Wegen den geringen Schwankungen an den FX-Märkten kam es zu nachlassenden Hedging-Aktivitäten. Warum sich das jetzt rächt.

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14.05.20
Risiko Management

FX-Management: Die Lehren aus der Coronakrise

Im Vorfeld der Coronakrise haben sich viele Unternehmen mit FX-Hedging zurückgehalten. Das rächt sich nun und zeigt: Ohne ein strategisches Währungsmanagement geht es nicht.

Für die Währungsmanager der Unternehmen begann das Jahr 2020 unspektakulär. Die Volatilitäten an den Devisenmärkten erreichten neue Allzeit-Tiefstände, eine Rezession schien unwahrscheinlich und im Handelskonflikt zwischen den USA und China gab es erste Annäherungsschritte. Auch von Seiten der Zentralbanken wurden keine außerordentlichen Impulse erwartet.

Die geringen Schwankungen an den FX-Märkten führten in vielen Unternehmen zu nachlassenden Hedging-Aktivitäten. So waren etwa Exporteure mit kontinuierlichen Einnahmen in US-Dollar nicht einmal mehr bereit, die rückläufigen Terminaufschläge zu bezahlen. Das Risiko steigender Kurse schien aufgrund der niedrigen Volatilitäten gut kalkulierbar, auch viele Finanzanalysten erwarteten, dass der US-Dollar auf absehbare Zeit gefragter bleiben würde als der Euro.

Auf der anderen Seite waren auch Importeure, die regelmäßig den US-Dollar kaufen, zurückhaltend. Viele hofften zu Beginn des Jahres auf ein höheres Kursniveau. Dazu kam die Tatsache, dass die Terminaufschläge aufgrund der zusammengeschmolzenen Zinsdifferenz zwischen den beiden Wirtschaftsräumen gering waren. Für die US-Dollar-Käufer bedeutete dies im Vergleich zum Vorjahr weniger attraktive Terminkurse. Unternehmen, die keine konsequente Hedging-Strategie verfolgten, stellten Kurssicherungsaktivitäten zurück. 

Währungsmanagement in Krisen nicht im Fokus

Für viele Unternehmen wird das nun zum Problem, denn mit dem Überschwappen der Corona-Pandemie auf die Finanzmärkte wendete sich das Blatt innerhalb weniger Tage radikal: Es kam zu Panikverkäufen in nahezu allen Assetklassen und Volatilitäten wie zu Zeiten der Finanzmarktkrise. Die Notenbanken ergriffen Maßnahmen, wie es sie in der Historie noch nie gab.

Liquidität war von einem auf den anderen Moment deutlich wichtiger als Rentabilität. US-Dollar-Investoren machten Kasse und wollten keine weiteren Kursverluste riskieren. Der Zinsvorteil des Greenbacks war mit den drastischen Maßnahmen der Fed nach wenigen Tagen passé. So verlor der Dollar trotz seiner Funktion als sicherer Hafen kurzzeitig bis zu 7 Prozent gegenüber dem Euro.

Zwar ergeben sich in volatilen Märkten immer wieder Chancen für attraktive Kurssicherungsgeschäfte. Allerdings rückt das Währungsmanagement in extremen Paniksituationen im Treasury oft in den Hintergrund. Das ist ein Fehler, denn in vielen Branchen führt die Coronakrise zu knapper Liquidität. Umso wichtiger ist es, dass die verbleibenden FX-Cashflows im Rahmen der Kalkulationskurse liegen und unerwartete Kursbewegungen nicht zusätzlich das Ergebnis belasten. 

Hedging-Strategie vereinfacht FX-Management

Deshalb braucht es im Rahmen des Währungsmanagements zu jeder Zeit eine kontinuierliche und schriftlich fixierte Hedging-Strategie. Eine solche Policy erleichtert den Treasury-Abteilungen den Umgang mit Kursänderungsrisiken und bewahrt das Unternehmen vor unkalkulierbaren Risiken. Ohne Hedging-Policy fallen Entscheidungen deutlich schwerer und können gerade in volatilen Märkten zu lange dauern.

In der Praxis kann festgestellt werden, dass das Existieren einer Hedging-Policy mit der Unternehmensgröße korreliert. So geht ein kleineres Währungs-Exposure oft mit weniger standardisierten Hedging-Prozessen einher. Dennoch können sich in schwankungsintensiven Märkten bereits kleinere Währungsströme negativ auf das Ergebnis auswirken.

Schritt 1: Bodensatzsicherung für das FX-Exposure

Im ersten Schritt sollten Treasurer deshalb eine kontinuierliche Bodensatzsicherung über klassische Devisentermingeschäfte herbeiführen. Diese Kurssicherungen sollten rollierend zu einem wiederkehrenden Zeitpunkt erfolgen und die Hedging-Quote sollte zwischen 30 und 50 Prozent der offenen Währungsposition liegen. Das aktuelle Marktumfeld sowie die persönliche Kursmeinung des Treasurers dürfen für diesen Anteil des Exposures nur eine untergeordnete Rolle spielen. Weder Treasurer noch Volkswirte besitzen die oft zitierte „Glaskugel“, die den künftigen Kursverlauf widerspiegelt.

