Versandhändler Otto gründet eigenen Zahlungsdienstleister

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02.09.20
Cash Management & Zahlungsverkehr

Otto gründet eigenen Zahlungsabwickler

Der Onlinehändler Otto will den Zahlungsverkehr über seinen Marktplatz künftig komplett in Eigenregie abwickeln. Dafür soll eine eigene Tochtereinheit mit Bafin-Lizenz entstehen. Es ist ein Projekt, das Schule machen könnte.

Der Versandhändler Otto Group will einen eigenen Payment-Dienstleister aufbauen. Dafür wollen die Hamburger eine neue Tochtergesellschaft gründen, die künftig sämtliche Zahlungsfunktionen auf dem unternehmenseigenen Marktplatz abwickeln soll. „Der Aufbau eines eigenen Payment-Dienstleisters ist für uns der nächste große und logische Schritt auf dem Weg unserer Transformation von einem Onlinehändler zu einem Plattformbetreiber“, sagte Marc Opelt, Vorsitzender des Bereichsvorstands bei Otto, dem „Handelsblatt“.

Das Projekt ist für Otto von enormer strategischer Bedeutung: Das Unternehmen ist schon länger kein reiner Versandhändler mehr, sondern hat sich vor einiger Zeit für Drittanbieter geöffnet, die ihre Waren auf der Plattform der Anbieter anbieten. Damit eifern die Hamburger dem Vorbild des US-Giganten Amazon nach.

Die Abwicklung der Zahlungen auf der Plattform übernehmen momentan aber noch verschiedene externe Dienstleister. Das soll sich mit der Gründung einer eigenen Payment-Tochter ändern, die Zahlungsabwicklung soll künftig komplett internalisiert und zentralisiert werden. „Unser Ziel ist es, die Funktionen und die Zahlungsflüsse für unsere Endkunden und für die Handelspartner möglichst einfach und reibungslos zu gestalten“, erklärt Otto-Manager Opelt. 

150 Mitarbeiter in der Payment-Einheit von Otto

Laut „Handelsblatt“ arbeiten bei Otto derzeit über 100 Mitarbeiter an dem Projekt. „Insgesamt planen wir mit bis zu 150 Mitarbeitern bei unserer eigenen Payment-Gesellschaft“, sagt Bereichsvorstand Opelt. Dafür suchen die Hamburger noch 20 bis 40 Spezialisten für den neuen Bereich.

Im Sommer 2021 soll der Zahlungsdienstleister dann offiziell als eigene Gesellschaft ausgegliedert werden. Dafür benötigt Otto allerdings noch die Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Otto rechnet daher erst für das Frühjahr 2022 damit, dass das Unternehmen die gesamte Zahlungsabwicklung als Service anbieten kann.

Die Logik hinter diesem langwierigen Projekt ist einfach: Die Zahlungsabwicklung birgt nicht nur Potential bei der Kundenbindung, sondern macht Unternehmen auch unabhängiger von Zahlungsdienstleistern wie der spektakulär pleitegegangenen Wirecard oder dem neuen Platzhirsch Adyen. Zudem können Unternehmen zusätzliche Erlöse generieren, da sie Gebühren für die Zahlungsabwicklung einstreichen können.

Erst im Frühjahr 2022 kann Otto Zahlungen komplett in Eigenregie abwickeln.

Otto optimiert seinen Zahlungsverkehr

Der Versandhändler Otto zeigt sich damit einmal mehr als experimentierfreudig in Sachen Neuerungen im Zahlungsverkehr. Als erstes Unternehmen in Deutschland haben die Hamburger im vergangenen Jahr die Vorzüge von Instant Payments genutzt. So hat die Finanzabteilung dafür gesorgt, dass Echtzeitzahlungen nicht nur empfangen, sondern auch sekundenschnell verarbeitet werden können. Unter anderem für diese Innovation erhielt das Treasury von dieser Publikation den Award Treasury des Jahres 2019.

Bei dem nun angestoßenen Projekt geht es explizit um die Abwicklung von Zahlungen. Einen eigenen Zahlungsdienst wollen die Hamburger aber zunächst nicht entwickeln, wie Vorstand Opelt dem Handelsblatt erklärt. Einen solchen betreiben beispielsweise die chinesischen Plattformanbieter Alibaba oder Tencent. Otto war mit der Gründung eines eigenen Bezahldienstes für den stationären Handel allerdings schon einmal gescheitert: Das 2012 gegründete Yapital wurde drei Jahre später mangels Reichweite eingestellt.

Die Hamburger sind nicht das einzige Unternehmen, das in Sachen Zahlungsverkehr aufrüstet. So hat etwa der Volkswagen-Konzern vor drei Jahren eine neue Sparte für Payment-Dienste gegründet. Wettbewerber Daimler betreibt bereits ein Bezahlangebot mit dem Namen Mercedes Pay. Über die Wallet-Lösung können Fahrer kostenpflichtige Dienste wie etwa Navigation oder digitales Radio bezahlen, weitere Angebote sollen folgen. Auch die Deutsche Lufthansa hat ihr Bonus-Programm Miles & More um Bank-Funktionalitäten erweitert.

Eich[at]derTreasurer.de

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