DerTreasurer-Ratgeber – Folge 2

30.11.17 09:27

Was Sie über Treasury-Management-Systeme wissen müssen

Von Markus Dentz

Treasury-Management-Systeme haben sich in vielen Finanzabteilungen etabliert. Noch immer gibt es allerdings Treasurer, die mit Insellösungen arbeiten. So sieht der Weg zum richtigen TMS aus.

Auf die Details kommt es an: Unternehmen nehmen Treasury-Management-Systeme genau unter die Lupe, um das passende zu finden.

dolgachov/iStock/Thinkstock/Getty Imagess

Auf die Details kommt es an: Unternehmen nehmen Treasury-Management-Systeme genau unter die Lupe, um das passende zu finden.

Treasury-Management-Systeme (TMS) sind inzwischen Standard in einer gut aufgestellten Finanzabteilung. Das war nicht immer so, die Systeme haben sich erst Ende der 1990er Jahre etabliert. „Als ich früher selbst noch in einer Treasury-Abteilung arbeitete, gab es noch kaum ein geeignetes System“, erinnert sich Tobias Dittmar, heute Vorstand beim Hamburger Softwarehaus Technosis.

Unternehmen nutzten damals eher ein „Sammelsurium von unterschiedlichen Systemen in Kombination mit Excel“. Erst nach und nach entstanden Systeme, die auf die Bedürfnisse von Unternehmen zugeschnitten waren – und nicht nur auf diejenigen von Banken und anderen Finanzdienstleistern.

Die Anforderungen des täglichen Geschäfts und der Wunsch nach einer stärkeren Software-Integration gaben in vielen Unternehmen den Ausschlag dafür, sich für ein TMS zu entscheiden. Eines davon ist beispielsweise der der Schweizer Konzern SFS, der kürzlich ein TMS einführte.

Was muss ein TMS können?

Was ein TMS bietet, ist naturgemäß Veränderungen unterworfen, schließlich brachten die vergangenen Jahren zahlreiche technologische und regulatorische Änderungen mit sich. „Der Fokus der Systeme lag anfangs im Treasury-Risikomanagement, der Finanzplanung und dem Cash Management“, sagt Technosis-Vorstand Tobias Dittmar.

Seit Mitte der 2000er Jahre gesellte sich der Zahlungsverkehr als weiteres Kernthema hinzu, weil der Bedarf nach bankunabhängigen oder übergreifenden Lösungen deutlich zunahm. Bis dahin war der Zahlungsverkehr ein Thema, das vor allem die Banken selbst ihren Kunden in Form von E-Banking-Lösungen angeboten haben. Der Nachteil: Ein Unternehmen benötigte für jede ihrer Kernbanken eigene Anschlüsse, was ein Sammelsurium von E-Banking-Lösungen zur Folge hatte.

In den vergangenen Jahren haben die Anbieter zudem Lösungen für das Derivate-Reporting nach Emir, für den einheitlichen Euro-Zahlungsverkehr Sepa oder für das Reporting von Bankgebühren entwickelt. „Mit steigender Internationalisierung und Regulierungsdichte wachsen auch die technologischen Anforderungen“, sagt Philipp Leitner, Managing Director and Co-CTO bei Ion Treasury. „Nice-to-have Funktionalitäten wie Bankgebührenanalyse, Anti-Fraud-Programme, Emir-Reporting, IFRS 9 Hedge Accounting sowie Cashflow-at-Risk- oder Value-at-Risk-Modelle werden immer mehr zu Standardfunktionalitäten des TMS.“ Besonders auf die Gefahr von Cyber-Attacken reagieren die Anbieter zunehmend und versuchen, Sicherheitslücken zu schließen.

Da ein TMS häufig auch auf Stammdaten, die in ERP-Systemen abgelegt sind, zugreift, spielen Schnittstellen eine wichtige Rolle bei der Implementierung. Alle gängigen Treasury-Systeme bilden diese ab. Allerdings sei auch erwähnt, dass ERP-Anbieter wie SAP ihre Treasury-Funktionalitäten in den vergangenen Jahren stark ausgebaut haben.

