Die EU will selbst festlegen, welche Zinssätze als Fall-Back für den wegfallenden Libor eingesetzt werden sollen.

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06.08.20
Risiko Management

EU erleichtert Libor-Umstellung

Die EU-Kommission will ein Vertragschaos im Zuge der Libor-Umstellung vermeiden und deshalb festlegen, welche Raten die Finanzwelt nach dem Wegfall des Libors verwenden soll. Für Treasurer bleibt aber ein Unsicherheitsfaktor.

Ende 2021 soll Schluss sein mit den skandalgeplagten Libor-Zinssätzen. Diese Referenzzinsen entsprechen dann nicht mehr der Benchmark-Verordnung, die die EU nach den Manipulationsskandalen bei den Zinssätzen aufgelegt hatte. Während der Euribor auch über 2021 hinaus bestehen bleibt, kommt für den Libor wahrscheinlich das endgültige Aus. Das bedeutet, dass Banken und Unternehmen viele Altverträge noch vor Ende 2021 umstellen müssen – denn die meisten enthalten keine Alternative für den dauerhaften Wegfall eines Referenzzinses.

Genau hier will die EU nun Abhilfe schaffen: Die Kommission hat Ende Juli vorgeschlagen, für ein Gros der Verträge eine one-size-fits-all-Lösung zu finden. Kommt dieser Vorstoß zur Anpassung der Benchmark-Verordnung durch, dann kann die EU-Kommission einfach festlegen, welcher Zins als Ersatz für den jeweils wegfallenden Libor in den unterschiedlichen Währungsräumen eingesetzt werden soll.

Für alle Marktteilnehmer wäre das eine deutliche Entlastung: „Damit müssten viele Altverträge nicht überarbeitet werden, denn es wäre automatisch klar, welcher neue Referenzzins verwendet werden muss“, erklärt Tarek Tranberg, Experte für EU-Regulierung beim europäischen Treasury-Verband EACT. Es gäbe damit gesetzlich geregelte Fall-Back-Rates, die deutlich mehr Rechtssicherheit schaffen würden. „Die Chancen, dass dieser Vorschlag durchkommt, stehen gut“, meint Tranberg. Im besten Fall könnte bereits Ende des Jahres ein enggültiger Text im Gesetzesblatt bestehen.

Welche Zinssätze werden Libor-Ersatz?

Im Kern dürften die Fall-Back-Zinssätze auf den neuen Overnight-Zinssätzen basieren, die weltweit bereits entwickelt wurden. In den USA ist das beispielsweise der Sofr, in Großbritannien der Sonia. „Diese Zinssätze werden voraussichtlich mit einem fixen Spread-Aufschlag versehen, der ihre strukturellen Unterschiede zum Libor ausgleicht“, sagt Tranberg. Der Fallback-Zins entspräche also beispielsweise Sonia plus X.

Wie hoch dieser Aufschlag sein wird, ist allerdings noch nicht geklärt. „Die Kommission würde sich dabei an die Empfehlungen der Arbeitsgruppen halten, die in den jeweiligen Ländern an der Umstellung arbeiten“, so der Regulierungsexperte.

Die Verwendung dieses Ersatz-Zinssatzes wäre nach dem Ende des Jahres 2021 verpflichtend, es sei denn der Vertrag enthält bereits eine explizit andere Vereinbarung. Bei Neuverträgen, die bis Ende 2021 abgeschlossen werden, sollten Treasurer deshalb dennoch prüfen, ob eine andere Regelung für sie geeigneter ist. Nach dem Aus für den Libor Ende 2021 darf der Ersatz-Referenzzins ohnehin nicht mehr in Neuverträgen eingesetzt werden.

Treasurer sollten konzerninterne Verträge prüfen

Auch an anderer Stelle ist Vorsicht für Corporate Treasurer geboten: Denn die Benchmark-Regulierung umfasst grundsätzlich nur regulierte Finanzinstitute. „Für alle Verträge, die mit einem Finanzinstitut abgeschlossen, würde diese Regelung daher greifen“, erklärt Tranberg. Bei konzerninternen Verträgen, die auf den Libor referenzieren, oder Vereinbarungen zwischen zwei Corporates gilt dies allerdings nicht. Damit wäre etwa Cash-Pool-Verträge nicht von dem Vorschlag erfasst.

Deshalb hat die EU-Kommissionen die nationalen Aufsichtsbehörden aufgefordert, Regelungen zu implementieren, die die Verordnung für Non-Financials spiegeln. Treasurer sollten im Blick behalten, ob das auch umgesetzt wird.

Erleichterungen für Drittstaaten-Benchmarks in Aussicht

Mit der vorgeschlagenen Fall-Back-Regelung würde die EU einen großen Unsicherheitsfaktor aus dem Markt nehmen. Auch in einer anderen Sache, die vielen Marktteilnehmern mit Blick auf die Benchmark-Regulierung Kopfschmerzen bereitet, will sie aktiv werden: bei nicht frei konvertierbaren Währungen.

Nach der bisherigen Regulierung dürfen Banken und Unternehmen ab Ende 2021 keine Referenzzinssätze mehr verwenden, die nicht dem Äquivalenzregime der EU entsprechen. Das träfe vor allem nicht frei konvertierbare Währungen wie die indische Rupie oder den brasilianischen Real. Die Folge: „Finanzinstitute könnten für einige Währungsräume keine umfassenden Hedging-Instrumente mehr für ihre Kunden anbieten“, so Tranberg.

Die Kommission plant daher nun, einige Referenzzinssätze für solche Währungen von der Benchmark-Verordnung auszunehmen. Welche Sätze genau ausgenommen werden sollen, ist aber noch nicht bekannt.

Koegler[at]derTreasurer.de

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