Risiko für Wechselkurs und Zinsen

08.06.16 08:34

Treasurer bereiten sich kaum auf Brexit vor

Von Desiree Backhaus

Am 23. Juni könnten sich die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union entscheiden. Europäische Treasurer halten einen Brexit für realistisch, dennoch treffen die wenigsten Vorbereitungen.

Tomas Serefda/iStock/Thinkstock/Getty Images

Leave or Remain? Kommt es zum Brexit, dürften auch deutsche Unternehmen leiden.

In zwei Wochen entscheiden die britischen Wähler, ob ihr Land Teil der EU bleibt oder ob es zum Austritt kommt (Brexit). Aktuell liegen die EU-Befürworter in den Umfragen knapp vorne, doch Beobachter rechnen mit einem engen Rennen am 23. Juni. Einer Umfrage der US-Beratung Greenwich Associates zufolge sehen das auch Finanzverantwortliche so: Mehr als die Hälfte der Ende April befragten 90 Treasurer und CFOs aus Großbritannien und Kontinentaleuropa hält einen Brexit für ein realistisches Szenario. Sollte es dazu kommen, rechnet die Mehrheit mit einem ungeordneten Prozess. Dennoch haben die wenigsten Befragten Vorbereitungen getroffen, um ihre Firma vor den Folgen zu schützen.

Als größtes Risiko aus Treasury-Sicht gelten Währungs- und Zinsschwankungen. Die Bank of England hat bereits durchblicken lassen, im Falle eines EU-Austritts den Leitzins, der seit 2009 unverändert bei 0,5 Prozent steht, senken zu wollen. Negativzinsen könnten daher auch in Großbritannien um sich greifen, glauben die Volkswirte von Bankhaus Lampe. Zudem würde eine Zinssenkung das britische Pfund weiter unter Druck setzen. Von Mitte November bis Anfang April hat die britische Währung rund 15 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Euro eingebüßt. Zuletzt erholte sich das Pfund zwar wieder etwas, mit aktuell 1,31 Euro ist es aber deutlich schwächer als Mitte 2015. Laut der Greenwich-Umfrage hat nicht einmal jeder vierte befragte Treasurer FX-Sicherungsgeschäfte abgeschlossen, obwohl die Pfund-Schwäche Exporteuren aus der Euro-Zone schadet.

Euler Hermes: Brexit würde deutsche Exporteure Milliarden kosten

Hinzu kommen regulatorische Hindernisse: Bei einem EU-Austritt hätte Großbritannien keinen Zugang mehr zum EU-Binnenmarkt und den entsprechenden Handelserleichterungen. Euler Hermes prognostiziert daher, dass zwischen 2017 und 2019 deutschen Exporteuren bis zu 7 Milliarden Euro verlorengehen könnten. Im Falle eines „weichen“ Ausstiegs, in dem schnell ein Freihandelsabkommen geschlossen würde, rechnet der Kreditversicherer mit Einbußen von 5 Milliarden Euro. Besonders betroffen wäre die Autoindustrie, gefolgt vom Chemiesektor und den Maschinenbauern.

Der Treasury-Chef eines deutschen Autozulieferers mit Niederlassungen in Großbritannien hält Handelshemmnissen ebenfalls für ein großes Risiko. Er glaubt aber nicht an den Brexit: „Die Briten würden sich selbst im besonderen Maße schaden.“ Zudem müsse es Übergangsregelungen geben. Aktuell sieht der Treasury-Chef daher keinen Vorbereitungsbedarf. Nach dem 23. Juni könnte sich das aber ändern.

Backhaus[at]derTreasurer.de