Aufschwung im Trade-Finance-Bereich: Laut einer jährlichen Umfrage der Beratung Coalition Greenwich fragen europäische Unternehmen wieder vermehrt Handelsfinanzierungen bei Banken nach.
„Obwohl während der Pandemie Trade Finance bei den Unternehmen nicht so gefragt war, gewinnt das Thema jetzt wieder mehr an Bedeutung“, beobachtet Tobias Miarka, Head of Corporate Banking bei Coalition Greenwich – gerade, weil in der aktuellen Krisenphase eine stabil finanzierte Lieferkette enorm wichtig ist. Zum Teil wechseln Unternehmen ihre Lieferanten – speziell durch den Ukraine-Krieg. Gerade bei neueren Handelsbeziehungen sind Absicherungsinstrumente elementar.
Welche Bank liegt dabei vorne? Dazu hat das Beratungshaus in seiner Studie „Coalition Greenwich 2022 European Large Corporate Trade Finance Study“ 480 europäische Unternehmen mit einem Umsatz ab 500 Millionen Euro, davon 50 in Deutschland, befragt.
Das sind die Top-Banken im Trade Finance in der EU
Für Europa steht an der Spitze im Punkt Marktdurchdringung BNP Paribas mit 48 Prozent, gefolgt von HSBC mit 31 Prozent und Unicredit mit 29 Prozent. Das sind auch die Top 3 des vergangenen Jahres. Bei der Frage, wer Quality Leader im Trade-Finance-Bereich ist, liegen bei den Antworten dieses Jahr Crédit Agricole, Santander und Unicredit vorne. 2021 waren es Santander und BNP Paribas. Miarka sieht bei der Marktdurchdringung vor allem die Banken vorne, die mehrere Heimatmärkte haben, zum Beispiel BNP Paribas mit Frankreich, Belgien, Italien und Luxemburg. Auch Deutschland zählt laut BNP-Deutschlandchef Lutz Diederichs dazu.
Insgesamt fällt auf, dass die US-Banken im europäischen Trade-Finance-Geschäft kaum eine Rolle spielen, lediglich die Citibank wird in der Befragung unter den Top 10 genannt. „Bei Trade Finance herrscht in der Mehrheit ein Buyer’s Market“, so Miarka. Bei einem Buyer’s Market gibt es mehr Angebot als Käufer, so dass es nicht verwundert, dass im Bereich Selektionskriterien die Preissensitivität wieder auf Platz 1 steht.
Das sind die Top-Banken im Trade Finance in Deutschland
In Deutschland zeigt sich in Bezug auf das Banken-Ranking ein anderes Bild. Hier haben vor allem die deutschen Banken die Nase vorn. Bei der Marktdurchdringung geht die Krone wie auch 2021 an die Commerzbank mit 84 Prozent. Auch der zweite Platz für die Deutschen Bank mit 64 Prozent und der dritte Platz für Unicredit mit 62 Prozent bleiben unverändert. Das deckt sich auch mit den Ergebnissen des FINANCE Banken-Survey, wobei die Commerzbank im Vergleich zum vergangenen Jahr die Deutsche Bank dieses Jahr wieder überholt hat, auf Platz 3 steht neben Unicredit auch die LBBW. §Die Commerzbank hat sich in Deutschland weiterhin stabil gehalten, außerhalb von Deutschland spielt sie im Trade Finance aber keine große Rolle“, beurteilt Studienautor Miarka die Ergebnisse.
Auch HSBC habe in den vergangenen Jahren „langsam, aber stetig“ hinsichtlich der Wahrnehmung im Trade-Finance-Bereich gewonnen, Gleiches gelte für BNP Paribas. Die beiden Banken rangieren neben der LBBW auf den mittleren Plätzen. Hinten in den Top Ten liegt die Citibank.
Trade Finance: Das sind die Quality Leader
Der Spitzenreiter Commerzbank wird allerdings nicht mehr aufgelistet, wenn es um die Qualität der Bank im Trade-Finance-Bereich geht. Hier sind die Deutsche Bank und HSBC laut Greenwich vorne. 2021 waren es BNP Paribas, die Deutsche Bank und HSBC. „Besonders die Deutsche Bank wurde in diesem Jahr noch öfter genannt. Auch HSBC hat sich noch weiter verbessert“, sagt Miarka.
