Der FC St. Pauli ist in der Fußball-Bundesliga finanziell gesehen ein Zwerg unter Riesen. Deshalb hat sich der Verein die Frage gestellt, wie sich die finanzielle Lücke zu den anderen Teams verkleinern lässt. Die unerwartete Antwort: eine Genossenschaft. „Mit der Genossenschaft haben wir ein Modell gefunden, das zum Verein und zu den Anhängern am besten passt“, sagt Andreas Borcherding, Vorstandschef der Football Cooperative Sankt Pauli von 2024 eG (FCSP), wie die Genossenschaft offiziell heißt. Über das Vehikel will die Initiative rund 30 Millionen Euro einsammeln.
FCSP als Stadioninvestor
Das Modell funktioniert folgendermaßen: Interessierte Genossinnen und Genossen können für 850 Euro Anteile an der Genossenschaft kaufen. „Grundsätzlich handelt es sich hier um eine Kapitalgesellschaft wie eine GmbH oder Aktiengesellschaft“, erklärt Borcherding, der vor seinem Engagement beim Kiezklub lange für PwC aktiv war. „Es gibt einen Vorstand für das operative Geschäft und einen Aufsichtsrat als Kontrollinstanz.“ Die Partizipation ähnele aber jener in eingetragenen Vereinen, wie der Fußballverein FC St. Pauli einer ist. „Jedes Mitglied, egal wie viele Anteile es hat, hat eine Stimme.“
Die Genossenschaft fungiert dann als Investor und beteiligt sich mit dem eingesammelten Kapital über die Millerntorstadion Betriebsgesellschaft (MSB) mehrheitlich am Stadion des Clubs. „Die Genossenschaft übernimmt den Betrieb des Stadions, kümmert sich also etwa um die Instandhaltung oder das Greenkeeping. Der Verein ist dann Pächter und überweist eine Miete“, sagt Borcherding. Dadurch generiere die Genossenschaft dann möglichst verlässliche Cashflows.
„Wir planen insgesamt mit unterschiedlichen Szenarien, unser Modell soll potentiell auch in der Zweiten oder Dritten Liga funktionieren.“ Eine Nachschusspflicht bei einer wirtschaftlichen Schieflage sei in der Satzung ausgeschlossen, so Borcherding. „Das Risiko beschränkt sich klar auf den Anteil, den man gezeichnet hat.“ Hier könnte es theoretisch aber auch zum Totalausfall kommen.

Das Projekt ist gut angelaufen: Mitte November hatte die Genossenschaft 10.000 registrierte Zeichnerinnen und Zeichner, bis Januar stieg die Zahl auf 14.600. Insgesamt wurden der Genossenschaft zufolge bislang Anteile im Wert von 18,4 Millionen Euro ausgegeben.
Da die Genossenschaft neu geschaffen wurde und eine sehr schlanke Struktur hat, konnte sie das Finanzierungsvorhaben nicht allein bewältigen und holte sich die Hilfe des KMU-Finanziers Conda. Dieser stellte eine White-Label-Lösung bereit, über die die Genossenschaft das Kapital einsammeln kann.
„Wir haben in unserem Stammgeschäft noch nie genossenschaftliche Anteile vermittelt. Auch wenn unsere Rolle sich hier auf die des technischen und Abwicklungsdienstleisters beschränkt und wir nicht in den Vertrieb eingebunden sind, war das durchaus eine Herausforderung“, sagt Conda-Geschäftsführer Dirk Littig. „Da gibt es regulatorische Aspekte, auf die man sich einstellen muss.“
Genossenschaft sammelt 18 Millionen Euro
Auch habe FCSP einige Sonderwünsche gehabt, weil das Projekt möglichst inklusiv sein sollte. „Ein potentieller Genosse sollte etwa einen Betrag ansparen können, falls diese Person die 850 Euro nicht direkt auf dem Konto liegen hat. Das muss man dann sowohl technisch als auch in Abstimmung mit dem Zahlungsdienstleister abbilden“, so Littig. Auch sollte es möglich sein, Anteile zu verschenken.
„Wer sich beteiligt, ermöglicht eine andere Form von Fußball.“
Andreas Borcherding, FCSP eG
Ein weiterer Stolperstein war die mangelnde Digitalisierung im Genossenschaftsrecht. Denn obwohl der Prozess komplett digital abläuft, musste jeder Antrag zunächst noch einmal in Papierform an FCSP geschickt werden. „Wir haben jetzt 13.000 Zeichner. Das heißt: Das sind 13.000 Dokumente, die wir bearbeiten müssen“, erklärt Borcherding.
Viele Interessierte hätten keinen Drucker, weshalb die Genossenschaft das Dokument dann zugeschickt hat. „In den 850 Euro ist auch eine Verwaltungspauschale enthalten, die das abdeckt“, sagt er. Besserung ist aber in Sicht: Seit dem 1. Januar 2025 könne aufgrund einer Gesetzesänderung der gesamte Prozess digital ablaufen.
FCSP hat Berichtspflichten
Die rechtlichen Vorgaben sind für FCSP klar geregelt. Die Genossenschaft hat Berichtspflichten: „Wir haben Reportingpflichten nach HGB für Genossenschaften. Wir müssen also Jahresabschlüsse erstellen, die auch geprüft werden.“ Die Abschlüsse der eG werden ganz normal beim elektronischen Unternehmensregister eingereicht. Einmal jährlich gibt es eine Generalversammlung, auf der etwa über die Gewinnverwendung abgestimmt wird. Rendite sei aber nicht das oberste Ziel. „Wir erwarten einen Überschuss von etwa 2 Prozent pro Jahr, den wir auch ausschütten können, wenn die Generalversammlung das beschließt“, sagt Borcherding.
Dass es sich nicht um eine reine Renditeanlage handelt, ist dem Manager wichtig zu betonen. „Wer sich beteiligt, ermöglicht eine andere Form von Fußball“, wirbt er für sein Projekt. Man müsse daher auch kein Fan von St. Pauli sein, um Genosse von FCSP zu werden.
Borcherding will mit dem gewählten Modell auch zeigen, dass es neben Börsengängen, Fan-Anleihen oder Finanzinvestoren für Vereine auch andere Finanzierungsmöglichkeiten gibt. „Wir wollen ein Positivbeispiel sein. Vielleicht setzt unsere Form der Partizipation ein Zeichen, dass man solche Projekte umsetzen kann“, sagt FCSP-Manager Borcherding.
Jakob Eich ist Redakteur der Fachzeitungen FINANCE und DerTreasurer des Fachverlags F.A.Z Business Media, bei dem er auch sein Volontariat absolviert hat. Der gebürtige Schleswig-Holsteiner ist spezialisiert auf die Themen Digitalisierung im Finanzbereich und Treasury.

