Leitwährung Dollar: Totgesagte leben länger

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Der US-Dollar hat seit Anfang 2025 gegenüber dem Euro mehr als 10 Prozent verloren. Und prompt geistert das Gespenst der De-Dollarisierung wieder an den Finanzmärkten herum. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump und dem berüchtigten Arbeitspapier zum sogenannten Mar-a-Lago-Accord heißt es mal, Trump favorisiere einen schwachen Dollar, mal beschwöre Christine Lagarde einen „globalen Euro-Moment“ herauf. Ein Ende des Dollar als globaler Leitwährung wird man nicht mit hübschen Worten und Wunschdenken herbeireden. Für ein Ende des Dollar als Leitwährung braucht es einen großen Vertrauensverlust bei Investoren und eine vollwertige Alternative.

Gerät der Dollar als Leitwährung unter Druck?

Allerdings bedeutet eine Abwertung des Dollar nicht automatisch, dass der Status als Leitwährung unter Druck gerät. Als der Dollar Anfang 2021 zum letzten Mal auf seinem jetzigen Niveau gegenüber dem Euro stand, sprach auch niemand vom Ende des Dollar. Auch der Kurs einer Leitwährung kann schwanken. Aktuell finden immer noch knapp 90 Prozent aller Devisentransaktionen in Dollar statt. Auch der Anteil an den weltweiten Währungsreserven liegt bei circa 50 Prozent. Zweitgrößte Position bei den Währungsreserven ist übrigens nicht mehr der Euro, sondern aufgrund der aktuellen Kursentwicklungen Gold.

Das deutsche Sondervermögen, neue Wachstumshoffnungen in ganz Europa, Leitzinssenkungen in den USA und eine EZB, die seit dem letzten Sommer die Füße stillhält: Das sind die Gründe hinter dem Abschwung des Dollar. Und es sind zyklische, keine strukturellen.

Auch das häufig gehörte „Sell America“-Motiv wurde an den Finanzmärkten häufiger diskutiert, als dass es wirklich stattfand. Solange die US-Wirtschaft wächst, die US-Kapitalmärkte ihresgleichen suchen und im Rest der Welt keine neue Leitwährung entsteht, werden Investoren immer wieder zum Dollar zurückkehren. Allerdings gilt auch hier: Das Vertrauen der Finanzmärkte muss man sich immer wieder aufs Neue erarbeiten. Sollte es einmal nachhaltig beschädigt sein, bröckelt auch der Status der Leitwährung. Auch Sterling blieb jahrzehntelang Reservewährung, nachdem die strukturellen Grundlagen bereits erodiert waren.

Die aktuelle Situation hält Gefahren für den Dollar bereit

In der aktuellen Situation gibt es für den Dollar zwei fundamentale Gefahren: ein abruptes und hartes Ende des KI-Booms, das das gesamte Wachstumsmodell der USA in Frage stellt, sowie politische Gewalt im Vorfeld der Midterm Elections im November. Anders gesagt: ein oder mehrere Ereignisse, die das Vertrauen von Investoren in amerikanische Institutionen und die amerikanische Wirtschaft nachhaltig beschädigen.

Möglich? Ja. Wahrscheinlich? Eher nein. Denn auch wenn Donald Trump sich vielleicht insgeheim einen schwächeren Dollar wünscht, wird er den Preis eines Börsencrashs dafür sehr wahrscheinlich nicht bezahlen wollen.

Info

In seiner Kolumne wirft Carsten Brzeski regelmäßig einen Blick auf das aktuelle wirtschaftliche Umfeld. Brzeski ist Global Head of Macro Research der ING und seit 2013 Chefvolkswirt für Deutschland und Österreich.