Interview mit Professor Christian Koziol von der Uni Tübingen

06.06.12 15:24

„Optionen würden massiv teurer“

Von Alexander Schneider

Professor Christian Koziol von der Uni Tübingen über die Risiken einer Finanztransaktionssteuer und ihre Auswirkungen auf den Optionsmarkt.

„Optionen würden massiv teurer“

Thinkstock / Getty Images

Nach dem Willen der EU sollen Derivatetransaktionen künftig mit 0,01 Prozent besteuert werden.

Finanztransaktionssteuer Christian Koziol

Christian Koziol

>> Herr Prof. Koziol, die EU-Kommission will Ernst machen mit der Finanztransaktionssteuer. Sie haben in einer Studie die Folgen für den Optionsmarkt untersucht. Was ist dabei herausgekommen?

 

<< Ein Ergebnis ist, dass Optionen massiv teurer würden – und damit für viele Absicherungsgeschäfte unattraktiv. Bei klassischen Aktiengeschäften wird ein Steuersatz von 0,01 Prozent sowohl für Käufer als auch für Verkäufer vorgeschlagen. Das wirkt erst einmal sehr harmlos. Ganz anders sieht es jedoch am Optionsmarkt aus: Um Optionen zu erzeugen, kommt es hier täglich zu umfangreichen Transaktionen, das liegt in der Natur dieser Instrumente. Und dadurch werden diese Geschäfte auch sehr viel teurer.

 

>> Welche Optionen würden besonders belastet, und wie hoch könnte die Belastung sein?

 

<< Es betrifft insbesondere solche Optionen, mit denen man sich vor kurzfristigen Extremereignissen schützen kann. Diese könnten durch die Steuer um über 50 Prozent teurer werden.

 

>> Wie kommt man von 0,01 Prozent pro Transaktion zu 50 Prozent?

 

<< Der Grund liegt in der Methode, wie die Finanzindustrie Optionen erzeugt. Diese werden klassischerweise mittels eines sogenannten „Delta Hedge“ konstruiert, wobei – verkürzt gesagt – ein Portfolio mit den entsprechenden Basiswerten gebildet wird, das die gleichen Eigenschaften wie die nachzubildende Option aufweist. Dieses Portfolio muss in der Regel täglich angepasst werden, damit es nicht zu weit von der Option abweicht und am Ende der Laufzeit auch die Option ausgezahlt werden kann. Daher kaufen und verkaufen die Emittenten täglich eine Vielzahl von Basiswerten – und bei jeder Transaktion würde die geplante Steuer greifen.

 

>> Wie realistisch sind Ihre Modellannahmen?

 

<< Drei wesentliche Annahmen kann man diskutieren: Erstens, die Umschichtungshäufigkeit. Die Händler schichten heute tagtäglich um, doch sie könnten auch seltener umschichten, um die Steuerlast zu verringern. Zweites, die Rolle des Optionsbuchs. Die Annahme, dass ein Emittent alle Optionen im Optionsbuch gegeneinander verrechnen kann und dadurch wesentlich weniger Absicherungsgeschäfte nötig sind, gilt nur beim Aufbau eines Optionsbuchs. Bei der täglichen Umschichtung müssen – zumindest bei den gängigen Call- und Putoptionen – ebenso viele Transaktionen bei einem Optionsbuch wie auf Einzelebene erfolgen. Und schließlich unterstellen wir drittens, dass die Steuer tatsächlich wirksam ist.

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