Zwischen Supermacht und Systemrisiko

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Die USA bleiben für institutionelle Anleger Fluch und Faszination zugleich. Kein anderer Markt bietet vergleichbare Tiefe, Produktvielfalt, Liquidität und Innovationskraft – und doch wächst die Unsicherheit über seine politische und fiskalische Stabilität. Auf der 5. dpn Asset & Liability Convention in Essen wurde Ende September deutlich: Der Blick auf die Vereinigten Staaten ist so ambivalent wie selten zuvor. Das war den rund 260 Teilnehmern von Versicherungen, Pensionskassen, Versorgungswerken und auch Treasury-Abteilungen großer Konzerne klar.

Sandra Navidi, CEO von Beyond Global, brachte aus New York beunruhigende Eindrücke mit. In ihrer Keynote beschrieb sie einen Kapitalmarkt im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Dominanz und politischem Verfall. „Die Polarisierung lähmt die Entscheidungsfähigkeit – das Vertrauen in Institutionen wie die Fed bröckelt“, so Navidi. In Donald Trumps zweiter Amtszeit sei das politische Klima so toxisch, dass es zunehmend ökonomische Folgen habe.

Im traditionellen Bühnengespräch mit F.A.Z.-Redakteur Philipp Krohn und Christian Kopf von Union Investment wurde schnell klar: Der amerikanische Kapitalmarkt bleibt unverzichtbar – aber auch nicht unverwundbar. Währungsschwankungen, Einflussnahme auf die Notenbank und ein zunehmend populistisch geprägter Wirtschaftskurs erhöhen die Risikoprämien. „An den USA kommt man nicht vorbei, aber man schaut genauer hin“, brachte es Kopf auf den Punkt.

Investoren reduzieren US Treasuries

Einige Investoren reagieren bereits. Die RAG-Stiftung hat ihre Bestände an US-Treasuries deutlich reduziert, wie ein Vertreter in einer Podiumsdiskussion äußerte. Die Kombination aus Dollarschwäche und politischer Einflussnahme auf die Geldpolitik lässt Bond-Investoren vorsichtiger agieren. Der Druck vom Kapitalmarkt zwang sogar Donald Trump nach dem berühmt-berüchtigten Liberation Day zum Einlenken – etwa in Zollfragen. Denn in einem Land, in dem Aktienbesitz Teil der Altersvorsorge ist, werden Kursverluste schnell zur sozialen Frage.

Dennoch bleibt die strategische Abhängigkeit der Investoren vom US-Markt bestehen. Eine vollständige Umschichtung von Vermögen nach Europa oder in andere Märkte ist illusorisch. Stattdessen setzen viele auf taktische Anpassungen: weniger US-Anleihen, selektivere Aktienquoten und verstärkte Engagements in Technologie- und Infrastrukturinvestments.

Tech und KI bleiben gesetzt

Tech bleibt gesetzt – getrieben vom KI-Boom, der den Energiebedarf und die geopolitische Bedeutung von Rechenzentren in die Höhe treibt. Der Wettlauf zwischen den USA und China verschärft die Dynamik, während Europa in der Zuschauerrolle verharrt. Parallel gewinnen Alternatives wie Private Equity, Private Debt und Infrastruktur bei institutionellen Investoren weiter an Gewicht – als Renditeanker in einem unsicheren Umfeld.

Ein kurzes Fazit der diesjährigen dpn-Konferenz: Die einst unangefochtene Vormachtstellung der USA bekommt Risse. Doch solange sie das Epizentrum der Kapitalmärkte bleibt, müssen Investoren lernen, mit der politischen Volatilität zu leben – und sie klug zu bepreisen.

Info

Hier können Sie sich schon für die nächste Konferenz am 22. und 23. September 2026 in Essen anmelden.

Markus Dentz ist Chefredakteur von DerTreasurer und der Fachzeitschrift FINANCE. Seine journalistischen Schwerpunktthemen sind Unternehmensfinanzierung, Restrukturierung und Treasury.