Es liest sich wie ein Hilferuf, was die Finanzberatung Fox Corporate Finance in einer Analyse zur Automobilindustrie zusammenträgt: Umsatzrückgänge in Milliardenhöhe, einbrechende Gewinne, explodierende Schuldenquoten. Was sich seit Monaten in der europäischen Automobilbranche vollzieht, wird nun an den Bilanzen der Zulieferer sichtbar – und die Lage ist dramatischer als befürchtet.
Etwa ein Drittel der börsennotierten Automobilzulieferer in Europa befindet sich derzeit in einem sogenannten Covenant-Bruch, schreibt FCF. Den Banken steht in diesen Fällen formal das Recht zu, die Finanzierungen zu kündigen. Bis Ende 2026 könnte dieser Anteil auf 40 Prozent steigen. Sollten die Zulieferer ihre Prognosen in den kommenden Monaten erneut senken müssen, droht sogar jedes zweite Unternehmen in diese Schieflage zu geraten.
Prognosen im freien Fall
Die Zahlen des laufenden Jahres sprechen eine eindeutige Sprache: Zwischen Februar und September 2025 haben die Zulieferer ihre Erwartungen massiv nach unten korrigiert. Im Vergleich zu den Prognosen vom Jahresbeginn rechnen sie nun mit 6 Prozent weniger Umsatz, 7 Prozent weniger Ebitda und einem Einbruch des Jahresüberschusses um 29 Prozent.
In absoluten Zahlen entspricht das einem kumulierten Umsatzrückgang von 9,7 Milliarden Euro, einem Ebitda-Minus von 1,6 Milliarden Euro und 1,7 Milliarden Euro weniger Gewinn – wohlgemerkt nur bei den börsennotierten Zulieferern.
Auch für 2026 haben die Analysten von FCF ihre Erwartungen bereits deutlich reduziert: Minus 8 Prozent bei Umsatz und Ebitda, minus 20 Prozent beim Jahresüberschuss. Von großen bis zu kleinen Unternehmen – alle Kategorien sind betroffen.
Schuldenlast wird zum Klotz am Bein
Besonders bedrohlich: Während die Erträge schrumpfen, steigt die Verschuldung. Der durchschnittliche Nettoverschuldungsgrad liegt aktuell bei 3,5-fachen Ebitda, bei mittelgroßen und kleineren Zulieferern sogar beim 4,0-fachen.
Das Problem ist, dass in den meisten Kreditverträgen die Obergrenze zwischen 3,0 und maximal 3,5-fachen Ebitda definiert wird. Wer darüber liegt, riskiert nicht nur die Kündigung der Kredite, sondern wird von den Banken typischerweise an spezialisierte Restrukturierungseinheiten übergeben. Man spreche vom sogenannten „Intensive Care“-Verfahren.
Während große Zulieferer laut FCF ihren Verschuldungsgrad bis Ende 2026 voraussichtlich von 2,2 auf 2,1-fach senken können, wird für mittelgroße und kleine Unternehmen ein weiterer Anstieg von 4,0 auf 4,4-fach erwartet. Die Schere zwischen Groß und Klein öffnet sich weiter.
Sanierungswelle wie in der Finanzkrise erwartet
Die Branche steht vor einer massiven Restrukturierung. Viele Unternehmen werden strukturierte Sanierungsverfahren nach dem IDW-S6-Standard durchlaufen müssen. Die FCF-Experten rechnen mit einer Sanierungswelle, wie sie zuletzt während der Finanzkrise 2008/2009 zu beobachten war.
Die verfügbaren Daten bilden dabei nur die Spitze des Eisbergs ab: Sie beziehen sich ausschließlich auf börsennotierte Unternehmen, da nur für diese verlässliche Zahlen öffentlich verfügbar sind. Bei nicht börsennotierten Zulieferern, die den Großteil der Branche ausmachen, dürfte die Situation laut den Finanzierungsexperten vergleichbar oder sogar noch angespannter sein.
Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Restrukturierung, Transformation, Zahlungsverkehr und Cash Management.

