ESG: BMW geht bei Kreditverhandlung eigenen Weg

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Die BMW Group hat am gestrigen Dienstag ihre syndizierte Kreditlinie erneuert. Die Summe liegt bei 8 Milliarden Euro und damit in gleicher Höhe wie bei der vorherigen Linie. Insgesamt waren 43 Banken an der Transaktion beteiligt – zwei neue Bankpartner sind dabei, drei sind aus dem Kreis ausgeschieden. Die Laufzeitstruktur liegt klassisch bei fünf Jahren mit zweimaliger Option um eine einjährige Verlängerung („5+1+1“).

Bei der milliardenschweren Vereinbarung handelt es sich um eine Back-up-Kreditlinie des Konzerns, die in der Regel nicht gezogen wird. „Wir halten diesen Kredit ausschließlich zur kurzfristigen Liquiditätsabsicherung vor ‒ und zur Definition der Kernbankengruppe, mit denen wir in den nächsten sieben Jahren zusammenarbeiten“, erklärt Fredrik Altmann, Leiter Corporate Finance von BMW.

BMW führt ESG-Bestandsaufnahme ein

Auf ein nachhaltiges Label wie einen ESG-Link verzichtet der Konzern auch diesmal. Fredrik Altmann und seine Kollegen haben sich explizit gegen die Verwendung von Sustainable-Finance-Produkten positioniert. „Wir stehen dem ,Green Labeling‘ weiterhin kritisch gegenüber“, betont der Finanzexperte und geht noch einen Schritt weiter: „Ich gehe davon aus, dass sich das Thema Labels in ein, zwei Jahren erübrigt.“

Grund für die Haltung: Altmann und sein Team argumentieren, dass Nachhaltigkeit nur holistisch betrachtet werden kann. Entweder hat das gesamte Unternehmen einen überzeugenden Nachhaltigkeitsansatz oder nicht. Grüne Projektfinanzierungen wie Green Bonds oder Green Loans kommen für BMW zudem nicht in Frage, da die nachhaltige Transformation aus Eigenmitteln und nicht fremdfinanziert wird.

Dennoch will der Konzern sich auch in der Finanzabteilung und in den Bankgesprächen noch intensiver mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen und hat dazu im Rahmen der Kreditsyndizierung eine ESG-Bestandsaufnahme eingeführt.

BMW befragt Banken zur ESG-Strategie des Autokonzerns

Der nun erstmals durchgeführte Prozess besteht aus drei Teilen. Im ersten Schritt stellt das BMW-Team den Banken Material zur eigenen Nachhaltigkeitsstrategie und -performance zusammen. „Wir sammeln alles, was wir zu diesem Thema veröffentlicht haben, in Form eines Glossars, um Transparenz zu erzeugen“, so Altmann. Rund zehn Seiten umfasst das Papier, das Links zu weiteren Quellen enthält. Es soll die Banken nach Altmanns Wunsch zu einer eigenen Analyse der Nachhaltigkeitsaktivitäten bei BMW befähigen.

Im zweiten Schritt sendet das BMW-Team einen umfangreichen Fragebogen an die beteiligten Banken, um die Einschätzungen der Geldgeber zur Nachhaltigkeitsstrategie von BMW zu erhalten. „Wir wollen mit diesem sogenannten Reverse Questionnaire herausfinden, wo wir uns noch verbessern können und erbitten direktes Feedback zu unserem Ansatz von den beteiligten Banken“, so Altmann.

Reverse Questionnaire nennt er den 23-seitigen Fragebogen, da bereits einige Banken selbst ESG-Fragebögen an Unternehmen schicken. Bei diesen sei die Bandbreite sehr groß: Von einigen rudimentären Fragen bis hin zu sehr detaillierten Anfragen sei alles dabei. Altmann hofft, dass es hier künftig eine größere Einheitlichkeit geben wird. „Falls unser Ansatz einen Denkanstoß zur Standardisierung gibt, würde mich das sehr freuen“, sagt er.

Info

Welche Fragen an die Banken stellt BMW in dem Reverse Questionnaire?

Wie nehmen die Banken den Nachhaltigkeitsansatz von BMW wahr?
Wie wird das Reporting, wie wird der integrierte Bericht bewertet?
Welche Informationen fehlen noch?
Welche ESG-Ratings sind wichtig?
Werden ESG-Ratings als Red Flags genutzt oder als Scores?
Wie nehmen Banken die Themen Diversity / Produktsicherheit bei BMW wahr?
Wie relevant ist die BMW Group Governance Struktur für die interne Bewertung?

In einem dritten Schritt gibt es eine Videokonferenz mit allen Bankvertretern, bei dem ESG und Nachhaltigkeit im Fokus stehen. „Hier wollen wir die Möglichkeit geben, letzte offene Fragen zu klären, bei größtmöglicher Transparenz für alle Bankpartner“, so Altmann.

Was der Corporate-Finance-Chef nicht möchte: 40 Einzelgespräche zu ESG-Themen führen. „Eine Standardisierung in diesem Bereich würde zu einem deutlich geringeren Aufwand bei erhöhter Konsistenz führen“, erklärt er.

ESG wird größere Rolle bei Kreditvergabe spielen

Auch mit dem nun gewählten Ansatz entsteht Mehraufwand für die Banken und für den Konzern. „Nachhaltigkeit wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der Kreditvergabe künftig eine größere Rolle spielen“, so Altmann. Noch sei allerdings kein einheitliches Muster zu erkennen. Deswegen spiele das Thema bislang auch beim Pricing keine Rolle. Der Ansatz soll die Transparenz erhöhen – eine Koppelung an die Marge ist explizit auch künftig nicht vorgesehen.

Altmann hofft, dass das Modell Schule macht und sich der Markt von den ESG-linked Produkten hin zu umfassenderen Analysen entwickelt. „In den USA verlaufen die Investorengespräche anders, eher ganzheitlich und weniger ESG-Produktorientiert“, so der Finanzexperte.

Schwierigkeiten bei der Suche nach Investoren am Kapitalmarkt kann Altmann trotz des No-Label-Ansatzes nicht feststellen. „Tendenziell schauen kleinere Investoren mehr auf Labels als größere mit einer eigenen Analyseabteilung. Einen Preisnachteil konnten wir für uns bislang nicht feststellen“, sagt er und verweist auf die jüngste BMW-Euro-Bondtransaktion über 2 Milliarden Euro. Auch nachhaltige Investoren hätten die Papiere nachgefragt.

Koegler[at]derTreasurer.de