Prüfer bemängeln unzureichende Treasury-Prozesse

13.03.17 11:49

Treasurer-Betrug kostet ABB 73 Millionen Dollar

Von Desiree Backhaus

Erleichterung für den Technologiekonzern ABB: Die Versicherung wird für einen Teil der veruntreuten 100 Millionen Dollar in Südkorea aufkommen. Derweil erhebt der Wirtschaftsprüfer schwere Vorwürfe gegen das Management.

ABB

Veruntreuung durch den Südkorea-Treasurer: 30 Millionen Euro des Schadens für ABB zahlt die Versicherung.

Die kriminellen Handlungen eines Treasurers in Südkorea kommen ABB weniger teuer zu stehen als zunächst befürchtet: Die Belastung vor Steuern liege im Geschäftsjahr 2016 bei 73 Millionen Dollar, wie der Schweizer Technologiekonzern heute mitteilte. Vor drei Wochen, als der Betrugsfall bekannt wurde, hatte das Management den Verlust auf 100 Millionen Dollar geschätzt. Inzwischen rechnet ABB allerdings damit, dass für etwa 30 Millionen Dollar eine Versicherung aufkommen wird. 

Diese guten Nachrichten werden allerdings durch schwere Vorwürfe des ABB-Wirtschaftsprüfers Ernst & Young überschattet: Das Unternehmen habe die Treasury-Einheit in Südkorea nicht effektiv kontrolliert, schreibt der verantwortliche Auditor Leslie Clifford im Prüfungsvermerk. So habe es keine ausreichende Trennung von Funktionen („Segregation of Duties“) gegeben, heißt es weiter. Der Zugang zum lokalen ERP-System der Treasury-Einheit sei ebenso ungeeignet gewesen wie der Zugang zu Unterschriftssiegeln („Signature Seals“), mit dem Zahlungen autorisiert werden können.

Die Schweizer bekräftigten heute erneut, mit unabhängigen kriminaltechnischen und juristischen Experten zusammenzuarbeiten, um den Fall aufzuklären. Vor drei Wochen hatte ABB mitgeteilt, dass Interpol nach dem Treasurer der südkoreanischen Tochter fahnde. Mithilfe gefälschter Unterlagen und der Unterstützung Dritter soll der Mann 100 Millionen Dollar veruntreut haben. In der Folge hatte ABB die Vorlage des Geschäftsberichts verschoben.

Prozesse im Zahlungsverkehr überprüfen

Der ABB-Fall zeigt, wie wichtig sauber definierte und sichere Prozesse im Zahlungsverkehr sind: Dazu gehören etwa das Vier-Augen-Prinzip bei Zahlungsfreigaben, ausgeklügelte Berechtigungssysteme in der IT sowie taggleiche Buchungen von Kontoauszügen, um verdächtige Transaktionen schnell zu entdecken. Insbesondere in lokalen Tochtergesellschaften, wo häufig nur ein Treasury-Statthalter sitzt, ist die Trennung von Funktionen häufig schwierig.

Dabei schützen diese Maßnahmen sowohl vor internen als auch vor externen Betrügern. Für negative Schlagzeilen sorgt derzeit die sogenannte Fake-President-Masche, bei der sich Kriminelle als Chef oder als CFO ausgeben, um falsche Zahlungen zu initiieren. So erbeuteten Kriminelle etwa 40 Millionen Euro von dem Automobilzulieferer Leoni und dem österreichischen Flugzeugkomponentenhersteller FACC, der allerdings einen Teil der Gelder zurückholen konnte. Bei der Masche setzen die Betrüger zwar allem auf soziale Manipulation von Treasury-Mitarbeitern. Sie machen sich aber auch Lücken in den Freigabeprozessen von Zahlungen und mangelhafte Transparenz zu nutze.

Backhaus[at]derTreasurer.de

Fake-President-Masche, Cybercrime und Betrüger im eignen Haus - mehr dazu finden Sie auf der Themenseite Cybercrime im Treasury.