Mit Blick auf die Instrumente ist es im Rahmen der Basissicherung sinnvoll, auch über den Einsatz von klassischen FX-Optionen (Plain-Vanilla) nachzudenken. In einem Marktumfeld mit niedrigen Volatilitäten, wie noch zu Beginn des Jahres 2020, stellen Devisenoptionen eine kostengünstige Alternative zum Devisentermingeschäft dar.

Ein Worst-Case-Szenario, welches gegenwärtig durch die Coronakrise eingetreten ist, wird mittels Optionsgeschäften abgesichert. Denn in diesem Fall ist – gegen Zahlung einer Prämie – eine Partizipation an vorteilhafteren Wechselkursen nach wie vor möglich. Des Weiteren entstehen bei dieser Sicherungsform keine negativen Marktwerte, was insbesondere bei einem ausbleibenden Grundgeschäft von Vorteil ist. Auch bei Optionsgeschäften sollten wesentliche Rahmendaten zum Umgang mit FX-Optionen in der Hedging-Strategie dokumentiert sein. 

Schritt 2: Treasury sollte Optimierungsstrategien erwägen

Im zweiten Schritt sollte das Treasury den noch ungesicherten Anteil des geplanten FX-Cashflows absichern. Dies kann beispielsweise durch einfache Kursoptimierungsstrategien erfolgen. Wir erleben bei der LBBW, dass viele unserer Unternehmenskunden in der Praxis neben den klassischen Sicherungsinstrumenten häufig auf einen strukturierten Kurssicherungsanteil von ca. 30 bis 50 Prozent zurückgreifen. Bei gut planbaren FX-Cashflows fällt die Quote vereinzelt auch höher aus.

Im Gegensatz zu den gekauften Plain-Vanilla-Optionen profitiert der Treasurer beim Pricing der Kursoptimierungsstrategien maßgeblich von hohen impliziten Volatilitäten an den Märkten. Je höher die Wechselkursschwankung, desto attraktivere Sicherungskurse ergeben sich für die Unternehmenskunden.

Allerdings benötigen die Unternehmen für solche Optimierungsstrategien ein gewisses Mindestmaß an planbarem FX-Exposure. Zudem müssen die Finanzverantwortlichen umfängliches Produkt-Know-how mitbringen. Denn die Strategien erfordern bestimmte Vereinbarungen etwa mit Blick auf eine höhere Volumenzuteilung oder eine vorzeitige Beendigung der Kurssicherung.

Devisenorders schützen vor negativen Kursentwicklungen

Treasurer, die aufgrund der niedrigen Volatilität zu Beginn des Jahres Kurssicherungen versäumt haben, sollten nun auf Devisenorders zurückgreifen. Größere Tagesschwankungen sind derzeit an den Devisenmärkten keine Seltenheit. Da diese Orders ‚rund um den Globus‘ beobachtet werden, wird gewährleistet, dass sie unabhängig von der Tageszeit bei Erreichen des vorgegebenen Kassakurses automatisch zur Ausführung kommen.

Jede ausgeführte Kassa-Order kann unter Einbezug der Swap-Stellen in ein Forward-Geschäft umgewandelt werden. Um sich gegen nachteilige Kursbewegungen abzusichern, greifen Profis auf sogenannte Stop-Loss-Orders zurück. Auf der anderen Seite ermöglichen Take-Profit-Orders eine automatische Ausführung bei einer für das Unternehmen vorteilhaften Kursbewegung. Beide Ordertypen lassen sich auch miteinander kombinieren.

„Treasurer, die aufgrund der niedrigen Volatilität zu Beginn des Jahres Kurssicherungen versäumt haben, sollten nun auf Devisenorders zurückgreifen.“

Dominik Marschollek, Director Financial Institutions and Corporates, LBBW

Unsichere Cashflows erschweren FX-Hedging

Sobald sich die Schwankungen an den Märkten wieder ein wenig beruhigen, können Treasurer zudem verstärkt auf Plain-Vanilla-Optionen zurückgreifen. Diese Instrumente haben den Vorteil, dass sich im Falle eines ausbleibenden Grundgeschäfts – also etwa, wenn aufgrund der Coronakrise geplante Zahlungsströme wegfallen – für das Unternehmen keine Verpflichtungen aus Hedging-Geschäften ergeben: Je nach Kursentwicklung verfällt die Option wertlos oder kann zu einem positiven Marktwert veräußert werden. 

Sollten sich Veränderungen im Grundgeschäft ergeben, können bestehende Kurssicherungen vorzeitig geschlossen werden. Bei einem für das Unternehmen positiven Marktwert des Sicherungsgeschäfts erfolgt eine Auflösungszahlung der Bank, die insbesondere in der jetzigen Situation als Liquiditätsspritze dienen könnte. Die Höhe der Zahlung hängt vom Terminkurs bei Auflösung, der Restlaufzeit und dem gehandelten Volumen ab.

Eine weitere Möglichkeit zur Steuerung der Liquidität ist der Einsatz von Devisenswaps. Fälligkeiten aus Devisentermingeschäften oder strukturierten Sicherungsinstrumenten können auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden und schonen in der aktuellen Phase die Liquidität.

redaktion[at]derTreasurer.de

Dominik Marschollek ist Director im Bereich Financial Institutions and Corporates bei der LBBW. Dort betreut er Unternehmenskunden im Zins-, Währungs- und Rohstoffmanagement in Bayern und Österreich.