Wenn Angst das Treasury lähmt

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In meiner Zeit als Treasury-Chef von Bayer habe ich insgesamt fünf CFOs erlebt, die die Arbeit des Treasury sehr unterschiedlich stark wahrgenommen haben; das ging von eigenen Ideen und Vorschlägen des CFO bis zur Betrachtung als Abwicklungseinheit – und nicht als Abteilung, die echtes Management betreibt.

Warum erzähle ich das? Wenn eine Entscheidung von vielen Schultern getragen wird, ist das ein extremer Vorteil. Das gilt vor allem beim Hedging, denn in keinem Gebiet des Treasury ist Erfolg oder Misserfolg so gut messbar wie in der Devisenabsicherung. Bis auf zwei Nachkommastellen lässt sich ausrechnen, wie das Treasury mit seiner Absicherungsstrategie und der Einschätzung von Märkten performt hat. Bei Bayer mussten wir ein milliardenschweres Währungsrisiko absichern. Da ist es gut, wenn man sich sicher sein kann, Rückendeckung vom CFO zu haben.

Hedging: Benchmarking ist zweischneidiges Schwert

Denn die Transparenz ist enorm: Zu meiner Zeit gab es ein tägliches Reporting über unsere Positionen, Ende des Monats bekam der CFO einen Report, einmal im Quartal der gesamte Vorstand. Es war also für jeden erkennbar, ob und in welchem Umfang und mit welchem Erfolg wir uns entschieden hatten, von der Benchmark abzuweichen.

Dieses Benchmarking ist absolut notwendig, denn es gibt dem Tun des Treasury überhaupt erst einen Sinn. Eine gute Perfomance im Währungsmanagement trägt maßgeblich zur Daseinsberechtigung bei. Ich habe oft erlebt, dass es gerade junge Mitarbeiter extrem motiviert hat zu sehen, wie sie mit ihren Entscheidungen einen Mehrwert leisten – auch wenn wir Wechselkursschwankungen natürlich immer nur für einen gewissen Zeitraum abfedern können. Irgendwann läuft dieser Schutzschirm für das operative Geschäft aus und es braucht Maßnahmen wie etwa Preiserhöhungen oder die Verlagerung von Produktion, um dauerhaft gegenzusteuern.

Doch transparente Erfolgsmessung hat auch Schattenseiten, denn sie kann dazu führen, dass man aus Angst, das Falsche zu tun, gar keine Entscheidungen mehr trifft. Die Treasury-Chefin eines anderen Dax-Konzerns sagte einmal sinngemäß zu mir: „Wenn wir so vorgehen würden wie ihr, dann würden wir hier gar nichts mehr entscheiden.“ Man schützt sich also mit Intransparenz vor dem Rechtfertigungsdilemma, das entsteht, wenn ein Ziel nicht erreicht wird.

Denn das Problem ist, dass derjenige, der eine gute Hedging-Entscheidung getroffen hat, gefragt wird: Warum habt ihr nicht noch mehr gemacht? Und wer eine im Rückblick falsche Entscheidung getroffen hat, der muss sich anhören: Warum habt ihr so viel gesichert? Diese Diskussion ist unprofessionell. Unter Profis sollte gelten: die Gründe für die Entscheidung hinterfragen und daraus lernen, aber nicht nachkarten.

Einbindung des CFO ist ratsam

Was bedeutet das für Benchmarks? Zielvorgaben sollten ambitioniert, aber realistisch und erreichbar sein. Sie müssen in sich logisch und für alle verständlich sein. Hier ist das Treasury auch als Kommunikator ins Controlling und Accounting sowie zum Wirtschaftsprüfer gefragt. Außerdem gilt: Spätestens, wer das dritte Mal eine Benchmark verfehlt, sollte kritisch hinterfragen, woran es lag. Hier ist auch die Einbindung des CFO ratsam – sofern derjenige denn dazu bereit ist.

„Für alle Treasurer, die einen Anspruch an sich selbst haben, kann eine Verweigerung von Entscheidungen keine Option sein.“

Christian Held, ehemaliger Bayer-Treasurer

Für mich ist klar: Für alle Treasurer, die einen Anspruch an sich selbst haben, kann eine Verweigerung von Entscheidungen keine Option sein. Das käme einer Selbstaufgabe gleich. Dass Künstliche Intelligenz einem Treasurer die Entscheidung ein Stück weit abnehmen könnte, ist für mich kein Widerspruch. Das sehe ich pragmatisch: Es geht darum, die besten Entscheidungen für das Unternehmen und die Aktionäre zu treffen – egal, ob das eine Maschine oder ein Mensch macht.

Info

Der Autor
Christian Held leitete von Oktober 1999 bis September 2020 die Treasury-Abteilung von Bayer. In dieser Zeit war er mit seinem Team für die Absicherung des Währungsrisikos von Bayer zuständig und verantwortete ein milliardenschweres Derivatebuch. Seit dem vergangenen Herbst ist Held im Ruhestand, beschäftigt sich allerdings weiterhin regelmäßig mit Treasury-Themen und bringt sich unter anderem in die Diskussion zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Währungsmanagement ein.