Hedging und Kontrahentenrisiken im Fokus

24.06.16 10:50

Das bedeutet der Brexit für Treasurer

Von Desiree Backhaus

Jetzt steht fest: Der Brexit kommt. Die Märkte sind in Alarmstimmung, das britische Pfund fällt heute morgen auf den tiefsten Stand seit dreißig Jahren, Großbritannien droht sogar sein AAA-Rating zu verlieren. Auf was müssen sich deutsche Treasurer jetzt einstellen?

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Was wird nach dem Brexit aus der City? Das EU-Referendum setzt die Banken unter Druck.

Großbritannien verlässt die Europäische Union. Dem vorläufigen amtlichen Endergebnis zufolge haben 51,9 Prozent der Briten für einen Brexit gestimmt. Der britische Premier David Cameron hat nach dem Votum seinen Rücktritt im Herbst angekündigt.

An den Märkten löst der anstehende Brexit eine regelrechte Schockwelle aus. Sie fällt umso größer aus, da die Märkte in den vergangenen Tagen mit einem Verbleib in der EU gerechnet hatten. Den letzten Umfragen zufolge lagen die EU-Befürworter knapp vorne, die Quoten der Wettbüros deuteten sogar klar auf das „Bremain“-Szenario hin. Die Bank of England hat bereits reagiert: Gouverneur Mark Carney stellte in Aussicht, dass die Zentralbank die Märkte mit 250 Milliarden britischen Pfund stützen will.

Brexit: Pfund schmiert ab, Hedging wird teurer

Für Treasurer besonders ärgerlich, aber nicht wirklich unerwartet: Besonders an den Währungsmärkten herrschen Turbulenzen. Das britische Pfund ist heute morgen bereits dramatisch eingebrochen und notierte zwischenzeitlich mit 1,32 US-Dollar auf dem tiefsten Stand seit 30 Jahren. Die Investmentbank Morgan Stanley rechnet damit, dass die Währung noch weiter abwertet und auf 1,25 bis 1,30 Dollar fällt.

Die Volatilität ist extrem hoch: Gestern war das Pfund mit 1,49 Dollar auf den höchsten Stand seit sechs Monaten gestiegen. Auch der Euro büßte heute morgen an Wert gegenüber dem US-Dollar ein und fiel zwischenzeitlich auf 1,09 US-Dollar.

Der japanische Yen und der Schweizer Franken legten dagegen stark zu, beide Währungen gelten den Investoren nun als sichere Häfen. Die Schweizer Nationalbank (SNB) teilte bereits mit, sie habe am Devisenmarkt eingegriffen, um den Aufwertungsdruck abzumildern.

In Großbritannien schoben einige Treasury-Abteilungen Überstunden, um schnell auf Turbulenzen an den Währungsmärkten reagieren zu können, wie die Nachrichtenagentur Reuters im Vorfeld berichtet hatte.  FX-Experten hatten bereits beobachtet, dass viele britische Treasurer bei Hedging-Entscheidungen das Top-Management konsultierten. Allerdings dürften Hedging-Geschäfte aufgrund der hohen Volatilität nun deutlich teurer werden. Im Vorteil ist, wer frühzeitig gesichert hat. Britische Exporteure profitieren allerdings ohnehin von der Pfund-Schwäche.

Deutsche Unternehmen versuchen zu beruhigen

Anders ist dies bei deutschen Unternehmen, die ihre Waren nach Großbritannien exportieren. Für sie ist das schwache Pfund schlecht. Viele Treasurer gaben sich im Vorfeld des Referendums dennoch gelassen. Zum einen weil sie nicht an den Brexit glaubten, zum anderen fühlten sie sich mit ihrer Hedging-Strategie gut aufgestellt: „Wir hedgen grundsätzlich. Unsere Strategie bleibt unberührt“, sagte der Treasury-Chef eines deutschen Automobilzulieferers noch vor vier Wochen gegenüber DerTreasurer.

