Zukunftsmarkt Indien: Treasury-Chancen und Hürden im Überblick

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Die Mutter aller Abkommen – so wird das neue Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union (EU) und Indien vielerorts betitelt. Nach fast 20 Jahren Verhandlungen wurde es Ende Januar 2026 endlich formell abgeschlossen. Das Abkommen umfasst einen Wirtschaftsraum mit 2 Milliarden Menschen und schätzungsweise rund 25 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP), was einem Volumen von 27 Billionen US-Dollar entspricht.

„Indien gehört für uns schon länger zu den besonders interessanten Märkten“, bestätigt Martin Priebe, verantwortlich für Multinational Corporates Cash Management bei der Deutschen Bank. „Die geschätzten Wachstumsraten des indischen BIP liegen zwischen 6,5 und 7,5 Prozent und spiegeln damit genau die positiven Wachstumsimpulse wider, die man in der EU sucht.“

Hinzu komme die geopolitische Komponente. Die EU suche in der sich ändernden Weltordnung verstärkt nach neuen Partnern. Indien könne dabei eine Chance sein, die Abhängigkeit von China zu reduzieren. „Der indische Markt wird damit auch auf der Prioritätenliste vieler deutscher Unternehmen nach oben rücken“, so Priebe. Eine Expansion nach Indien dürfte jedoch einige Herausforderungen bereithalten – auch für Treasurer.

Die Regulatorik in Indien kann herausfordernd sein

„Der wohl größte Stolperstein in Indien ist die umfangreiche Regulatorik“, erklärt Priebe. Umfassende Regelwerke und Dokumentationspflichten würden in Indien auf eine komplexe steuerliche Landschaft und vor allem strikte Kapitalverkehrskontrollen treffen.

Zudem ist die indische Rupie nach wie vor keine frei konvertierbare Währung. Sie ist also außerhalb Indiens kaum verfügbar und ihr Kurs zudem sehr volatil, was klassische Strategien im Währungsmanagement erschwert. „Das Währungsmanagement wird daher oft lokal von den indischen Tochtergesellschaften übernommen“, erklärt Priebe. Zukünftig könnten sich hier jedoch neue Möglichkeiten ergeben, so der Banker. „Wir sehen erste Schritte der Liberalisierung von Seiten Indiens, die es ermöglichen, die Rupie auch auf Konten außerhalb von Indien zu halten.“

Neben dem Währungs- ist auch das Liquiditätsmanagement in Indien mit Herausforderungen versehen. Denn Maßnahmen wie grenzüberschreitendes Cash Pooling sind dort verboten. „Die Kapitalverkehrskontrollen in Indien erfordern, dass jeder Transaktion aus Indien heraus ein Geschäft zugrunde liegt“, erläutert Priebe. „Man muss bei den indischen Behörden detailliert nachweisen, dass es sich beispielsweise um Zahlungen für Dienstleistungen oder Güter handelt.“

Cash Pooling innerhalb Indiens hingegen sei laut Priebe grundsätzlich möglich, aber mit derart detaillierten Reporting-Pflichten verbunden, dass es für viele Unternehmen nicht in Frage käme. Überschussliquidität in Indien lässt sich daher nicht einfach für andere Konzerngesellschaften nutzen.

„Natürlich ist es alternativ immer möglich, überschüssige Liquidität durch Dividendenauszahlungen aus Indien nach Deutschland zu transferieren“, sagt Deutsch-Banker Priebe.

Liquiditätsplanung ist in Indien besonders wichtig

„Die strengen indischen Kapitalverkehrskontrollen machen die Liquiditätsplanung in Indien daher extrem wichtig“, betont Priebe. Und das mit Blick auf die womöglich deutlich steigenden Investitionen deutscher Unternehmen in Indien auch in die andere Richtung. „Im Moment fragen sich Unternehmen weniger, wie man überschüssige Liquidität aus Indien herausbekommt, sondern mehr, wie man sie reinbekommt“, beobachtet der Banker.

„Intercompany Loans nach Indien sind mit entsprechenden Vorkehrungen möglich“, so Priebe. „Aber auch hier gibt es ein strenges Rahmenwerk vom Regulator mit Anforderungen zu Laufzeiten und anderen Details der Finanzierung.“

Als weitere Möglichkeiten für Investitionen in Indien nennt der Banker Eigenkapital und auch Fremdkapitalfinanzierungen von indischen Banken. „Wir sehen hier bereits Transaktionen im indischen Markt und sind überzeugt, dass deutsche Unternehmen mit einer guten Unternehmensstory dort auf für indische Verhältnisse attraktive Konditionen treffen können.“ Mit Mehrkosten im Vergleich zum europäischen Bankenmarkt müssen Unternehmen dennoch rechnen. So liegt der Leitzins in Indien derzeit bei 5,25 Prozent und damit deutlich über dem Leitzins im Euro-Raum.

Liberalisierung durch Handelsabkommen möglich

Aufgrund der vielen regulatorischen Besonderheiten in Indien kann es also für deutsche Unternehmen ratsam sein, das Treasury regional zu organisieren und nicht zentral von Deutschland aus zu steuern. Expertise vor Ort ist dabei unverzichtbar, um durch die vielen Anforderungen zu navigieren. „Man darf sich jedoch keinesfalls von der indischen Regulatorik abschrecken lassen“, gibt Priebe Treasury-Teams mit auf den Weg.

„Die Dynamik macht Indien sehr interessant für europäische Unternehmen und das Handelsabkommen dürfte der Liberalisierung der Kapitalverkehrskontrollen einen deutlichen Schub geben.“ Damit könnten auch die Stolpersteine im Treasury weniger werden.

Lea Teckentrup ist Redakteurin bei DerTreasurer und FINANCE. Zuvor arbeitete sie als Wirtschaftsjuristin im Bereich Debt Capital Markets in einer internationalen Großkanzlei. Sie hat Wirtschaftsrecht im Bachelor und im Master an der Universität Osnabrück sowie an der Universität Siegen studiert.