Wer sind die Anbieter?

Bei Treasury-Systemen haben Unternehmen die Qual der Wahl: Seit Ende der neunziger Jahre haben sich zahlreiche Anbieter auf das Thema Treasury fokussiert. Den deutschen TMS-Markt dominieren einerseits „Local Heroes“ wie Reval, Bellin, Litreca, Technosis, Trinity und Hanse Orga. Anderseits nutzen insbesondere Konzerne aus der Dax-Liga globale Anbieter wie FIS („AvantGard Quantum“) und Ion Treasury („Wallstreet Suite“). Eine aktuellen Umfrage von DerTreasurer hat ergeben, wer derzeit die Marktführer in Deutschland sind.

Die globalen Anbieter sind in den vergangenen Jahren häufig durch den Zukauf von lokalen Wettbewerbern gewachsen. So wurde der deutsch-österreichische Anbieter Ecofinance zunächst vom US-Anbieter Reval und dann von der Ion Treasury übernommen. Zu Ion Treasury gehören inwischen zahlreiche Produkte wie Wallstreet Suite, Reval, IT2, City Financials, ITS und Treasura. Systeme des Anbieters XRT gingen indes teilweise in Sungard auf. Letztere wurden 2015 vom US-Konzern FIS übernommen. In der Regel haben die Übernehmer die Systeme der Targets weiter betrieben. In einzelnen Fällen lief der Support allerdings auch aus, zum Ärger der Kunden.

Um auf diese Entwicklung zu reagieren, haben einzelne „Local Heroes“ wie Hanse Orga oder Bellin ihr Kapital gestärkt, um ihrerseits auf internationalen Expansionskurs zu gehen – organisch und durch Zukäufe. Andererseits gab es auch schon Zusammenschlüsse wie bei GMT und dem Sax Systemhaus, um unter dem neuen Namen Litreca gemeinsam stärker zu sein. Neue Anbieter, die in Deutschland bisher nicht Fuß gefasst haben, tun sich mit dem Markteintritt sehr schwer. Nichtdestotrotz nutzen auch deutsche Unternehmen vereinzelt die Lösungen von IT2 oder Kyriba.

Wie kommt mein Treasury zum neuen System?

Für Treasurer gibt es grundsätzlich zwei Wege zum neuen System. Zum einen kann man Anbieter direkt ansprechen. Kongressmessen wie die Structured FINANCE bieten einen guten Überblick über das Angebot und halten Workshops mit Case Studies bereit. Zum anderen schalten Treasurer gerne spezialisierte Berater ein, die über einen guten Marktüberblick verfügen und gemeinsam mit dem Unternehmen die Anforderungen definieren und Ausschreibungen begleiten. Häuser wie KPMG und Deloitte versuchen sich, hier zu positionieren, in dem sie mit den TMS-Anbietern neue Allianzen und Produkte schmieden.

Diese Request for Proposals (RFPs) bestehen häufig aus mehreren hundert Einzelfragen. „Wir beobachten, dass Unternehmen sich bei Direktausschreibungen eher an den heutigen Anforderungen orientieren“, sagt Dierk Rathjen von Technosis. Dahingegen seien die Berater-RFPs häufig umfangreicher und stellten stärker Fragen in den Vordergrund, die künftig für das Unternehmen einmal relevant werden könnten – etwa, wenn es durch Zukäufe wächst.

In der Regel stellt man danach eine Shortlist von drei bis fünf Anbietern zusammen. Eine auf die Unternehmensabläufe abgestimmte Fallstudie wird den Systemanbietern zur Vorbereitung bereitgestellt. „In Workshops wird dann der wirkliche Bedarf noch einmal genauer beschrieben“, sagt Dierk Rathjen. Danach zeigt sich meist, wer bei einem gegebenen Budget die Anforderungen am besten erfüllt.

