Home Office, Finanzierungsschock und Green-Finance-Boom: Das Treasury war 2020 gefordert.

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23.12.20
Persönlich & Personal

Die Treasury-Überraschungen des Jahres

In diesem Jahr kam alles anders gedacht, Corona hat das Arbeiten im Treasury und den Umgang mit Banken massiv verändert. Das waren die größten Überraschungen.

Was für ein Jahr! Begann es noch relativ nachrichtenarm, änderte sich das Bild dramatisch Mitte März mit unserer E-Magazin-Ausgabe 5/2020. Seither steht das Jahr im Zeichen der Coronakrise. Dennoch war die Pandemie nicht die einzige Überraschung in diesem so ereignisreichen Jahr. Wir haben die fünf wichtigsten aus Treasury-Sicht für Sie aufgeschrieben.

Schock an den Finanzierungsmärkten

So turbulent wie im März ging es an den Finanzierungsmärkten seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr zu. Das zeigt die lange Zeitreihe des Treasurer-Panels sehr eindrücklich. Neben dem zeitweisen Stillstand an den Kapitalmärkten wird seither vor allem die Bankbeziehung einem Test unterzogen.

Die Banken pochen dabei auf das Hausbankenprinzip und konzentrieren sich auf ihre Kernkunden. Da die Geldhäuser noch mehr auf Kosten achten als vor der Krise, ziehen sie sich zunehmend aus unprofitablen Geschäftsbereichen – und auch aus der Fläche – zurück.

Home Office funktioniert auch im Treasury

Zu den größten Überraschungen für die Wirtschaft generell, speziell aber für Treasurer gehörte, dass Home Office – oder Remote Work oder Work from Home – funktioniert. In zahlreichen Gesprächen zeigten Treasurer wie etwa Ottos Kai Havekost oder Mercks Rando Bruns ihre Verwunderung.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Krise hat schonungslos die Lücken der Digitalisierung im Firmenkundengeschäft und in den Finanzabteilungen offengelegt. Und: Der persönliche Kontakt, die direkte Begegnung, das gemeinsame Brainstormen werden auch nach Corona wichtig bleiben – aber sicher mit einem höheren Home-Office-Anteil.

TMS-Anbieter Bellin wird übernommen

Im Frühsommer, kaum dass der Lockdown verdaut war und die Pandemie halbwegs im Griff schien, folgte ein Coup im Markt der TMS-Anbieter. Bellin wurde im Juni von dem US-amerikanischen IT-Haus Coupa Software übernommen. Das erwischte viele Bellin-Kunden kalt, die gerade die Unabhängigkeit des deutschen Anbieters geschätzt hatten. Und dann verbündete sich Bellin wenige Zeit später auch noch mit Much-net. So sorgten die Ettenheimer 2020 für die Ausrufezeichen am Softwaremarkt. 

Warenkreditversicherer schalten scharf

Die Warenkreditversicherungen gerieten im Zuge der Coronakrise wieder in den Fokus. Die erste Überraschung war, dass sich die Anbieter im Frühjahr relativ ruhig und besonnen verhielten – anders als in der Finanzkrise 2008. Wie sich später zeigte, lag dies aber vor allem am Schutzschirm, den die Bundesregierung eilig über die Versicherer gespannt hatte. 

Das böse Erwachen folgte dann Ende August, als Marktführer Euler Hermes die Verträge von Kunden mit schwächeren Bonitäten bis Jahresende befristete. Eine harte Maßnahme, zum Teil wohl auch Verhandlungstaktik im Ringen um eine Verlängerung des Schutzschirms mit dem Bund. Der bleibt nun zu geänderten Konditionen bis Juni 2021 aufgespannt, wie wir bereits im Oktober exklusiv berichteten.

Green Finance trotzt Corona

Nachhaltigkeit und grüne Finanzierungen waren das Hot Topic bis zur Coronakrise. Aber auch die Pandemie kann die steigende Relevanz von ESG nicht stoppen, Nachhaltigkeit bleibt der Megatrend für Unternehmen. So trieb das zarte Pflänzchen Green Finance auch im Jahr 2020 immer neue Blüten: Zahlreiche Instrumente wie ESG-linked Zins-Swaps oder Währungssicherungen wurden neu eingeführt, die Finanzbranche blieb sehr innovativ. Das wird Treasurer auch im kommenden Jahr begleiten.

Insgesamt blieb die Wirtschaft in diesem Jahr durch einen ganzen Strauß von staatlichen Maßnahmen handlungsfähig. Eine Insolvenzwelle blieb bislang aus. Daneben war die Abwahl Donald Trumps das einschneidende Ereignis, das 2021 zu einem neuen Auftreten der USA auf der Weltbühne führen dürfte. Eine Frage bleibt bis zum Jahresende spannend: Kann der No-Deal-Brexit noch abgewendet werden? Selbst wenn nicht: Treasurer hatten lange genug Zeit, sich darauf vorzubereiten, damit das neue Jahr nicht mit einer bösen Überraschung beginnt.

Dentz[at]derTreasurer.de