Treasury-Spitze bei BMW in Frauenhand: Ritu Chandy ist eine der Treasurinnen, die ein Dax-Treasury leiten.

BMW Group

27.04.22
Persönlich & Personal

Warum das Treasury weiblicher wird

Die Anzahl der Frauen, die im Treasury arbeiten, steigt. Aber der Wandel läuft langsam ab und nicht ohne Hindernisse.

Frauen im Treasury sind nach wie vor eine Seltenheit. Das zeigt sich auch auf Bankveranstaltungen, der Structured FINANCE oder Treasurer-Stammtischen. Egal an welchem Event der Corporate-Finance-Branche man teilnimmt, in der Regel besteht das Publikum vorwiegend aus Männern.

Diese Wahrnehmung bestätigen Statistiken: Rund 83 Prozent der Abonnenten von DerTreasurer sind laut der letzten Leserbefragung männlich sowie 82 Prozent der XING-Community unserer Publikation. Ähnliches zeigt auch eine Mitgliederauswertung des Verbands Deutscher Treasurer (VDT). Demnach sind fast drei Viertel der Personen, die im Treasury arbeiten, männlich. Von den dort tätigen Frauen hat nur jede fünfte eine leitende Funktion inne. Genaue Zahlen zu den Männern sind nicht bekannt.

Anteil an Frauen im Treasury nimmt zu

Auch Britta Döttger, die seit November 2018 das Treasury des Pharmakonzerns Roche in Basel leitet, bestätigt diese Statistik: „Die Zeiten, in denen ich die einzige Frau am Tisch bin, sind noch nicht vorüber“, sagt die Treasury-Chefin.

In ihrer dreißigjährigen Finanzkarriere, in der sie den Flughafen Frankfurt mit an die Börse gebracht, das Treasury der SGL Group etabliert und durch Refinanzierungen der SGL im Jahr 2007 ihre strategische Handlungsfreiheit zurückgegeben hat, hat sie viele Menschen aus der Finanzbranche getroffen – darunter aber nur wenige Frauen. „Ich freue mich jedes Mal, und es ist weiterhin nicht alltäglich, dass Banktermine oder ein Austausch mit Corporate Treasuries mit mehreren Frauen stattfinden“, sagt Döttger.

Post-Treasury-Chefin Marcia Lin beschreibt die Treasury-Community ebenfalls als „männerdominiert“. Doch sie beobachtet einen Wandel: „Ich freue mich, dass sich immer mehr Frauen dafür interessieren und in Treasury-Positionen erfolgreich Karriere machen.“

In der Printausgabe 1-2022 von DerTreasurer ist ein ausführlicher Artikel zum Thema „Frauen im Treasury“ erschienen. Hier können Sie die Ausgabe als E-Paper erwerben.

VDT bestätigt Entwicklung mit Zahlen

Dass sich das Bild langsam verändert, beobachtet man auch beim VDT. „Auch wenn der Finanzbereich noch männlich geprägt ist, habe ich in den vergangenen Jahren einen wachsenden Anteil von Frauen wahrgenommen“, sagt Marie Tack, Manager Treasury bei Biesterfeld und im Fachressort Risikomanagement beim VDT engagiert. Nach mehreren Jahren bei der Commerzbank startete sie Anfang 2017 ihre Karriere im Corporate Treasury bei Biesterfeld, seit vergangenem Juli leitet sie dort das Team.

Auch eine andere Treasury-Chefin, die anonym bleiben möchte, bestätigt diese Entwicklung: „Ich nehme einen Wandel wahr, der in den vergangenen zwei Jahren sehr langsam von statten ging. Mittlerweile hat dieser nach meiner Beobachtung mehr Fahrt aufgenommen, was sicherlich auch an der allgemeinen gesellschaftlichen Wandlung zu mehr Frauen in Führungspositionen sowie in männerdominierten Berufen liegt.“

Der VDT bestätigt anhand von Zahlen, was die Treasurerinnen anekdotisch berichten. Ein guter Indikator dafür sei der Anteil der Teilnehmerinnen an der VDT-Ausbildung zum zertifizierten Treasurer/zur zertifizierten Treasurerin (CCT). „In den Jahren 2007 bis 2012 hatten wir noch einen durchschnittlichen Anteil von 24 Prozent Teilnehmerinnen, in den vergangenen fünf Jahren betrug der Anteil schon 32 Prozent. Betrachtet man nur die vergangenen zwei Jahre, dann stieg der Anteil auf 39 Prozent“, sagt Heinrich Degenhart, Vorstand Berufsbild & Qualifizierung beim VDT.

Ein weiteres Indiz der laufenden Veränderung: „Es ist eine positive Entwicklung, dass über die vergangenen Monate einige Kolleginnen zum Group Treasurer in Dax-Konzernen ernannt worden sind“, sagt Britta Döttger von Roche. Zu ihnen zählen beispielsweise Marcia Lin (Deutsche Post DHL Group) und Ritu Chandy (BMW). Weitere Dax-Treasury-Chefinnen sind Susanne Weitz (E.on), Birka Benecke (BASF), Sara Hennicken (Fresenius und Fresenius Medical Care), Gabriele Tennagels (RWE) und Brigitta Kocherhans (Siemens Healthineers). Immerhin sieben der 40 Dax-Treasury-Leitungen sind in Frauenhand – also fast ein Fünftel.

Karriereweg im Treasury ist nicht immer einfach

Die Karrierewege der Treasury-Chefinnen waren aber nicht immer einfach: Die Post-Treasury-Chefin Marcia Lin wurde beispielsweise während ihrer rund dreißigjährigen Karriere nach eigener Aussage „oft herausgefordert“, ihren Führungsstil an den ihrer männlichen Kollegen anzupassen. Die Finanzmanagerin ist seit Anfang Dezember 2021 bei dem Logistik- und Postkonzern an Bord. Sie kam von der International Airlines Group. „Dass das Arbeitsumfeld so war, ist aber lange her“, sagt Lin heute allerdings versöhnlich. „Heute sind die Unternehmen geschlechtersensibler geworden und in der Lage, viele verschiedene Führungsstile zu integrieren, seien sie kultureller oder geschlechterspezifischer Natur.“

Doch das ist noch nicht überall so: „Häufig muss man erst nach den Spielregeln einer männerdominierten Kultur spielen, bis ,frau' die Möglichkeit bekommt, eigene Akzente zu setzen“, sagt eine Finanzleiterin, die anonym bleiben möchte. Der Trend zu mehr Diversität im Treasury hat also begonnen, doch der Wandel vollzieht sich langsam und nicht ohne Hindernisse.

Paulus[at]derTreasurer.de