Vor gut eineinhalb Jahren hat Marcel Münch bei EnBW die Nachfolge von Ingo Peter Voigt als neuer Leiter Finanzen, M&A und Investor Relations angetreten. Eine sanfte Eingewöhnung gab es nicht: „Ich war kaum fünf Wochen im Amt, da kam es erstmals zu extremen Marktpreisturbulenzen bei Commodities“, erinnert er sich im Gespräch mit DerTreasurer. Beschweren möchte er sich über das Timing aber nicht: „Man wächst ja mit seinen Aufgaben“, so Münch.
Laut Münch gibt es vier Daten, die wohl jeder Treasury-Verantwortliche aus dem Energiesektor im Schlaf aufsagen könne: „6. Oktober und 22. Dezember 2021 sowie 7. März und 26. August 2022 – an diesen Tagen kam es bei vielen Commodities zu heftigen Preisspitzen. Für Strom etwa beliefen sich diese auf bis zu 1.000 Euro pro Megawattstunde.“ Anders als viele es in Erinnerung haben dürften, begannen diese Marktturbulenzen also schon deutlich vor Beginn des Ukraine-Kriegs am 24. Februar 2022 und hielten die Treasury-Abteilungen im Energiesektor über viele Monate gehörig auf Trab.
EnBW hedgt Großteil via Börsen- und OTC-Geschäfte
Für Münch und sein Team war die Ausgangslage bei dem Unternehmen, das als Stromproduzent, -lieferant und -netzbetreiber aktiv ist, für diese volatilen Zeiten nicht schlecht: „Wir hedgen traditionell einen relativ hohen Anteil unserer Stromproduktion über den Terminmarkt mittels Börsen- beziehungsweise OTC-Geschäften. Damit sind wir unterm Strich auch im vergangenen Jahr sehr gut gefahren“, berichtet er.
Zum Verständnis der komplexen Wirkungsmechanismen dieses Marktes bemüht Münch das sogenannte Risikodreieck: „Markt-, Liquiditäts- und Kontrahentenrisiko – zwischen diesen drei Aspekten gilt es abzuwägen und die für das eigene Unternehmen richtige Balance zu finden.“ Soll heißen: Eine vollständige Absicherung aller Risiken zur selben Zeit ist nicht möglich. Stark vereinfacht gesprochen bestehe die Kunst letztlich darin, eine möglichst hohe Hedge-Quote in Zeiten hoher Marktpreise aufzubauen. „Dann lassen sich stabile Erträge auf relativ hohem Niveau absichern“, erklärt Münch.
Finanzchef Münch sieht EnBW operativ auf Kurs
Für 2023 hat CFO Thomas Kusterer zudem eine deutliche Ergebnissteigerung auf 4,7 bis 5,2 Milliarden Euro ausgerufen, 2022 lag das bereinigte operative Ergebnis bei 3,3 Milliarden Euro. Münch sieht das Unternehmen diesbezüglich auf gutem Weg: „Wir sind sehr zuversichtlich, auch weil wir die avisierten Erträge im marktlichen Geschäft über das Hedging erneut bereits zum Großteil abgesichert haben.“
Abgesehen vom Hedging hat das EnBW-Treasury zuletzt diverse Weichenstellungen im Bereich Finanzierung vorgenommen: „In der Vergangenheit war die EnBW im Wesentlichen als Emittentin von Senior- und Hybridanleihen unterwegs. 2022 haben wir unsere Finanzierungskanäle nun aber erheblich diversifiziert.“
EnBW mit Schuldschein und US-Privatplatzierung
So debütierte der Karlsruher Energiekonzern Anfang Juli 2022 zunächst am Schuldscheinmarkt (500 Millionen Euro), im November folgte dann die erste Privatplatzierung in den USA im Volumen von 850 Millionen US-Dollar. „Diese Transaktionen haben uns Zugang zu ganz neuen Investoren eröffnet und waren auch von den Zinskonditionen her sehr attraktiv“, berichtet Münch.
Hinzu kamen Mitte November 2022 zwei grüne Unternehmensanleihen über insgesamt 1 Milliarde Euro sowie Anfang dieses Jahres eine reguläre Dual-Tranche-Anleihe in Höhe von insgesamt 1,25 Milliarden Euro. Auch den Bankenmarkt hat die EnBW intensiv genutzt, etwa in Form deutlich höherer Kreditlinien: „Wir können auf eine Gruppe von 19 Kernbanken zurückgreifen, zu denen wir seit Jahren eine vertrauensvolle Geschäftsbeziehung pflegen. Das war gerade für den Aufbau hoher Liquiditätspuffer zur Abfederung der Commodities-Preisvolatilitäten wertvoll, denn besagtes Hedging muss man sich eben auch leisten können“, so Münch.
Info
Dieser Artikel ist zuerst im DerTreasurer E-Magazin erschienen. Die ganze Ausgabe zum Herunterladen finden Sie hier.
Philipp Hafner ist Redakteur bei DerTreasurer und FINANCE. Er hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth sowie an der University of Amsterdam studiert. Zuvor arbeitete Philipp Hafner mehr als sechs Jahre bei der Verlagsgruppe Knapp/Richardi, zunächst als Volontär, anschließend dann als Redakteur für die Fachzeitschrift „Immobilien & Finanzierung“.

