Der Ausgang der US-Wahl ist noch unklar. Das sollten Treasurer jetzt beachten.

Carsten Reisinger - stock.adobe.com

05.11.20
Risiko Management

Hängepartie in den USA: Das sollten Treasurer jetzt wissen

Die Auszählung der Stimmen bei der US-Wahl hält an, doch derzeit deutet viel auf einen neuen US-Präsidenten Joe Biden hin. Es könnten aber noch gerichtliche Auseinandersetzungen drohen. Das müssen Treasurer jetzt wissen.

Selten war eine Wahl in den USA umkämpfter: Weit über 24 Stunden nach Schließung der Wahllokale steht noch kein Sieger fest. Es sieht aber immer mehr danach aus, dass Nachzügler aus der Briefwahl Kontrahenten Joe Biden noch ins Weiße Haus katapultieren.

Am heutigen Donnerstagmorgen fehlen Biden nach übereinstimmenden Medienberichten nur noch wenige Wahlmänner zum Sieg. Die könnte er sich mit einem Gewinn in den Bundesstaaten Arizona und Nevada holen, wo er derzeit knapp führt. Aber selbst in Pennsylvania, Georgia und North Carolina hat er theoretisch noch Möglichkeiten auf einen Sieg.

Deutsche CFOs votieren für Biden

Wäre das der Fall, würde der Wechsel eintreten, den sich viele deutsche Finanzverantwortliche wünschen. Im Vorfeld der Wahl hatte FINANCE, die Schwesterpublikation von DerTreasurer, CFOs unter anderem dazu befragt. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: 94 Prozent hofften auf ein neuen Präsidenten Joe Biden. Seine Verlässlichkeit und Berechenbarkeit sprechen für ihn. 5 Prozent war der Wahlausgang „egal“, lediglich ein einziger CFO stimmte für Trump.

Die Kritik am aktuellen US-Präsidenten ist greifbar: „Trump spaltet die USA und die Welt“, schreibt ein Teilnehmer. Ein Finanzchef hat den Eindruck, der Präsident sei „völlig unqualifiziert“ für sein Amt. Gleich mehrere CFOs bemängeln, der Amtsinhaber sei in seinen Handlungen „unberechenbar“. Einige Befragte werden noch konkreter: „Das systematische Zerstören von globalen Partnerschaften ist traurig anzusehen und falsch!“, schreibt ein Teilnehmer.

Von Biden erhoffen sich die befragten CFOs einen Politikwechsel, besonders im Internationalen. Er stehe für die „Wiederbelebung internationaler Kooperation und transatlantischer Partnerschaften“.

US-Wahl: Trump will Ergebnisse anfechten

Derzeit scheint es keineswegs sicher, dass schnell Gewissheit über den Ausgang der Wahl herrscht. Der vielleicht ausschlaggebende Bundesstaat Pennsylvania zählt voraussichtlich noch bis Freitag seine Stimmzettel aus der Briefwahl. Sollte der Demokrat Biden tatsächlich gewinnen, hat US-Präsident Trump bereits angedeutet, vor das oberste Gericht der USA – den „Supreme Court“ – ziehen zu wollen, um das Ergebnis anzufechten. Trump hat sich bereits am gestrigen Mittwoch zum Sieger erklärt und verbreitet seit Wochen Unwahrheiten über die Gültigkeit von Stimmzetteln, die per Briefwahl abgegeben wurden. Die Demokraten würden nun versuchen die Wahl zu stehlen, so der Republikaner.

Seine Twitter-Rhetorik dürfte zu einem Teil Säbelrasseln sein. Er hat aber rechtlich zumindest die Möglichkeit, knappe Ergebnisse noch einmal neu auszählen zu lassen. Das dürfte das finale Wahlergebnis herauszögern. Bei der Wahl im Jahr 2000 dauerte es etwa bis Dezember, ehe George W. Bush als Wahlsieger gegen seinen Kontrahenten Al Gore feststand. Seinerzeit musste der Supreme Court dreimal binnen weniger Tage zu umstrittenen Handauszählungen in Florida entscheiden. 

