Kommentar: Der Brexit als Non-Event – vorerst

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Dreieinhalb Jahre nach dem Brexit-Votum ist es am heutigen Freitag nun so weit: Um 23 Uhr Ortszeit wird das Vereinigte Königreich die Europäische Union verlassen. Noch vor Jahresfrist hätte dieser Stichtag vielen Bankern und Treasury-Chefs Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Die Sorge, dass im Falle eines ungeordneten Brexits gewisse Firmenkunden von Bankdienstleistungen abgeschnitten werden könnten, war zwischenzeitlich groß. Noch größer war die Furcht vor Verwerfungen an den Kapitalmärkten oder vor Versorgungsengpässen durch Zollkontrollen an den Grenzen.

Banken verlagern Geschäfte auf den Kontinent

Wer sich dagegen jetzt unter Finanzverantwortlichen umhört, der trifft vor allem auf Gelassenheit. Das hat einen Grund: Die Briten treten am Freitag zwar formal aus der EU aus, bis Ende 2020 gilt jedoch eine Übergangsfrist, während der faktisch alles beim Alten bleibt. Diese Übergangsfrist hätte nicht gegriffen, wäre Großbritannien am Freitag ohne Abkommen aus der EU ausgeschieden.

Hinzu kommt, dass viele Banken angesichts des lange Zeit drohenden No-Deal-Brexits Vorkehrungen getroffen und Geschäfte aus London auf den Kontinent verlagert haben. Allein in Frankfurt werden bis Ende 2021 3.500 neue Banker ihre Arbeit aufnehmen, so eine aktuelle Helaba-Studie. 

Ringen um ein Freihandelsabkommen beginnt

Doch der harte Brexit könnte – mal wieder – nur verschoben sein. Denn es bleibt unklar, wie die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien künftig aussehen sollen. Nahezu alle Experten bezweifeln, dass es angesichts der engen Verflechtungen gelingen wird, bis Ende dieses Jahres ein umfassendes Freihandelsabkommen für Waren und Dienstleistungen auszuhandeln. Entsprechend fordern zahlreiche deutsche Industrie- und Bankenverbände eine Verlängerung dieser Frist. Das hatte der britische Premier Boris Johnson im Wahlkampf jedoch ausgeschlossen. Es bleibt also spannend; die Gelassenheit der Finanzverantwortlichen könnte schnell verschwinden.