Der Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard schlägt hohe Wellen. Was bedeutet er für Treasurer?

Sven Simon, Frank Hoermann/dpa/Picture Alliance

16.07.20
Risiko Management

Wirecard – die Lehren für Unternehmen

Die Insolvenz von Wirecard schlägt hohe Wellen. Was können Treasury-Abteilungen aus der Pleite des Zahlungsdienstleisters aus München lernen? Eine Analyse.

Noch ist ungeklärt, was tatsächlich bei Wirecard passiert ist, und wie 1,9 Milliarden Euro verschwinden konnten. Und es wird wahrscheinlich noch einige Zeit dauern, bis alle Einzelheiten ans Licht dazu kommen.

In diesem für den Finanzplatz Deutschland spektakulären Fall wurden interne Prozesse nicht befolgt, definiert und umgesetzt, vermutlich gepaart mit krimineller Energie. Gleichzeitig haben offenbar Behörden wie die Bafin ihre Aufsichtspflichten nur unzulänglich wahrgenommen. Deshalb ist ein Schaden dieses Ausmaßes möglich.

Die Rolle der Treuhandkonten

Bei Zahlungsdienstleistern wie Wirecard müssen Fremdgelder auf sogenannten Treuhandkonten hinterlegt werden. Das hat den Zweck, dass die Gelder unabhängig von der finanziellen Lage der abwickelnden Gesellschaft sicher sind. In der Praxis bedeutet dies, dass die Konten zwar den Zahlungsdienstleistern gehören, die Gelder aber nicht. Die Regeln hierfür werden in Deutschland von der Bafin erstellt, die Firmen wie Wirecard Lizenzen erteilt und über die Einhaltung der Regeln wacht.

Die Vorgänge um Wirecard haben jetzt schon eine verheerende Wirkung für das Vertrauen in den deutschen Kapitalmarkt. Dessen Ruf hat international stark gelitten. Nicht nur Banken und ähnliche Institute sollten ihre Modelle der Verwaltung von Bankkonten und Geldern überprüfen. Auch die Industrie und der Mittelstand sollten das tun.

Kriminelle Machenschaften können nie gänzlich verhindert werden. Unumgänglich aber sollte die konsequente Einführung einer Organisation mit robusten Prozessen sein, die es potentiellen Betrügern so schwer wie möglich macht, ihr Unwesen zu Lasten eines Unternehmens zu treiben.

„Die Vorgänge um Wirecard haben eine verheerende Wirkung für das Vertrauen in den deutschen Kapitalmarkt.“

Professionelle Treasury-Funktion ist notwendig

Seit Jahren wird international eine professionelle Treasury-Funktion für Konzerne, aber auch für mittelständische Unternehmen als immer notwendiger angesehen. Diese Erkenntnis gilt nicht nur für Banken und Zahlungsdienstleister, sondern auch für Industrieunternehmen. Was bedeutet das genau? Kern einer solchen professionellen Funktion ist die Zentralisierung aller Tätigkeiten, die mit der Verwaltung des Vermögens eines Unternehmens zusammenhängen.

„Die Auswahl der Banken muss, insbesondere im Ausland, durch das zentrale Treasury erfolgen.“

Das fängt mit der Auswahl der Banken an. Diese muss, insbesondere im Ausland, durch das zentrale Treasury erfolgen. Lokale Tochtergesellschaften können Empfehlungen abgeben, aber die Entscheidung muss zentral getroffen werden. Oft werden Banken anhand von sogenannten weichen Kriterien ausgesucht. Dabei sind es die harten Kriterien, die zu einer höheren Sicherheit führen.

Die Bankkontenstruktur bei vielen Unternehmen basiert zu oft noch auf veralteten Prozessen, bei denen Zahlungsinstruktionen noch physisch zur Bank gebracht worden sind. Dass der Zahlungsverkehr heute fast ausschließlich elektronisch durchgeführt wird, hat vielfach nicht zu einer sinnvollen Anpassung der Bankenlandschaft der Unternehmen geführt.

 

 

Werden externe Bankkonten überhaupt benötigt?

