Carlo Kölzer soll im Management bleiben

27.07.15 12:12

FX-Hedging: Deutsche Börse übernimmt 360T

Von Markus Dentz

Aus Gerüchten wird Gewissheit: Die Deutsche Börse übernimmt den Handelsplattformbetreiber 360T für stolze 725 Millionen Euro. Nach Informationen von DerTreasurer hätte sie sich vor rund zehn Jahren deutlich günstiger beteiligen können.

Arne Dedert/picture alliance/dpa

Der neue Deutsche-Börse-CEO Carsten Kengeter schließt Deal mit 360T ab.

Die Deutsche Börse hat den Handelsplattformbetreiber 360T übernommen. Die vollständige Übernahme wurde zu einem Gesamtkaufpreis von 725 Millionen Euro abgeschlossen. Die Deutsche Börse plant, die Übernahme durch eine Kombination aus Fremd- und Eigenkapital zu stemmen, um „mögliche Auswirkungen auf das Kreditrating zu minimieren“.

Das Gerücht, dass sich der Börsenbetreiber in Verhandlungen mit den 360T-Eigentümern befindet, war bereits im Juni aufgekommen. Zu den Verkäufern gehört unter anderem der Finanzinvestor Summit Partners, der nach Medienangaben rund 60 Prozent der Anteile halten soll. Neben den Finanzinvestoren hält auch das Management Anteile. Nach Angaben des Handelsblatts soll CEO Carlo Kölzer über rund 6 Prozent verfügen – allerdings divergieren die Angaben dazu in verschiedenen Medienberichten. 360T war gegenüber DerTreasurer zu keiner Stellungnahme bereit.

   
Nach Informationen von DerTreasurer hätte die Deutsche Börse in einem früheren Stadium deutlich günstiger bei 360T einsteigen können und dreistellige Millionenbeträge gespart. Demnach soll es Mitte der 2000er Jahre bereits Verhandlungen gegeben haben, die letztlich im Sande verlaufen sind, heißt es von einem Unternehmenskenner. Auch bei der letzten großen Finanzierungsrunde im Jahre 2012 soll die Deutsche Börse Interesse gezeigt haben. Letztlich hatte 360T sein Wachstum bis heute maßgeblich über Venture-Capital-Investoren sowie Family and Friends finanziert.

Deutsche Börse will internationales Wachstum von 360T forcieren

360T hat insbesondere bei deutschen Treasury-Abteilungen eine starke Stellung: Der Einsatz der Devisenplattform zählt inzwischen zum Standardprogramm für Treasurer, um FX-Absicherungen abzuschließen. Nahezu jedes Dax-Unternehmen, wie beispielsweise Fresenius, nutzt die Plattform. Auch international ist 360T längst bei vielen Treasurern im Einsatz. Allerdings gibt es mit Thomson Reuters hier einen mächtigen Wettbewerber. Der Nachrichtendienstleister hatte vor rund drei Jahren den 360T-Wettbewerber FXall übernommen und in sein Angebot integriert. Laut Euromoney kommt Thomson Reuters damit auf einen Marktanteil von 37 Prozent. Mit 16 Prozent steht die Plattform des Finanzkonzerns State Street noch vor 360T (15 Prozent).

Mit Hilfe der finanzstarken Deutschen Börse soll dieses internationale Wachstum noch einmal Fahrt aufnehmen. Eine Mitteilung des Konzerns kündigt an, dass sich „durch den Zusammenschluss mittelfristig Erlössynergien in erheblichem zweistelligen Millionen-Euro-Bereich“ erzielen ließen, indem „das internationale Vertriebsnetzwerk und die Expertise der Gruppe Deutsche Börse genutzt werden“.

Carlo Kölzer künftig im Deutsche-Börse-Management?

Wie sich diese Gründermentalität des 360T-Teams mit dem Konzern vertragen soll, muss sich allerdings noch zeigen. Besonders in der Anfangsphase musste das Team um Carlo Kölzer mit heftigen Widerständen kämpfen. Allen voran die Banken hatten als Derivateanbieter kein Interesse an mehr Preistransparenz im damals vornehmlich bilateral durchgeführten FX-Handel. Nicht zu Unrecht, haben der Einsatz der Devisenplattform und die bessere Vergleichbarkeit der Angebote den Geldhäusern doch vielfach Marge gekostet, wie sich später herausstellen sollte. Das Gründungsteam um Carlo Kölzer überwand all diese Widerstände. Im Jahre 2007 erhielt der 360T-CEO dafür die Auszeichnung Entrepreneur des Jahres.

Offenbar könnte Kölzer noch eine Rolle im Management der Deutschen Börse spielen, um die reibungslose Integration zu erleichtern, wie DerTreasurer erfahren hat – möglicherweise sogar mit im Senior-Management. Die Deutsche Börse wollte diese Informationen allerdings nicht kommentieren. Mit Carsten Kengeter war erst vor wenigen Wochen ein ehemaliger UBS-Banker beim Börsenbetreiber als CEO angetreten, der jetzt das Wachstum auch über M&A-Deals forcieren will. Der Abschluss der 360T-Transaktion steht allerdings noch unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch Aufsichts- und Wettbewerbsbehörden.

Dentz[at]derTreasurer.de