„Das war ein krasser Ritterschlag“, sagt Max-Georg Weishaupt, Treasury-Chef von Scout24, wenn er auf den 22. September 2025 angesprochen wird. An diesem Tag wurde der Münchener Online-Plattformbetreiber in den Dax 40 aufgenommen. In dem traditionell von der Old Economy geprägten Leitindex nimmt Scout24 dabei eine besondere Rolle ein: „Wir sind ein reines Digitalunternehmen mit hoher Geschwindigkeit und kurzen Entscheidungswegen. Insofern sind wir sicher nicht repräsentativ für den Index“, erklärt Weishaupt mit einem Schmunzeln. Er selbst ist seit Oktober 2020 im Bereich Treasury von Scout24 tätig, zunächst als Senior Manager, dann als Team Lead und seit August 2025 schließlich als Head of Treasury & Purchase to Pay.
Zu den ersten persönlichen Gratulanten gehörte damals Weishaupts ehemalige Chefin Jennifer Janson, die ihn vor knapp sechs Jahren zu Scout24 geholt hat. „Sie hat sich sehr für uns gefreut und meinte, ich soll mir bewusst machen, was das auch für mich persönlich bedeutet: Nun bin ich einer von gerade einmal 40 Treasury-Leitern im Dax.“ Auch acht Monate später sei das immer noch etwas surreal, gibt Weishaupt zu. Hinzu kommt die Tatsache, dass er mit 38 Jahren zu den jüngsten Treasury-Chefs zählt. „Das spricht sicher auch für Scout24. Hier bekommen Menschen früh die Chance, Verantwortung zu übernehmen und sich weiterzuentwickeln.“
Dass Weishaupt schließlich im Treasury gelandet ist, war keineswegs vorgezeichnet. Ursprünglich hatte er den Wunsch, Architekt zu werden und sammelte früh unterschiedlichste Erfahrungen – sei es als Schulpraktikant in einer Anwaltskanzlei ebenso wie bei einem Bestatter. „Ich wollte mir ein möglichst breites Bild machen, bevor ich eine Richtung einschlage“, sagt Weishaupt. Nach dem Abitur entschied er sich zunächst für eine Banklehre bei der Commerzbank, an die er anschließend noch ein VWL-Studium in Bonn und Freiburg dranhängte.
Parallel arbeitete Weishaupt weiter in einem Förderprogramm für Nachwuchstalente der Commerzbank, wodurch er mit Anfang 20 bereits einige Monate in New York deutsche Großkunden mitbetreuen konnte. „Das war ein sehr guter Mix aus Praxis und Theorie, von dem ich bis heute profitiere.“
„Ich wollte mir ein möglichst breites Bild machen, bevor ich eine Richtung einschlage.“
Wechsel vom Banking ins Jägermeister-Treasury
Die Arbeit als Banker gefiel ihm, gleichzeitig wuchs der Wunsch nach einem Perspektivwechsel: „Als Banker ist man stark auf die eigenen Produkte fokussiert, sieht also nur einen Teil der Wertschöpfungskette.“ Nach gut sieben Jahren bei der Commerzbank wechselte er deshalb Mitte 2017 in das Treasury des Spirituosenherstellers Mast-Jägermeister.
Bei den Niedersachsen erwartete Weishaupt in den nächsten drei Jahren eine steile Lernkurve. „Wir haben mit einem kleinen Team von vier Leuten das volle Spektrum eines internationalen Unternehmens abgedeckt, erinnert er sich. Dazu gehörten unter anderem Geldanlage, FX, Risikomanagement, Liquiditätsplanung, Garantien, und Cashpooling.
Der Facettenreichtum der Treasury-Arbeit reizt Weishaupt bis heute, weshalb er sich bis heute als Treasury-Generalist sieht: „Es macht mir einfach Spaß, ein breites Themenspektrum abzudecken – auch wenn das manchmal bedeutet, ins kalte Wasser zu springen.“ Bei Scout24 hat er deshalb zuletzt neben dem Bereich Treasury zwei weitere Verantwortungsbereiche übernommen: Accounts Payable sowie E-Procurement. Die zusätzlichen Aufgaben sorgen nicht nur für neue Perspektiven, sondern bewahren ihn auch vor Routine. „Langeweile ist meine größte Angst“, sagt Weishaupt.
Nach gut drei Jahren bei Jägermeister zog es Weishaupt 2020 aus privaten Gründen in den Süden Deutschlands: „Der Jobwechsel fiel mitten in die Corona-Pandemie. Zum Glück hat es mit Scout24 aber sofort sehr gut gepasst. Dieses Gefühl hatte ich direkt nach dem ersten Zoom-Call“, erinnert sich Weishaupt. Nach nur einem Jahr als Senior Treasury Manager übernahm er dann die fachliche Leitung der Abteilung von Jennifer Janson, die zu dem E-Learning-Anbieter Babbel wechselte.
