildarchiv/Thorsten Futh

01.03.21
Finanzen & Bilanzen

„Die Bazooka ist doch eher eine Wasserspritzpistole geworden“

Bald jähren sich die KfW-Sonderprogramme, um die Folgen der Coronakrise abzufedern. Was ist daraus geworden? Die beiden Finanzierungsanwälte Andreas Naujoks und Torsten Wehrhahn von Noerr ziehen ein kritisches Fazit.

Die Corona-Pandemie hat im vergangenen Frühjahr zahlreiche Unternehmen in große Schwierigkeiten gebracht. Speziell Unternehmen aus den Branchen Touristik, Hotellerie und Reise sind angeschlagen, aber auch viele andere wie etwa Maschinen- und Anlagenbauer erschüttern die Pandemie-Folgen. Um diesen Unternehmen, die durch die Coronakrise in eine Liquiditätsklemme geraten sind, zu helfen, hat die Bundesregierung umfassende Unterstützung zugesichert. Das Geld sollte vor allem über Kredite der KfW  fließen.

Die staatliche Förderbank hat hierfür inzwischen vier unterschiedliche Programme im Angebot: den Unternehmer-, den Gründer-, den Schnellkredit und eine Direktbeteiligung an Konsortialfinanzierungen. Bald jährt sich das KfW-Sonderprogramm erstmals – Zeit für DerTreasurer mit Experten wie den beiden Finanzierungsanwälten Andreas Naujoks und Torsten Wehrhahn von der Kanzlei Noerr eine kritische Bilanz zu ziehen.

„KfW-Hilfskredite kein leicht verdauliches Geld“

Herr Naujoks, Herr Wehrhahn, Ende März 2020 hat die KfW ihr Sonderprogramm aufgesetzt, um Unternehmen, die infolge der Coronakrise  in Schwierigkeiten geraten sind, bei der Überwindung unmittelbarer Liquiditätsengpässe zu unterstützen. Wie ist Ihre Bilanz nach fast einem Jahr KfW-Sonderprogramm?
Andreas Naujoks: Ich bin offen gesagt ziemlich desillusioniert. Die Bazooka, die den Unternehmen im vergangenen Frühjahr versprochen wurde, ist doch eher eine Wasserspritzpistole geworden. Die KfW-Hilfskredite sind für angeschlagene Unternehmen wirklich nicht das leicht verdauliche Geld, das sich viele erhofft haben.

„Der Unternehmerkredit ist das Programm, über das wir uns am meisten die Haare raufen.“

Torsten Wehrhahn, Rechtsanwalt, Noerr

Wo liegt das Problem?
Naujoks: Je länger die KfW-Programme und die Pandemie laufen, desto mehr Auflagen kamen seitens der KfW hinzu. Während betroffene Unternehmen im vergangenen Frühjahr noch recht einfach einen KfW-Kredit bekamen, ist es jetzt deutlich schwerer geworden. Das ist im Ergebnis nicht so, wie wir uns das für die Unternehmen und deren Stakeholder gewünscht hätten.

„Unternehmerkredit ist eine kleine Wundertüte“

Gibt es keinen klaren Anforderungskatalog, den die Unternehmen erfüllen müssen?
Torsten Wehrhahn: Die wirtschaftlichen Anforderungen sind in der Theorie für alle Unternehmen gleich, hinsichtlich der Strukturierung und der Dokumentation der Finanzierung gibt es aber Unterschiede. Hier muss man zwischen den einzelnen KfW-Programmen unterscheiden. So gibt es beispielsweise bei der Direktbeteiligung an Konsortialfinanzierungen einen Katalog mit sehr detaillierten Anforderungen an die Dokumentation der Finanzierung und hinsichtlich der Strukturierung orientiert man sich an dem Konsortium. Ganz anders sieht es beim Unternehmerkredit aus. Das ist das Programm, über das wir uns am meisten die Haare raufen. Es ist eine kleine Wundertüte.

Was heißt das konkret?
Naujoks: Die KfW vertritt von Fall zu Fall sehr unterschiedliche Positionen, ohne zu begründen, warum sich die Positionen verändert haben. Bei der Frage zum Beispiel, wie viel Arbeitsliquidität eingeplant werden muss, haben wir in einem Fall die Antwort bekommen, dass zwei Monatsumsätze als Liquidität vorhanden sein sollten. Wenn ein Unternehmen so viel Liquidität in der Kasse hat, ist es wahrlich nicht auf Staatshilfe angewiesen. Auch bei der Rückzahlung von vereinbarten Krediten agiert die KfW nicht einheitlich. Bei manchen Unternehmen heißt die Devise: „Last in, first out“. Bei anderen Fällen sieht sie das nicht so eng.

