Das denken CFOs und Treasurer über den Wahlausgang

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Deutschland hat gewählt: Seit der Nacht von Sonntag auf Montag steht fest, wie die Kräfteverhältnisse im Bundestag künftig aussehen werden. Alle Zeichen deuten jetzt auf eine schwarz-rote Koalition als Fundament der nächsten Regierung. Ist das eine gute Nachricht für den hiesigen Wirtschaftsstandort? Was traut die Finanz-Community dem voraussichtlichen künftigen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu?

Um das herauszufinden, haben die Redaktionen von FINANCE und DerTreasurer in Zusammenarbeit mit F.A.Z. BUSINESS MEDIA | research eine Umfrage unter hiesigen CFOs und Treasurern durchgeführt. Insgesamt beteiligten sich daran 214 Personen – 124 CFOs und 90 Treasurer.

Mehrheit mit dem Wahlergebnis zufrieden

Welch heikle Wahl hinter der Bundesrepublik liegt, zeigen die Ergebnisse deutlich. Die Community blickt mehrheitlich mit Sorge darauf: 71 Prozent der 214 Befragten erachten das Ergebnis als „alarmierend“. Hier dürfte das Erstarken der politischen Ränder eine wichtige Rolle spielen, insbesondere die AfD, die ihr Wahlergebnis in etwa verdoppeln konnte. Darauf deuten auch weitere Antworten der Finanzverantwortlichen hin.

Doch es gibt gleichzeitig zaghaften Optimismus: Mit 60 Prozent stimmt mehr als die Hälfte der befragten Finanzer der Aussage zu, dass der Wahlausgang „chancenreich“ sei. Zudem bezeichnet eine Mehrheit (54 Prozent) das Wahlergebnis als persönlich zufriedenstellend. Noch etwas mehr sind es mit 62 Prozent auf beruflicher Ebene – ein Indikator dafür, dass die Finanzverantwortlichen auf positive Wirtschaftsimpulse der neuen Regierung hoffen.

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Klares Votum: Wirtschaft vor Klimaschutz

Gefragt nach den Themen, die die neue Bundesregierung als erstes angehen müsse, ergibt sich eine klare Präferenz: Wirtschaft wird von 80 Prozent der CFOs und Treasurer als Top-Priorität genannt – nach dem Deutschland im dritten Jahr in eine Rezession zu drohen rutscht, kein überraschendes Ergebnis, auch wenn es im Wahlkampf zuletzt eine untergeordnete Rolle spielte.

Mit deutlichem Abstand folgen auf der Prioritätenliste der Finanzverantwortlichen der Bürokratieabbau (66 Prozent), Verteidigung & Rüstung (59 Prozent) sowie Migration (55 Prozent). Überraschend klar abgeschlagen landet auf dem letzten Platz der Klimaschutz: Nur 15 Prozent sehen hier akuten Handlungsbedarf für die neue Regierung.

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Einer schwarz-roten Koalition – der zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlichsten Option – wird beim Thema Wirtschaftspolitik durchaus einiges zugetraut: So stimmen 66 Prozent der befragten Finanzer der Aussage zu, dass ein Bündnis aus CDU/CSU und SPD der deutschen Wirtschaft guttun würde. Auch mit einem potentiellen Bundeskanzler Friedrich Merz könnten sie sich dabei anfreunden: Für immerhin 74 Prozent ist er der richtige Kanzler.

Neue Regierung, bessere Geschäftsaussichten?

Bei der Frage, inwieweit die neue Regierung den Geschäftsausblick für das eigene Unternehmen verändern wird, teilt sich die Finance-Community in verschiedene Lager: Die meisten (45 Prozent) erwarten an dieser Stelle überhaupt keinen Effekt. Immerhin noch 31 Prozent rechnen hingegen mit einem verbesserten Ausblick für das eigene Geschäft. Nur 7 Prozent gehen von einer Verschlechterung aus.

Als größte Herausforderungen für die neue Regierung im Hinblick auf den Wirtschaftsstandort Deutschland werden der Bürokratieabbau (70 Prozent), die Infrastruktur (67 Prozent) sowie geopolitische Risiken (55 Prozent) genannt.

Info

Nicht nur die Finanzverantwortlichen wurden befragt. Auch Führungskräfte aus den Bereichen Unternehmerfamilien, Recht & Compliance, Institutionelle Investoren, Kämmerer sowie Personalentscheider nahmen an der von F.A.Z. BUSINESS MEDIA | research durchgeführten Umfrage teil. Wie Deutschlands Führungskräfte auf die Wahlergebnisse schauen, können Sie hier nachlesen.

Was Treasurern besonders große Sorgen macht

Die CFOs und Treasurer hatten im Rahmen der Umfrage auch die Möglichkeit, ihre Einschätzung zum Wahlergebnis frei zu formulieren. Ein oft genanntes Thema: Die Sorge über das starke Abschneiden der AfD. „Das Ergebnis der AfD zeigt, dass eine große Gruppe simplen ‚Konzepten‘ auf den Leim geht und unsere Demokratie und Werte weiterhin in Gefahr sind“, bringt es ein Treasurer auf den Punkt. Nur ein Treasurer fordert einen anderen Umgang mit der AfD: „Die CDU sollte grundsätzlich die Haltung zur Brandmauer überdenken“.

Die befragten Treasurer werten das Ergebnis der Wahl als „letzte Warnung“: Die demokratischen Parteien müssten in dieser Legislaturperiode bessere Arbeit leisten: „Das ist die letzte Chance, bevor die AfD auf Augenhöhe mit der CDU agieren wird (anteilsmäßig). 2029 wird ein Desaster, wenn die neue Regierung ähnlich wie die Ampel scheitert“, so eine Treasurer-Meinung. Viele andere lauten ähnlich.

Mehr Spielraum durch Schwarz-Rot

Einige Treasurer äußern Hoffnung, dass der neuen Regierung eine bessere Arbeit als der Ampel gelingen könnte. Die Voraussetzungen für konstruktives Arbeiten seien nicht schlecht: „Die Regierungsfähigkeit einer Koalition zwischen CDU und SPD erscheint belastbarer und lässt mehr Handlungsspielraum erwarten im Vergleich zur Ampel-Koalition“, glaubt ein Treasurer. Ein anderer befürchtet dagegen ein „Weiter so“.

Manche Treasurer äußern konkrete Idee: Einer der Befragten fordert etwa die Lockerung der Schuldengrenze, ein anderer einen Deutschlandpakt „mit allen wichtigen Stakeholdern, um die zwingend erforderlichen Investitionen JETZT anpacken zu können.“

Das Stichwort Klima, das bei den vergangenen Bundestagswahlen noch dominant war, fällt in den Antworten nur selten: Ein Treasurer ist besorgt, dass das Thema so wenig Bedeutung zu haben scheint, vor allem bei der jungen Generation. Ein anderer beschreibt es so: Die Sorgen der Bürger müssten gehört werden, auch bei dem Thema. „Energiewende und Klimaschutz ja – aber wohltemperiert“.

Philipp Hafner ist Redakteur bei DerTreasurer und FINANCE. Er hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth sowie an der University of Amsterdam studiert. Zuvor arbeitete Philipp Hafner mehr als sechs Jahre bei der Verlagsgruppe Knapp/Richardi, zunächst als Volontär, anschließend dann als Redakteur für die Fachzeitschrift „Immobilien & Finanzierung“.

Antonia Kögler ist Redaktionsleiterin bei DerTreasurer. Sie schreibt über Finanzierung und Asset Management und verfolgt alle Entwicklungen rund um das Thema Sustainable Finance.