Viele Herausforderungen für Scout24-Treasury
In den vergangenen Jahren war das Treasury-Team unter Weishaupts Leitung mehrfach besonders gefordert. Während der Corona-Pandemie galt es beispielsweise, erhebliche Liquiditätsbestände in einem äußerst volatilen Marktumfeld anzulegen. „Wir hatten aus Unternehmensverkäufen rund 1,5 Milliarden Euro Liquidität zu managen. In Zeiten von Negativzinsen war das eine anspruchsvolle Aufgabe“, erinnert sich Weishaupt. Ebenfalls herausfordernd sind die diversen Aktienrückkaufprogramme, die Weishaupt in den vergangenen Jahren federführend begleitet hat.
Ein besonderer Meilenstein war dabei das Public Tender Offer im Frühjahr 2021, bei dem Scout24 rund 11,4 Millionen Aktien für knapp 800 Millionen Euro zurückerwarb. „Das war ein Schlüsselmoment, weil wir im Vorfeld schlicht nicht wussten, wie der Markt reagieren würde. Im schlimmsten Fall hätte sich niemand beteiligt.“, gibt Weishaupt offen zu. Der Erfolg der Transaktion bestätigte letztlich die sorgfältige Vorbereitung und Umsetzung, so seine Überzeugung. „Zugleich zeigte das Projekt, wie stark Treasury-Arbeit über klassische Finanzthemen hinausgeht und strategische Entscheidungen des Unternehmens unmittelbar unterstützt.“
Ein weiterer Lackmustest folgte im Frühjahr 2022: Scout24 befand sich gerade mitten in den Verhandlungen zur Refinanzierung einer revolvierenden Kreditfazilität (RCF) über 400 Millionen Euro mit acht Banken, als Russland die Ukraine angriff. „Das waren nervöse Tage“, erinnert sich Weishaupt. „Ich habe unzählige Telefonate mit Bankern geführt, um abzuwägen, ob wir den Prozess verschieben sollten. Rückblickend bin ich aber froh, dass wir die Finanzierung damals über die Ziellinie gebracht haben.“
Weishaupt vertraut seinem Treasury-Team
Freude bereitet Weishaupt vor allem die Arbeit mit seinem Team, das inzwischen bereichsübergreifend 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfasst. Seinen Führungsstil beschreibt er als bewusst vertrauensbasiert: Er setzt auf ein Team, dem er Verantwortung überträgt und in dem alle eigenverantwortlich arbeiten können. Seine Aufgabe sehe er vor allem darin, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, in dem jeder eigenverantwortlich agieren könne.
Jungen Kollegen rät Weishaupt dabei, immer neugierig zu sein und Verantwortung zu übernehmen. „Wer viel fragt, wird wahrgenommen.“ Ebenso wichtig sei die kontinuierliche Weiterbildung: „Die Komplexität nimmt ständig zu, da muss jeder am Ball bleiben.“
Weishaupt sieht viel Potential für KI im Treasury
Ein Paradebeispiel für diesen Wandel sei das Thema Künstliche Intelligenz (KI), die bei Scout24 bereits rege genutzt werde. „Im Einkaufsprozess haben wir zum Beispiel mit Coupa einen KI-Agenten implementiert, der die Erfassung von Bestellungen übernimmt und gleichzeitig die Datenqualität verbessert“, berichtet er. Aktuell arbeite sein Team zudem an einem Modell, mit dem der Cash Forecast mit aktuellen Planzahlen aus dem Controlling verknüpft werden sollen. „Das ist nicht nur ein KI-, sondern auch ein Schnittstellenthema, von dem wir uns eine Qualitätssteigerung versprechen.“
Grundsätzlich betrachtet Weishaupt die KI nicht als Bedrohung für das eigene Berufsbild, sondern als potenziellen Hebel für bessere Arbeit: „Die Komplexität nimmt kontinuierlich zu und damit auch die Anforderungen an den Treasury-Bereich. KI kann diesbezüglich helfen. Entscheidend ist jedoch, die zugrunde liegenden Prozesse, Daten und Zusammenhänge zu verstehen.“
Philipp Hafner ist Redakteur bei DerTreasurer und FINANCE. Er hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth sowie an der University of Amsterdam studiert. Zuvor arbeitete Philipp Hafner mehr als sechs Jahre bei der Verlagsgruppe Knapp/Richardi, zunächst als Volontär, anschließend dann als Redakteur für die Fachzeitschrift „Immobilien & Finanzierung“.