Dass Trade Finance wieder stärker nachgefragt wird, könnte man laut dem Beratungshaus auch an der Wechselbereitschaft der Unternehmen erkennen. Auf die Frage, ob die Unternehmen in den nächsten sechs bis zwölf Monaten im Trade Finance ihre Bank wechseln wollten bzw. eine neue aufnähmen, antworteten hierzulande 40 Prozent mit „Ja“. Damit liegt Deutschland nach Jahren einer eher zurückhaltenden Wechselbereitschaft jetzt wieder leicht über dem gesamteuropäischen Durchschnitt.
Unternehmen wollen Konnektivität mehrerer Produkte
In der Studie wurde auch danach gefragt, worauf die Unternehmen bei der Bankpartnerauswahl im Trade Finance achten. „Die kompetitive Preisgestaltung ist während Corona zurückgegangen, da kam es mehr auf die Qualität an, jetzt steht der Preis aber wieder an erster Stelle“, erklärt Miarka. Das würde vor allem an der sehr diversifizierten Angebotsstruktur der Banken liegen. Nach dem Preis ist für die Unternehmen ein „Quick Turnaround“ wichtig. Damit ist gemeint, dass die Banken agil genug sind, um schnell auf Herausforderungen wie volatile Wechselkurse reagieren zu können.
Zudem sei es für die Unternehmen noch wichtiger geworden, keine reinen Trade-Finance-Partner zu haben, sondern einen Treasury-Management-Partner. „Die Unternehmen suchen jemanden, der holistisch alle Trade-, Cash- und FX-Aktivitäten abdeckt. Die Deutsche Bank sehe ich hier zum Beispiel vorne.“ Die blaue Bank hätte eine hohe Kompetenz auf allen Seiten. Das gelte insbesondere auch für HSBC und BNP Paribas.
Im Gegensatz zum Vorjahr hat dagegen das Auswahlkriterium „Qualität der digitalen Plattform“ abgenommen. „Ich denke, das liegt daran, dass die Banken mit den Unternehmen im Trade Finance während Corona mächtig Gas gegeben haben. E-Signaturen oder digitales KYC funktionieren fast überall. Der nächste Schritt wäre, die Digitalisierung in das ganze Ökosystem einzuführen, so dass dann alle Akteure in der Kette auf dem gleichen Digitalisierungsniveau sind. Das wird aber wohl noch einige Jahre dauern und ist für die Unternehmen aktuell kein Differenzierungsmerkmal, da dies noch zu weit in der Ferne liegt.“
ESG rutscht bei Unternehmen nach hinten
Auch hat für die Unternehmen das Thema ESG im Trade Finance abgenommen. „Ich schätze das liegt daran, dass die unmittelbaren Herausforderungen wie Energiekrise, Ukraine-Krieg und Co. so gravierend sind, dass die Unternehmen erst mal hier ansetzen, anstatt ESG in die Lieferkette zu bringen – obwohl es eine Chance wäre, das ESG-Thema bei einer Neuausrichtung mit einzubinden.“
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Während grüne Finanzierungsinstrumente fast schon zur Normalität geworden sind, ist ESG im Trade-Finance-Bereich noch nicht so weit verbreitet und eine sehr komplexe Angelegenheit. 50 Prozent der befragten Unternehmen zählen ESG im Trade Finance nicht zu den wichtigen Faktoren zur Erreichung ihrer ESG-Ziele. „Im Gegenzug sehe ich hier noch Chancen für Banken, diesen Markt zu erobern und die Unternehmen besser aufzuklären“, meint Miarka. Die Umfrageteilnehmer sehen in diesem Bereich BNP Paribas, Unicredit, die Rabobank, HSBC und die ING vorne.
Bankenunabhängige Plattformen, die viel im Bereich ESG im Trade Finance aktiv sind, sind bei den Unternehmen nicht so beliebt. 75 Prozent der Befragten sehen keinen unmittelbaren Vorteil in solchen Plattformen. „Das liegt vor allem daran, dass sich noch nicht der eine dominante Player am Fintech-Markt herauskristallisiert hat. Unternehmen wollen erst mal weiter beobachten.“
Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Restrukturierung, Transformation, Zahlungsverkehr und Cash Management.


