Aufatmen nach Waffenruhe: Deutsche Exporteure rüsten sich für anhaltende Volatilität

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Kurz vor Ablauf von Präsident Trumps Ultimatum für den Iran haben sich die USA und Teheran auf eine zweiwöchige Waffenruhe geeinigt. Die Straße von Hormus, Nadelöhr für rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gashandels, soll laut Iran mit bestimmten Einschränkungen wieder für den Schiffsverkehr geöffnet werden. Die Märkte reagierten prompt: Der Ölpreis gab nach, und der US-Dollar verlor gegenüber den wichtigsten Währungen rund 1 Prozent an Wert. Ein fragiles Signal der Deeskalation – doch für Treasurer, die Lieferketten, Zahlungsströme und Kreditrisiken im Blick behalten müssen, ist es keine Entwarnung, sondern allenfalls eine Atempause.

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Wie volatil die Lage ist, zeigt sich bereits am Folgetag, dem 9. April. Die Ölpreise haben wieder etwas zugelegt auf um die 97 US-Dollar, sowohl Brent als auch WTI. Grund sind Zweifel an der Haltbarkeit der Waffenruhe und die offene Frage, wann die Straße von Hormus wirklich wieder passierbar sein wird. 

Das unterstreicht auch Matthew Ryan, Head of Market Strategy beim Devisenspezialisten Ebury: Marktteilnehmer würden sich erst dann voll auf risikofreudige Handelsstrategien einlassen, wenn eine dauerhafte Einigung erzielt sei. Ryan geht davon aus, dass sich die Marktteilnehmer erst dann voll und ganz auf risikofreudige Handelsstrategien einlassen und dass auch die Öl-Futures sowie der Dollar erst dann wieder auf das Vorkriegsniveau zurückkehren werden, wenn eine dauerhafte Einigung erzielt wurde.

Zudem bleiben die Versicherungsprämien für den Schiffsverkehr durch die Meerenge weiterhin hoch, das Angriffsrisiko erhöht. Ryan erwartet, dass die Volatilität in den kommenden Tagen hoch bleibt – und Ölpreise und Dollar rasch wieder drehen könnten, sollten die Verhandlungen ins Stocken geraten.

Grundstimmung: optimistisch, aber unter Vorbehalt

Das zeigt auch die aktuelle „Allianz Trade Global Survey 2026“, für die der Kreditversicherer in zwei Wellen im Februar und März 2026 rund 6.000 Unternehmen in 13 Märkten befragt hat. Das Ergebnis klingt zunächst beruhigend: 83 Prozent der deutschen Exporteure rechnen trotz der Eskalation im Nahen Osten mit steigenden Exportumsätzen und liegen damit noch über dem weltweiten Durchschnitt von 75 Prozent. Die meisten erwarten ein moderates Wachstum von 2 bis 5 Prozent.

Doch dieser Optimismus hat eine kurze Halbwertszeit. Allianz-Trade-Chefvolkswirt Björn Griesbach spricht von einer „fragilen“ Stimmung, die schnell kippen könnte, sollte sich der Konflikt in die Länge ziehen.

Was Unternehmen konkret tun

Am weitesten verbreitete Reaktion auf die Lieferkettenschocks setzen 60 Prozent der befragten Unternehmen der Allianz-Trade-Studie zufolge auf den Aufbau von Lagerbeständen, mehr als die Hälfte erschließt neue Lieferanten. Darüber hinaus expandieren 52 Prozent in neue Märkte, 50 Prozent leiten Waren über Drittländer um.

Strategisch richtet sich der Blick zunehmend auf das sogenannte „Friendshoring“ – also den Ausbau von Marktanteilen in geopolitisch verlässlichen Ländern – sowie auf die Entwicklung neuer Produkte und die Stärkung lokaler Partnerschaften. 40 Prozent der deutschen Exportunternehmen überdenken zudem Pläne für Produktionsstätten im Ausland. Dabei fällt auf: Im weltweiten Vergleich agieren deutsche Unternehmen bei Diversifizierung und Umleitung über Drittländer deutlich zurückhaltender als der Schnitt.

Zahlungsmoral und Ausfallrisiken

Für Treasurer besonders relevant: Die geopolitischen Turbulenzen schlagen zunehmend auf das Zahlungsverhalten durch. Rund 47 Prozent der deutschen Exportunternehmen rechnen mit einer schlechteren Zahlungsmoral ihrer Abnehmer – ein Wert, der über dem weltweiten Schnitt von 43 Prozent liegt. 40 Prozent erwarten steigende Zahlungsausfälle, was dem globalen Mittelwert entspricht.

Hinzu kommt, dass geopolitische Unsicherheiten laut der Umfrage mit 67 Prozent erneut das größte Einzelrisiko für deutsche Exporteure darstellen, knapp vor Lieferketten- sowie Transport- und Finanzierungsrisiken.

Autorenbild Sarah Backhaus

Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Restrukturierung, Transformation, Zahlungsverkehr und Cash Management.