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09.10.12 11:55

Niedrige Zinsen, ständige Zentralbankinterventionen, steigende Inflation – nach Meinung vieler Ökonomen steuern Europa und die USA auf eine Finanzrepression zu, in der die Regierungen Investoren zwingen, in kaum verzinste Staatsanleihen zu investieren, um auf diesem Weg der Schuldenfalle zu entkommen. „Mit dem neuesten Anleihekaufprogramm QE3 ist die Finanzrepression in den USA schon weiter, in Europa steht sie noch am Anfang“, analysiert David Kohl, Chefvolkswirt Deutschland von Julius Bär, die Situation exklusiv für FINANCE-TV. Er rät Investoren und Finanzchefs, die Lage im Auge zu behalten: „Eine Eskalation wäre es, wenn die Industriestaaten Kapitalverkehrskontrollen einführen würden.“ Für wie wahrscheinlich er das hält und wann er mit einer Lösung der Geldmarktkrise rechnet, hier bei FINANCE-TV.

Niedrige Zinsen, hohe Inflation, wachsender Zwang: Die Financial Repression beginnt

Die Finanzrepression (Financial Repression) hat begonnen. Im Moment läuft der Zwang noch vor allem über die Regulierung großer Kapitalsammelstellen wie Banken, Versicherungen und Pensionskassen. Doch es gibt Beispiele in der Geschichte, bei denen noch viel drakonischere Instrumente zum Einsatz kamen. Speziell in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg steckte die Welt in einer jahrzehntelangen Finanzrepression, durch welche die Staaten ihre Kriegsschulden abbauen konnten. So schlimm dürfte es jetzt nicht kommen, meint Volkswirt David Kohl von Julius Bär. „Schwere Zwangsmaßnahmen wie zum Beispiel Kapitalverkehrskontrollen erwarte ich nur, wenn es ganz schlecht läuft und der Zwang über Regulierung nicht mehr ausreicht“, hofft Kohl. 

Bei den großen Finanzrepressionen nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die Staaten schwere Zwangsmaßnahmen wie Kapitalverkehrskontrollen, Zinsobergrenzen für Spareinlagen und Goldankaufsverbote für Privatinvestoren durch. „Aber der Vergleich mit dieser Zeit hinkt“, meint Kohl. „Damals hatte der internationale Kapitalverkehr bei weitem nicht die heutige Bedeutung für die Finanzierung von Staaten und Unternehmen.“

Aktuell leiden Unternehmen vor allem bei ihrem Asset-Management unter der aufkommenden Finanzrepression. Der Geldmarkt ist ausgetrocknet, die Zinsen im Keller, die Gegenparteien angeschlagen. „Das Nicht-Funktionieren des Geldmarkts ist ein dringendes Problem, das sofort angegangen werden muss“, fordert Kohl. Er hofft, dass eine europäische Bankenunion das nötige Vertrauen wiederherstellen kann. „Und wenn der Interbankenmarkt wieder funktioniert, wird auch der Geldmarkt für Unternehmen wieder funktionieren. Dann begeben die Banken auch wieder Commercial Papers, in die Unternehmen kurzfristig investieren können.“

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