Ob geopolitisch, wirtschaftlich oder klimabedingt: Die Liste der Risiken, mit denen Unternehmen derzeit umgehen müssen, ist lang. Auch für Versicherer ist das volatile Marktumfeld kein leichtes. Die Folge für Unternehmen sind oft höhere Kosten. „Wir befinden uns derzeit in einer Hartmarktphase, auch wenn es wieder leichte Entspannungszeichen gibt. Die Prämien sind nach wie vor auf einem hohen Niveau“, erklärt Georg Manthey, Senior Managing Broker bei Ecclesia Re.
Gerade in einer solchen Phase könne es für Unternehmen sinnvoll sein, bestimmte Risiken selbst zu tragen, anstatt sie teuer an Versicherer zu übertragen. Der Fokus solle aber nicht nur auf kurzfristigen Kosteneinsparungen liegen, sondern auf strategischen Überlegungen wie etwa dem Ziel, sich unabhängiger von volatilen Versicherungsmärkten zu machen. „Derzeit sehen wir ein wachsendes Interesse an Lösungen zur Risikoeigentragung“, so Manthey.
Ecclesia Re ist ein Rückversicherungsmakler, der sich zudem auf die Beratung von Corporates im Bereich der Risikoeigentragung spezialisiert hat. Zu den Kunden gehören Banken, Dax-Adressen sowie mittelständische Industrie- und Handelsunternehmen. „Besonders relevant ist das Thema für Unternehmen, die in bestimmten Bereichen keinen Versicherungsschutz mehr finden oder ein besseres Risikoprofil als der Markt haben, aber trotzdem vergleichsweise hohe Prämien zahlen müssen.“ Letztere könnten durch Eigentragung die Verwaltungskosten oder die Gewinnmarge des Versicherers sparen.
Slip-and-Fall-Schäden
Je nach Unternehmen können es sehr unterschiedliche versicherbare Risiken sein, bei denen es sinnvoll sein könnte, sie selbst zu tragen. „Ein Beispiel sind Frequenzrisiken, also kleinere Risiken, die häufiger auftreten und ohnehin bezahlt werden müssen“, so Manthey. Er verweist etwa auf Slip-and-Fall-Schäden bei Handelsunternehmen. Dass Kunden im Laden ausrutschen, komme immer wieder vor, die Schadenssummen seien in der Regel überschaubar. „Hier müssen Finanzverantwortliche sich fragen, ob eine Versicherung sinnvoll ist. Die Versicherung holt sich schließlich die Kosten, die anfallen, über die Prämien zurück.“
Im Gegensatz dazu sollten Großrisiken, die existenzbedrohend sein könnten, immer über Versicherer abgesichert werden. „Wenn etwa die Fabrik eines Mittelständlers abbrennt – so etwas muss über das Gesetz der großen Zahlen über eine Risikogemeinschaft vieler Versicherter abgedeckt werden.“
»Die Prämien sind nach wie vor auf hohem Niveau.«
Georg Manthey, Ecclesia Re
Und dann gibt es den Bereich dazwischen. Es geht um Risiken, die nicht tagtäglich sind, aber die das Unternehmen auch nicht überfordern würden. „Für diesen Schadensbereich gibt es verschiedene Vehikel, die das Risikomanagement auf der eigenen Bilanz ermöglichen. Bei einem Captive-Modell werden die Risiken im Konzern gebündelt und explizit Kapital gegenübergestellt“, erklärt Manthey.
In solchen Vehikeln können Unternehmen Reserven für den Eintritt eines Schadens aufbauen und somit einen Risikoausgleich über die Zeit erreichen. „Der Vorteil einer solchen Lösung ist, dass man die Risiken auf die eigene Bilanz nimmt, ohne die Risikotragfähigkeit kleinerer Tochterunternehmen zu überfordern.“ Externe Versicherungsservices wie die Schadensbearbeitung können eingebunden werden.
Cyberrisiken schwer zu versichern
Manche Unternehmen haben gar keine andere Wahl, als Verantwortung selbst zu übernehmen, wenn Versicherer potentielle Schäden nicht abdecken wollen. Das passiert beispielsweise im Bereich der Cyberrisiken bei Großkonzernen durchaus. So haben BASF und Airbus beispielsweise eine eigene Versicherungslösung.
Ecclesia-Re-Experte Georg Manthey geht davon aus, dass das Interesse an solchen Lösungen weiter steigen wird. „Die Welt ist nicht mehr so gut berechenbar, denken Sie nur allein an Klimarisiken. Versicherer reagieren restriktiver und werden dies auch in Zukunft zunehmend tun.“
Antonia Kögler ist Redaktionsleiterin bei DerTreasurer. Sie schreibt über Finanzierung und Asset Management und verfolgt alle Entwicklungen rund um das Thema Sustainable Finance.

