Green Finance: „Man muss sehr genau hinschauen“

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Frau Themistocli, die SEB hat ihre eigene Nachhaltigkeitsstrategie angepasst. Sie wollen Unternehmen und Investoren bei der Transition zu klimaneutralen Geschäftsmodellen unterstützen. Gleichzeitig wurden auch für die Aktivitäten der Bank selbst neue Ziele gesetzt. Wie konkret gehen Sie dabei vor?

Wir haben dazu drei Segmente definiert: Green, Brown und Transition. Wir bewerten unser gesamtes Kreditportfolio und nutzen diese drei Bereiche, um es in eine klimaneutralere Richtung zu steuern. Im braunen Segment wollen wir beispielsweise unser Fossil Fuel Exposure bis 2030 um 45 bis 60 Prozent reduzieren. Im grünen Bereich sind die nachhaltigen Aktivitäten verortet, etwa Sustainable Finance oder Sustainable-Advisory-Aktivitäten. Bis 2030 wollen wir unsere grünen Aktivitäten versechs- bis verachtfachen. Am spannendsten ist aber sicherlich das Segment Transition.

Was verstehen Sie darunter?

Wir wollen unsere Firmenkunden dabei begleiten, ihr eigenes Geschäftsmodell nachhaltiger aufzustellen und dieses in der Finanzierung sichtbar zu machen. Wie weit unsere Kunden auf diesem Weg gekommen sind, soll künftig unsere Transition Ratio widerspiegeln.

Werden für die Umsetzung dieser Strategie auch Kundenbeziehungen beendet?

Unser Fokus liegt darauf, die Transformation von Unternehmen zu fördern. Denn wenn ein Unternehmen, das wir finanzieren, seinen Ausstoß von Treibhausgasen reduziert, dann spiegelt sich das auch direkt in unserem Portfolio wider. Darüber hinaus werden wir bestimmte Aktivitäten, beispielsweise Ölexplorationen, künftig nicht mehr finanzieren. Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, es gehört auch dazu, dass wir global eine Handvoll Kundenbeziehungen beenden werden.

Wie genau muss man sich die Transition Ratio vorstellen?

Die Ermittlung ist ein durchaus komplexer Prozess, da wir dafür jeden einzelnen Kunden nach einem internen Modell klassifizieren. Wir schauen auf die Greenhousegas-Emissionen der Kunden heute im Verhältnis zu den Vorgaben des Pariser Abkommens und wie sich der Ausstoß in Zukunft verändern wird. Wir wollen diesen Prozess in diesem Jahr abschließen, bei rund 60 Prozent ist das bereits erfolgt. Diese Einordnung der Kunden hilft uns dann wiederum, sie bei ihren Nachhaltigkeitsbemühungen zu unterstützen.

Um Ihre Kunden klassifizieren zu können, brauchen Sie viele Informationen. Haben Sie aktuell dazu denn überhaupt genug Daten?

Das ist in der Tat ein großes Problem. Uns liegen im Moment noch nicht genug Daten von allen Kunden vor, das ist ein laufender Prozess. Es wird sicherlich dieses Jahr leichter, wenn die geplante Regulatorik greift und mehr Unternehmen verpflichtet sind, Nachhaltigkeitskennzahlen zu veröffentlichen. Aber wir wollten nicht warten, sondern schon jetzt mit der bestehenden Datenlage beginnen. Das wird uns künftig die Arbeit erleichtern.

Dass nun alle Kunden, und nicht nur die, die den Sustainable-Finance-Markt nutzen wollen, nach ESG-Kriterien klassifiziert werden, ist noch ein recht neues Vorgehen. Fließen die Informationen denn bereits in Kreditentscheidungen ein?

Ja, das tun sie. Unsere Kreditkomitees erhalten zusätzlich ESG-Informationen über das jeweilige Unternehmen, die in die Kreditentscheidungen miteinfließen.

Sie wollen nicht nur problematische Geschäftsfelder weniger finanzieren, sondern auch im Sustainable Advisory und Sustainable-Finance-Segment wachsen. Damit sind Sie nicht allein. Das Wachstum des Markts schürt die Sorge vor Greenwashing. Ist überall, wo grün draufsteht, auch etwas Nachhaltiges drin?

Man muss bei allen grünen Produkten sehr genau hinschauen. Aus meiner Sicht sind beispielsweise ESG-linked Finanzierungen, die an ein ESG-Rating gekoppelt sind, problematisch. Man muss die Frage stellen, ob das Unternehmen hier überhaupt so viel Einfluss auf die Bewertung hat und das Rating durch eigene Maßnahmen verbessern kann. Außerdem sind ESG-Ratings immer noch eine Black Box und die Provider vollständig unreguliert.

KPIs: „Diskussionen nicht immer leicht“

Alternativ können individuelle KPIs als Messlatte genutzt werden. Es gibt aber die Sorge, dass Ziele zu unambitioniert gesetzt werden.

Die Diskussionen über die richtigen KPIs mit den Unternehmen sind nicht immer einfach. Nicht alle Unternehmen nutzen wirklich materielle Kennzahlen. Wenn eine solche Transaktion unseren internen Anforderungen nicht entspricht, dann nehmen wir sie auch nicht in unsere Green-Asset-Ratio auf. Ich habe bereits Transaktionen am Green-Finance-Markt gesehen, bei denen beispielsweise nordische Investoren gesagt haben, da machen sie nicht mit. Ihnen waren die Transaktionen nicht grün genug. Letztlich müssen Investoren und Geldgeber darüber entscheiden, was sie als ambitioniert nachhaltig ansehen, und nicht der Emittent oder Kreditnehmer selbst.

Bislang kann allerdings jedes Unternehmen ein solches Sustainable-Finance-Instrument begeben. Es gibt noch keine Standardisierung.

An dieser wird EU-weit und auch global gearbeitet, die ersten Regularien sind bereits in Kraft. Zusätzlich gibt es natürlich schon seit vielen Jahren Richtlinien für Sustainable-Produkte, zum Beispiel von der ICMA oder der LMA. Nachhaltige Finanzierungen sind aber insbesondere auch Kommunikationsinstrumente mit Investoren und Kreditgebern. Die Unternehmen machen das nicht wegen ein paar Basispunkten, die sie dadurch möglicherweise einsparen können. Das wäre die Arbeit sicher nicht wert.

Einige Unternehmen setzen auch soziale Faktoren als Ziele ein. Wie werten Sie das?

Sehr positiv, denn soziale Maßnahmen haben große Auswirkungen zum Beispiel auf die Motivation der Mitarbeitenden und das gesellschaftliche Umfeld. Wir haben schon für einige Unternehmen soziale Frameworks entwickelt. Dabei geht es etwa um bezahlbares Wohnen, Gleichstellung von Mann und Frau sowie Gesundheit und Bildung. Die EU arbeitet zurzeit an der Ausarbeitung der Social Taxonomy, die aber noch einige Zeit benötigen wird. Es bleibt spannend.

Antonia Kögler ist Redaktionsleiterin bei DerTreasurer. Sie schreibt über Finanzierung und Asset Management und verfolgt alle Entwicklungen rund um das Thema Sustainable Finance.