Implementierungen dauern zwei bis 18 Monate

Die Implementierung kann – je nach Anforderungen und Größe des Unternehmens – unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nehmen. „Treasuries sind sehr unterschiedlich. Je nachdem, wie komplex die Anforderungen im Treasury sind, können Implementierungsprojekte von zwei Monaten bis zu eineinhalb Jahre dauern“, erklärt Philipp Leitner von Ion Treasury. Das liege daran, dass Implementierungsprojekte komplexe Teilprojekte enthalten können, ergänzt der Experte. Darin geht es zum Beispiel um das Ablösen von Altsystemen, die Integration von Drittlösungen sowie den weltweiten Roll-out oder die Koordination mit anderen Abteilungen, Niederlassungen und Regionen.

Experten empfehlen daher ein systematisches Projekt-Controlling mit regelmäßigen Treffen der Beteiligten. Dabei macht es Sinn, Meilensteine für Teilabschnitte zu definieren. „Wir sehen häufig, dass ein Projektmanager zumindest in Teilzeit für die TMS-Einführung abgestellt wird“, hat Tobias Dittmar von Technosis beobachtet. Gute Vorbereitung, akribische Arbeit und das Nachhalten von offenen Punkten sind wichtige Faktoren, damit die Systemeinführung zu einem Erfolg wird, rät etwa der Treasury-Berater Schwabe, Ley & Greiner.

Dennoch zeigt sich häufig erst in der Praxis, wie der Support des Anbieters ausfällt und wie sich die Leistungsversprechen bewähren. In einigen Fällen müssen Nutzer zu ihrem Leidwesen doch wieder Excel-Tools einsetzen, die eigentlich abgelöst werden sollten.

Preise: Mietmodelle sind im Kommen

Die Preise im Bereich Treasury-Software variieren sehr stark, je nach Anbieter sowie Art und Umfang eines Projekts. Traditionell erwirbt der TMS-Nutzer eine Lizenz, also das Recht der Nutzung der Software. Hinzu kommen Wartungsgebühren und Kosten für weitere Services.

Das Geschäft ändert sich jedoch: „Mietmodelle setzen sich bei Treasury-Systemen immer mehr durch“, sagt Philipp Leitner. „Dabei zahlen Kunden nur für die Funktionalitäten und Services, die sie nutzen.“ Sollten die Anforderungen steigen, können weitere Funktionalitäten dazugekauft werden. Preismodelle mit jährlichen Mietzahlungen rechnen sich laut Leitner dann am meisten, wenn Mehrwertservices wie Marktdaten, Bankanbindungen und Hosting angeboten werden.

Neue Technologien: Cloud, Mobile, Machine Learning

Die Treasury-Systeme haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren stark weiterentwickelt. Naturgemäß halten weiter neue Technologien Einzug, wozu auch die sogenannte Cloud-Technologie zählt: Waren früher die meisten Systeme fest auf den Rechnern der jeweiligen Nutzer installiert („On Premise“), setzen viele Treasurer inzwischen Cloud-Technologien in unterschiedlichen Varianten ein.

Die Bedenken, sensible Datenbestände in externen Rechenzentren und Servern – also der Cloud – zu bewahren, sind geringer geworden. „Wir verspüren hierzu besonders in den vergangen zwei bis drei Jahren eine erhöhte Nachfrage nach Cloud-Systemen“, sagt Tobias Dittmar von Technosis. Anbieter verweisen darauf, dass sie in externen Rechenzentren sogar besseren Schutz vor Hackerangriffen und Cyberangriffen bieten könnten als die Unternehmen bei festinstallierten Lösungen auf eigenen Servern.

Auch die Vorbehalte gegenüber mobilen Anwendung legen sich, wie das Treasurer-Panel aus dem Herbst 2017 zeigt: So nutzt derzeit knapp die Hälfte der Befragten mobile Anwendungen in irgendeiner Form, 43 Prozent vertrauen auf Cloud-Lösungen. Weitere Entwicklungen sind absehbar, erklärt Philipp Leitner von Ion Treasury: „Die großen Technologietrends drehen sich um Geschwindigkeit, intelligente Datennutzung und Machine Learning.“

Dentz[at]derTreasurer.de

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