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Längere Zeit der Unsicherheit könnte drohen

Für Unternehmen und ihre Treasurer könnte dies darauf hindeuten, dass eine längere Zeit der Unsicherheit bevorsteht. „Damit steigt zunächst die Wahrscheinlichkeit für das aus Kapitalmarktsicht schwierigste Szenario einer möglicherweise noch langen Auszählungsphase mit gegebenenfalls sogar juristischen Auseinandersetzungen zur Ermittlung des Wahlsiegers“, schreibt Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel. „Je länger diese andauert, umso größer wird die Verunsicherung über den politischen Kurs in den USA auf den Börsen lasten.“

In einem Kurzkommentar gab Bernd Meyer, Chefstratege und Leiter Multi Asset im Wealth and Asset Management bei Berenberg, zu Protokoll: „Die Kapitalmärkte reagieren bereits auf die Entwicklung: Hatten sie in vielen Bereichen über die letzten zwei Monate einen Biden-Sieg oder gar eine blaue Welle zumindest teilweise eingepreist, zeigt sich nun die abnehmender Wahrscheinlichkeit eines demokratischen Sieges durch eine Gegenbewegung.“ Sollte Trump wirklich Präsident bleiben, könnte laut Meyer auch die Handelsunsicherheit wieder zunehmen. Die Amtszeit von Trump war durch zahlreiche Handelskonflikte mit der Europäischen Union und China geprägt.

Corona-Pandemie wichtiger als Wahlergebnis

Die Aktienmärkte zeigen sich derzeit relativ unbeeindruckt: So verzeichnete der Dax in den vergangene zwei Tagen einen leichten Aufwärtstrend. Auch der Dow Jones zeigte sich relativ stark, der S&P500 verzeichnete Kursgewinne, speziell Tech-Aktion profitierten gestern. Der US-Dollar legte etwas zu, weil die Reservewährung gerade in unsicheren Zeit stark gefragt ist.

Für deutlich wichtiger als den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl halten Anlagespezialisten von Franklin Templeton allerdings den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie. Man können seine Anlageentscheidungen kaum an Makroevents wie der Wahl orientieren. Vor allem können man den Wahlprognosen nicht trauen. Die „Polls“ hatten eine „blaue Welle“ als wahrscheinlichstes Ereignis prophezeit, also einen klarer Sieg von Joe Biden. Dieser blieb aber aus.

Die Vermögensmanager von Eyb & Wallwitz schlugen in eine ähnliche Kerbe. „Politische Weichenstellungen haben oft einen nur geringen Effekt in der Realität, denn sie vollziehen in der Regel nur die Richtung nach, in die sich Wirtschaft und Gesellschaft ohnehin schon bewegt haben“, schreiben sie. Die Börse werde, nach anfänglicher Aufregung, keine dramatischen Bewegungen machen.

„Politische Weichenstellungen haben oft einen nur geringen Effekt.“

Eyb & Wallwitz

Treasurer kämpfen mit volatilem Umfeld und Unsicherheit

In einer aktuellen Umfrage von DerTreasurer, deren vollständigen Ergebnisse in Kürze veröffentlicht werden, nannten die Befragten zahlreiche Herausforderungen wie etwa die „abnehmende Risikobereitschaft der Banken“, das niedrige Zinsniveaus „über Jahre hinaus“, die Unsicherheit über die „wirtschaftliche Entwicklung“. Auch fürchten sie negative Auswirkungen auf die „Bankbonitäten durch Wertberichtigungen“.

Speziell die Prognose und Liquiditätsplanung steckt den Treasury-Abteilungen schwer in den Knochen, wie einer kommentiert: „Das Geschäft ist stark schwankend, die Liquiditätsplanung und -steuerung äußerst schwer, auf lange Sicht betrachtet eigentlich kaum mehr möglich.“ Ein anderer merkt an: „Warenkreditversicherer und Banken werden nervös und wappnen sich für die Insolvenzwelle.“

Das Umfeld ist speziell durch die Pandemie sehr volatil. Vor diesem Hintergrund dürften es viele Treasurer begrüßen, wenn bald mehr Klarheit in den USA herrscht.

Schlecht wäre eine Hängepartie, wie das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW Köln) warnt. Eine länger andauernde Unsicherheit oder Auseinandersetzungen über die Legitimität der Wahl würden ein Führungsvakuum in den USA schaffen, das für die amerikanische und die Weltwirtschaft kritische Folgen hätte. Die Weltwirtschaft ist durch die Corona-Pandemie bereits schwer angeschlagen, ein sich ziehender Streit um den Sitz im Oval Office würde einen weiteren Unsicherheitsfaktor hinzufügen.

Eich[at]derTreasurer.de

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