Auch ein Pharmaunternehmen blieb beim Business as usual, wie die für das Währungsmanagement zuständige Mitarbeiterin noch am Dienstag etwas hilflos erklärt hatte: „Wenn wir das Unternehmen voll absichern und das Pfund anschließend aufwertet, stehen wir schlecht da.“ Die Zurückhaltung könnte sich jetzt rächen.

Doch es gibt auch andere Beispiele: Der Hamburger Solarparkbetreiber Capital Stage gab heute morgen bekannt, man habe sich bereits frühzeitig gegen mögliche Währungsschwankungen aufgrund des Brexit geschützt. Mit dem Abschluss eines Währungsswaps habe man sich bis Ende 2017/Anfang 2018 einen durchschnittlichen Wechselkurs von rund 1,26 Euro pro britischem Pfund gesichert, erklärte das SDax-Unternehmen.

Auch deutsche Großkonzerne bemühen sich in ihren ersten Statement um Beruhigung – wohl auch mit Blick auf die fallenden Aktienkurse. Der Dax verlor in den ersten Handelsminuten bereits 9 Prozent an Wert, es war der größte Kurssturz seit 2008. „Die Konsequenzen für Eon sind wohl beherrschbar“, sagte CEO Johannes Teyssen. Der Energiekonzern verfügt über ein nennenswertes UK-Geschäft, finanziert sich aber auch teilweise in lokaler Währung. Continential-Chef Elmar Degenhart hält die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen auf Continental für „voraussichtlich nur begrenzt“.

Anleihemärkte trocknen aus

Auf den Anleihemärkten dürfte nach der Brexit-Entscheidung zunächst erst Mal weiterhin Flaute herrschen. In dieser Woche gab es laut den Experten der Raiffeisen Bank International (RBI) keine Neuemission auf dem Euro-Markt. Bereits seit zwei Wochen ist insbesondere der Markt für öffentliche Schuldner nahezu ausgetrocknet.

Die Unternehmensanleihen zeigten sich dank des Kaufprogramms der Europäischen Zentralbank etwas robuster: Die EZB kauft seit dem 8. Juni auch Corporate Bonds und soll unter anderem in VW-Anleihen investiert haben: Vonovia konnte Mitte des Monats einen milliardenschweren Bond platzieren, auch Braas Monier, Otto Group und Schalke 04 schlugen im Vorfeld der Brexit-Abstimmung noch einmal zu.

Andererseits könnten gerade deutsche Investmentgrade-Emittenten auch profitieren: Als „sicherer Hafen“ können sie sich über weiter sinkende Finanzierungskonditionen freuen. Die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe, die in der vergangenen Woche erstmals negativ war, notierte auch heute im Minus.

Wie reagieren die Banken jetzt?

Unter besonderer Beobachtung stehen jetzt auch die Banken, die sich zuletzt mit Äußerungen im Hinblick auf einen Brexit tunlichst zurückgehalten haben: Die Aktienkurse der Deutschen Bank und der Commerzbank verloren heute morgen zwischenzeitlich 17 Prozent an Wert.

Vor allem für die britischen Großbanken könnten jetzt schwierige Zeiten anbrechen. Die Ratingagentur Fitch hatte erst kürzlich gewarnt, ein EU-Austritt der Briten könnte die Bankratings unter Druck setzen. Refinanzierungsschwierigkeiten und eine sinkende Qualität der Vermögensgegenstände könnten die Folgen eines Brexit sein, da die britische Wirtschaft in die Rezession fallen dürfte. Auch deutsche Treasurer, die mit diesen Banken zusammenarbeiten, müssen die Einschätzung ihrer Kontrahentenrisiken überarbeiten.

Doch derzeit ist noch viel unklar: Vieles dürfte davon abhängen, wie der Austritt der Briten aus der EU nun tatsächlich abläuft. Entscheidend dürfte dabei vor allem sein, wie schnell und umfangreich ein Freihandelsabkommen zustande kommt. So viel steht zumindest fest: Es stehen turbulente Zeiten bevor.

Backhaus[at]derTreasurer.de