Thorsten Holten war rund 18 Jahre im Treasury von Wirecard tätig.

Wirecard

10.12.20
Persönlich & Personal

Ex-Wirecard-Treasurer: „Wie in einem Albtraum“

Thorsten Holten machte als Treasurer Karriere bei Wirecard. Jetzt spricht er darüber, wie er die Insolvenz und das Debakel des Zahlungsdienstleisters erlebte.

Die Wirecard-Pleite ist der Finanzskandal des Jahres 2020. Im Feuer stehen mehrere Milliarden Euro, die das Unternehmen von Banken, Bondholdern und Aktionären eingeworben hatte. Im Zuge der Insolvenz kam heraus, dass der Konzern überteuerte Akquisitionen getätigt, Millionenbeträge an suspekte Scheinfirmen verliehen und fast 2 Milliarden Euro auf dubiose Treuhandkonten überwiesen hatte. Letzteres sollte dem Geschäft mit sogenannten Third Party Acquirern (TPA) dienen. Ob dieses Business je existierte, ist unklar. Jetzt äußert sich Thorsten Holten zu der Causa. Der ehemalige Treasury-Chef war seit 2002 für Wirecard tätig.

Herr Holten, wie erlebten Sie die Wirecard-Pleite im Juni?
Die Ereignisse überschlugen sich damals: Ab dem 18. Juni war klar, dass Betrug im Spiel war. Wir arbeiteten in den folgenden Tagen mit Hochdruck daran, das Überleben von Wirecard zu sichern. Es hätte ja noch eine positive Fortführungsprognose geben können, etwa für einen gesunden Unternehmenskern. Diese Hoffnungen zerschlugen sich aber am 25. Juni, als die Wirecard AG wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung Insolvenzantrag stellen musste. Bis dahin wollte ich nicht daran glauben, dass die Guthaben auf den Treuhandkonten nicht existierten.

Sie sind schon sehr lange im Unternehmen tätig, bereits seit 2002. Die Vorwürfe begleiteten Wirecard ja über einen längeren Zeitraum. Hätten bei Ihnen nicht eher die Alarmglocken läuten müssen?
Die öffentliche Kritik war immer wieder Thema. Allerdings handelte es sich um Shortseller-getriebene Attacken, die man nicht immer ganz ernst nimmt. Dann sprach auch noch zwischenzeitlich die Bafin ein Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien aus. Aus meiner Sicht gab es deshalb lange keinerlei Verdachtsmomente für Betrug. Und damit bestand auch kein Grund, dem Unternehmen den Rücken zu kehren, in dem ich mir eine gute Position aufgebaut hatte.

Umso heftiger muss Ihre Reaktion gewesen sein, als der Betrug aufgedeckt wurde.
Ja, das war ein totaler Schock, wie ein Albtraum. Ich hatte ja mit dem Finanzbereich liquide Mittel bei den Banken eingeworben, der Kredit wurde 2018 zuvor neu aufgestellt. Auch dabei gab es keine besonderen Auffälligkeiten, nur die üblichen Wechsel im Konsortium eben. Wir hatten eine Anleihe bei Investoren platziert – und einen Convertible bei der Softbank. All dies geschah in dem Vertrauen, das Geschäft von Wirecard durch M&A-Transaktionen und Kundenfinanzierungen auszubauen.

Nach KPMGs Sondergutachten wuchsen die Zweifel

Spätestens die Veröffentlichung des Sondergutachtens von KPMG im April dieses Jahres säte Zweifel, ob die Gelder auf den Treuhandkonten – zuletzt sollen es 1,9 Milliarden Euro gewesen sein – überhaupt existierten. Hatten Sie da keine Bedenken?
Ab dem Gutachten von KPMG tauchten mehr Fragen von Banken und Investoren auf, das ist richtig. Ich besorgte dann die entsprechenden Informationen, etwa zu den Treuhandkonten, aus dem Accounting. Und Sie müssen sehen: Alle wesentlichen Transaktionen hatte der Vorstand abgesegnet. Ich bin davon ausgegangen, dass diese ihre Richtigkeit haben.

Waren diese Konten, über die ja Milliarden liefen, nicht in die E-Banking-Systeme von Wirecard eingebunden?
Nein, die besagten Konten lagen außerhalb des normalen Buchungskreises und liefen auf den Namen eines Treuhänders. Der Prozess oblag dem Rechnungswesen, wir bekamen dazu Excel-Dateien aus der Buchhaltung zugeliefert.

Haben Sie diese Daten einfach so akzeptiert, obwohl sie in einem anderen Format kamen und außerhalb der Systeme liefen?
Ja, denn die Erklärungen erschienen mir schlüssig.

Wie war das Miteinander bei Wirecard? Verhinderte eine Kultur der Angst kritische Nachfragen?
Nein, das würde ich nicht sagen. Aber ich hatte natürlich Respekt vor den Vorständen und nahm deren Aussagen für bare Münze. Innerhalb der Finanzabteilung bestand ein enger Austausch mit dem Accounting und Controlling, wir berechneten ja quartalsweise die Covenants. Auch sonst herrschte ein freundlicher Umgang, eher wie in einem Start-up als in einem Konzern.

„Ich hatte Respekt vor den Vorständen und nahm deren Aussagen für bare Münze.“

Holten will Aufklärung des Skandals unterstützen

Das ist nun passé. Was machen Sie heute?
Ich versuche, die Aufklärung der Vorgänge zu unterstützen, und gehöre nicht zu den verdächtigten Personen. Operativ bin ich aber schon seit geraumer Zeit nicht mehr für Wirecard tätig. Die Insolvenz hat mich so mitgenommen, dass ich seit Anfang Juli krankgeschrieben war, wie bei einem Burn-out. Ich habe mir auch professionelle Hilfe gesucht. Ende August wurde ich dann vom Insolvenzverwalter freigestellt.

„Natürlich soll es eine Zukunft geben, allerdings nicht als Treasurer.“

Haben Sie schon Pläne für die Zukunft?
Natürlich soll es eine Zukunft geben, allerdings nicht als Treasurer. Ich konnte über 18 Jahre lang Erfahrungen im Bereich Online Payment Service und Merchant Services sammeln, die würde ich gern nutzen und in dieser Branche weiter tätig sein - ein Geschäftsfeld, in dem auch die Banken wieder verstärkt investieren, was man am Kauf der Acquiring-Technologie von Wirecard durch die Santander Group sehen kann.

Können Sie nachvollziehen, dass speziell gegenüber Mitarbeitern aus dem Finanzbereich Vorbehalte bestehen?
Ja, aber man darf jetzt nicht alle Wirecard-Mitarbeiter unter Generalverdacht stellen. Es gab Stand heute eine sehr kleine Gruppe an Leuten, die in den Betrug involviert war. Viele Kollegen haben zum Glück schon neue Jobs gefunden, auch ehemalige Mitarbeiter aus dem Treasury-Bereich.

Dentz[at]derTreasurer.de

„Eine sehr kleine Gruppe war in den Betrug involviert.“

Das Interview mit Thorsten Holten erschien erstmals im E-Magazin 23/2020 von DerTreasurer. Keine Neuigkeiten aus dem Treasury mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos unser E-Magazin und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen im Treasury auf dem Laufenden.