Wehrhahn: Auch die Besicherung der Kredite wird von Fall zu Fall unterschiedlich behandelt. Am Anfang waren die Unternehmerkredite regelmäßig unbesichert. Inzwischen möchte die KfW in den meisten Fällen eine Besicherung, manchmal möchte sie sogar eine Super-Senior-Position einnehmen. Dies erschwert die Strukturierung und die Koordination mit den anderen Kreditgebern. Zudem konnten wir beobachten, dass Unternehmen aus Branchen, die eher der „Old Economy“ zuzurechnen sind und die Interesse an KfW-Krediten hatten, trotz vermeintlicher Erfüllung der formalen Voraussetzungen keine Zusagen erhielten oder für die Zusagen sehr lange warten mussten.

Manche kämpfen mit hausgemachten Problemen

Woran könnte das liegen? Handelt es sich da etwa um Fälle, die schon vor Corona angeschlagen waren?
Naujoks: Das ist sehr schwer zu beantworten und liegt vermutlich an verschiedenen Faktoren. Zum einen fällt es Unternehmen, die auch vor Corona unerledigte „Hausaufgaben“ hatten, schwer, den negativen Corona-Effekt sauber darzustellen. Das stellt aber eine Voraussetzung für die Förderung dar. Zum anderen sind bei den Unternehmenskredit-Programmen oder Landesbürgschaftsprogrammen ja die Antragstellung und die Finanzierung durch die Hausbanken notwendig. Einige Hausbanken sind bei gewissen Branchen jedoch zurückhaltender geworden. Dies gilt beispielsweise für die Automotive-Branche, aber auch das Stahlgeschäft.

Die KfW-Kredite stehen doch allen Branchen gleich zu.
Naujoks: Das ist richtig, aber man kann zum Teil argumentieren, dass hausgemachte Probleme zu den Liquiditätsengpässen geführt haben und diese eben nicht Corona-bedingt sind.

Landesbürgschaft Alternative zu KfW-Kredit

Klar, die Hilfen sollen ja in erster Linie die Corona-Folgen abmildern. Was können Sie Unternehmen raten, die in der Pandemie nun doch noch staatliche Hilfe annehmen müssen?
Naujoks: Die KfW ist nicht mit dem Füllhorn unterwegs und die Anforderungen werden in unserer Wahrnehmung immer höher. Unternehmen sollten sich über Alternativen wie Landesbürgschaften, die wir immer häufiger empfehlen, Landesförderbanken, Mezzanine oder ein Gesellschafterdarlehen Gedanken machen.

Unternehmen sollten also nicht nur auf die KfW setzen?
Naujoks: Ja, in der Tat sollten sie das nicht tun. Wir empfehlen regelmäßig die verschiedenen Programme der KfW und der jeweiligen Landes- und Bundesbürgschaftsprogramme genau zu prüfen. Wer nur auf die KfW setzt, riskiert, dass er die gestiegenen Anforderungen nicht erfüllt. Hinzu kommt, dass die KfW insbesondere beim Unternehmerkredit recht lange für die Bearbeitung der Anträge braucht. Das kann schon einmal sechs Monate dauern – für manche Unternehmen ist es dann zu spät.

Drei Gruppen bei Unternehmen mit Staatshilfe

Für einige Unternehmen ist es eine Giftpille, dass die Nutzer von KfW-Krediten keine Gewinne ausschütten oder bereits erhaltene Gesellschafterdarlehen zurückzahlen dürfen. Manch ein Unternehmen, das auf Staatshilfe angewiesen ist, dürfte dieses Korsett schnell wieder loswerden wollen. Richtig?
Wehrhahn: Das stimmt. Wir sehen hier unterschiedliche Entwicklungen bei den Unternehmen, die Staatshilfen in Anspruch genommen haben. Sie können in drei Gruppen eingeteilt werden.