In einigen Ländern muss sich der Treasurer fragen, ob externe Bankkonten für jede Gesellschaft überhaupt nötig sind und, falls ja, ob diese für das tägliche Geschäft eingesetzt werden müssen. Oft reicht es auch, wenn die Konzernzentrale als Inhouse-Bank funktioniert und den Zahlungsverkehr für den Konzern durchführt (COBO: „Collection on behalf of“ und POBO: „Payments on behalf of“).

Es gibt viele Länder, in denen COBO- und POBO-Strukturen praktisch nicht eingeführt werden können, zum Beispiel wegen lokaler Regulierungen in den meisten asiatischen Ländern. Aber selbst hier kann und sollte die Durchführung des Zahlungsverkehrs zentral geregelt werden. Das zentrale Treasury – und nicht die lokalen Produktions- und Betriebsstätten – sollte die Verwaltung aller Bankkonten eines Unternehmens führen.

Zentrale Verwaltung der Bankkonten

Was bedeutet Verwaltung aller Bankkonten? Hier sind zwei Aspekte zu berücksichtigen: Zuerst geht es um die Kontoinformation, die die Bank dem Kunden zur Verfügung stellt. Die Unternehmenszentrale muss dafür sorgen, dass die Kontostände täglich von allen Banken auf elektronischer Basis übermittelt werden.

Es gibt heute einige Softwareunternehmen, die die erforderliche Konnektivität mit den Banken herstellen, damit dieser Prozess reibungslos ablaufen kann. Das Reporting von Kontosalden durch Mitarbeiter vor Ort wird damit überflüssig. Das Treasury Management System sollte in der Lage sein, täglich eine detaillierte Aufstellung über sämtliche Beträge in der Gruppe zu generieren.

Zahlungsfreigaben zentralisieren

Zweitens geht es darum, die Zahlungsfreigabe für ausgehende Zahlungen ebenfalls zu zentralisieren, und zwar für alle Zahlungen. In den meisten Fällen gibt es hierfür IT-Systeme, die eine zentrale Freigabe aller Zahlungen auf Basis der Zahlungsvorschlagslisten der Tochtergesellschaften ermöglichen.

„Es gibt immer noch Länder, in denen lokale Finanzmanager Schecks oder sonstige Überweisungsaufträge ausstellen.“

Es gibt aber auch noch Länder, in denen lokale Finanzmanager Schecks oder sonstige Überweisungsaufträge ausstellen, die nicht im ERP-System zentral erfasst werden. Hier sollte sichergestellt werden, dass sämtliche ausgehenden Zahlungen in einer entsprechenden Datei erfasst werden. Dieser Prozess sollte lokal erfolgen und die Datei anschließend an das zentrale Treasury übermittelt werden. Hier wird die Datei auf Plausibilität geprüft, und es wird festgestellt, ob die Ausführung der Zahlung im Rahmen der vorhandenen und geplanten Liquidität erfolgt.

Die Freigabe an die Bank erfolgt wiederum durch das zentrale Treasury auf dem gleichen Weg wie die Übermittlung der täglichen Kontostände.

Risiken für Betrugsfälle minimieren

Es wird wahrscheinlich noch einige Zeit vergehen, bis wir genau wissen, was bei Wirecard schiefgelaufen ist. Aber die Vorgänge dort sollten ein Weckruf für alle Unternehmen sein: Sie müssen prüfen, ob die eigene Organisation und die damit zusammenhängenden Prozesse ausreichend sind, um die Risiken von Betrugsfällen zu minimieren. Nach unserer Überzeugung sind professionelle Treasury-Funktionen und eine zentrale Verwaltung der Bankkonten in den heutigen international agierenden Unternehmen der sicherste Weg, um Veruntreuung entgegenzuwirken. Darüber hinaus sind diese Wege am besten geeignet, um die aktuell für viele Unternehmen knapper werdenden liquiden Mittel effizient zu nutzen.

redaktion[at]derTreasurer.de

Die Autoren:

Paul Stheeman ist Gründer der STS – Stheeman Treasury Solutions GmbH und ein erfahrener Interim-Treasurer, der Unternehmen bei der Aufstellung einer Treasury-Funktion unterstützt.

Maik Rothe ist langjähriger Interim-CFO mit den Schwerpunkten Liquiditätssicherung und Restrukturierung. Er ist Co-Gründer der Sozietät für Beratung und Interim Management Via Momentum.