„Die KfW ist nicht mit dem Füllhorn unterwegs und die Anforderungen werden in unserer Wahrnehmung immer höher.“

Andreas Naujoks, Rechtsanwalt, Noerr

Die da wären?
Wehrhahn: Erstens: Unternehmen, die Staatshilfen überwiegend als Liquiditätsreserve beantragt haben, sind bereits dabei, das Geld wieder zurückzuführen. Zweitens: Unternehmen, die die erhaltenen Staatshilfen eigentlich noch benötigen, sie aber wegen der damit einhergehenden Einschränkungen dringend wieder loswerden möchten, um beispielsweise Dividenden zahlen oder um Akquisitionen zu tätigen. Diese sind bemüht, die Staatshilfen zu refinanzieren. Drittens sind noch die Unternehmen zu nennen, die weitere Staatshilfen benötigen, aber keine weitere Verschuldung tragen oder neue Investoren gewinnen können. Diesen bemühen sich unter anderem um Eigenmittel aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds.

Wie ist das Verhältnis dieser drei Gruppen zueinander?
Wehrhahn: Am größten dürfte der Anteil bei den Unternehmen liegen, die das Geld eigentlich noch bräuchten, aber die Verschuldung wieder zurückführen wollen. Der Anteil der Unternehmen, die mit den bisherigen Staatshilfen nicht zurechtkommen, dürfte perspektivisch wachsen, da sie wegen des zweiten Lockdowns in größere Liquiditätsengpässe kommen.

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Erste Unternehmen refinanzieren Staatshilfe teilweise

Für kapitalmarktorientierte Unternehmen sind die Möglichkeiten der Refinanzierung hoch. Was beobachten Sie bei Ihren Mandanten?
Wehrhahn: Wir sehen derzeit noch nicht, dass Unternehmen die kompletten Staatshilfen durch andere Fremddarlehen refinanzieren. Bislang gibt es eher Teilrefinanzierungen, bei denen Unternehmen die KfW-Tranche beispielsweise durch die Erweiterung ihres Bankenkreises refinanzieren. Factoring, Sale- and Lease-back oder der Verkauf von Unternehmensteilen und Grundvermögen wird ebenfalls genutzt. Aber diese Mittel reichen oft nicht aus, um die komplette Staatshilfe zurückzahlen zu können.

Wir haben gehört, dass die Bereitschaft der Banken, Staatshilfen freigiebig zu refinanzieren, mit dem zweiten Lockdown vorerst zurückgegangen ist.
Wehrhahn: Das deckt sich mit unserer Wahrnehmung. Die vollständige Refinanzierung von KfW-Krediten durch Konsortialkredite oder Schuldscheindarlehen ist bislang noch kein Geschäftsmodell. Andererseits sehen wir die Bereitschaft von Banken, bestehende Linien aufzustocken, damit die Unternehmen den Anteil der KfW zurückführen können.

Transaktionen mit KfW-Hilfe werden immer komplexer

Es gibt im Moment schon erste Unternehmen, die trotz Staatshilfen Insolvenz anmelden mussten. Adler Modemarkt ist da ein Beispiel.
Naujoks: Das sind bislang glücklicherweise nur Ausnahmefälle. Wir erwarten aber, dass die Zahl der Insolvenzen – auch wegen der weitestgehenden Wiedereinsetzung der Insolvenzantragspflicht – dieses Jahr deutlich zunehmen wird. Welche Rolle das neue Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen (StaRUG) hier spielen wird, bleibt auch abzuwarten.

Wie wird es Ihrer Ansicht nach bei den KfW-Krediten weitergehen?

Wehrhahn: Die Transaktionen werden zunehmend komplexer, da sowohl für die Durchfinanzierung eines Unternehmens, als auch für die Ablösung der KfW-Kredite zusätzliche Finanzierungsbausteine miteinander verknüpft werden müssen. Gleichzeitig haben die Unternehmen zunehmend mit widerstreitenden Interessen zu kämpfen.

Naujoks: Zudem kommen jetzt immer mehr Unternehmen, die keine Polster mehr haben, in existenzielle Probleme. Hier ist natürlich auch an die Unternehmen zu denken, die den Strukturwandel in ihrer Branche nicht rechtzeitig vollziehen konnten und die nun nicht mehr reagieren können, weil der Strukturwandel nun einmal Geld kostet. Die Coronakrise hat hier häufig Probleme zu Tage getragen und beschleunigt, aber nicht unbedingt ausgelöst.

Paulus[at]derTreasurer.de