Der Wohnungskonzern Vonovia betritt mit seiner digitalen Schuldverschreibung Neuland.

Vonovia

13.01.21
Finanzen & Bilanzen

Vonovia beschreitet digitales Neuland

Es ist ein Meilenstein für die Digitalisierung von Anleiheplatzierungen. Das Wohnungsunternehmen Vonovia hat erstmals eine vollständig digitale Schuldverschreibung emittiert. Treasurer Olaf Weber erklärt die Hintergründe.

Ein Novum am Kapitalmarkt: Das Wohnungsunternehmen Vonovia hat erstmals eine vollständig digitale Namensschuldverschreibung begeben. Das elektronische Wertpapier hat ein Volumen von 20 Millionen Euro und läuft drei Jahre. „Die Digitalisierung bietet uns die Möglichkeit, uns schneller, einfacher und günstiger zu finanzieren“, sagt Vonovia-Finanzchefin Helene von Roeder. „Wir wollen die neue Technologie ausprobieren, um Erfahrungen zu sammeln.“

Mit dieser Transaktion hält die Tokenisierung nun auch Einzug in den institutionellen Kapitalmarkt. Für die Emission wurden sogenannte Security Tokens genutzt, um den Eigentumsübertrag der Forderung unter höchsten Sicherheitsstandards zu gewährleisten. Die Übertragungen der Forderungsrechte aus der Namensschuldverschreibung finden auf der Stellar Blockchain statt. Dabei handelt es sich um eine öffentliche Blockchain, die international für Transaktionen genutzt wird und über die bestimmte Transaktionsdaten öffentlich eingesehen werden können.

„Die Stellar Blockchain ist eine von vielen Technologien, die für die Tokenisierung und Übertragung von Security Tokens nutzbar ist, auch Ethereum beispielsweise wäre denkbar“, sagt Michael Dreiner, CEO und Gründer des Online-Marktplatzes Firstwire.

Vonovia kreiert Token für Blockchain-Anleihe

Über die digitale Emissionsplattform des Fintechs kreierte Vonovia den Token für die Emission eigenständig. „Dort werden digital die Bedingungen mit allen Details verhandelt, die wir Treasurer so schätzen“, sagt Olaf Weber, Leiter Finanzen und Treasury bei Vonovia. Sobald sich die Parteien einig seien, werde die Transaktion bestätigt, die Token digital erstellt und bei einer Verwahrstelle für Krypto-Assets eingebucht. „Nach erfolgtem Zahlungseingang wird dieser vom Emittenten ebenfalls auf der Plattform bestätigt und die Token erhalten einen Wert – in unserem Fall 1 Euro pro Token“, sagt Weber weiter. Damit sei Transaktion innerhalb weniger Minuten abgeschlossen. „Zwischen Einloggen im System und Kreieren der Token lagen in etwa fünf Minuten“, verrät der Treasurer.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Fintech und der Wohnungskonzern zusammenarbeiten. Bereits im September 2019 hatte der Dax-Konzern einen Schuldschein über 50 Millionen Euro über Firstwire platziert. Für die aktuelle digitale Emission war aber dann doch einiges an Vorarbeit nötig. „Einige Monate“ hat Firstwire laut CEO Dreiner die Transaktion vorbereitet, da das Fintech seine „Technologie entsprechend erweitern“ musste, „damit die Transaktion auch komplett auf Firstwire abgeschlossen werden konnte“.

„Was sich ändert, ist die Art, wie zwischen Menschen angebahnte Geschäfte abgeschlossen und dokumentiert werden.“

Olaf Weber, Leiter Finanzen und Treasury bei Vonovia

Bund schafft Voraussetzung für digitale Wertpapiere

Erst Mitte Dezember hatte das Bundeskabinett die Voraussetzung für diese Transaktion geschaffen und einen Gesetzentwurf zur Einführung von elektronischen Wertpapieren beschlossen. Dies war mit Spannung erwartet worden, schließlich hatten das Bundesfinanz- und das Justizministerium bereits im März 2019 angekündigt, das deutsche Recht für digitale Wertpapiere öffnen zu wollen.

Bislang mussten Unternehmen, die in Deutschland Anleihen oder Commercial Paper emittieren, eine Globalurkunde anfertigen lassen. Diese verbrieft die Rechte der Gläubiger und wird unterschrieben in Papierform in den Tresoren von Zentralverwahrern wie etwa Clearstream hinterlegt. Das machte den Emissionsprozess deutlich aufwendiger und verhinderte bislang, dass Wertpapiere vollständig digital emittiert werden konnten.

Mit dem jetzigen Regierungsentwurf zu elektronischen Wertpapieren und Krypto-Wertpapieren soll die Digitalisierung des deutschen Finanzplatzes vorangetrieben und eine zentrale Forderung der Blockchain-Strategie der Bundesregierung für mehr Transparenz, Marktintegrität und Anlegerschutz erfüllt werden. Die Papierform wird bei einem elektronischen Wertpapier durch eine Eintragung entweder in ein bei einem Zentralverwahrer oder einer Depotbank geführtes Register (Zentralregisterwertpapier) oder in dezentrale, auf der Blockchain -Technologie basierende, sogenannte Kryptowertpapierregister, ersetzt.

Vorteile digitaler Wertpapiere für Unternehmen

Für Unternehmen dürfte dieser digitale Emissionsweg perspektivisch viel Potential haben, um schnell den Kapitalmarkt anzuzapfen und ihre Finanzierungs- und Investorenbasis zu diversifizieren. „Wir können uns gut vorstellen, dass diese [Technologie] in Zukunft eine bedeutsame Rolle im Kapitalmarkt einnehmen wird“, sagt Vonovia-Finanzchefin Helene von Roeder weiter. Emissionen seien transparent und in Echtzeit nachvollziehbar, was einen professionellen Transaktionsstandard garantiert. Zudem könnten dadurch global neue Investoren angesprochen werden.

Vonovia-Treasury-Chef Weber ergänzt: Beim Thema Geld sei der „Faktor Mensch extrem wichtig“, das werde sich durch digitale Lösungen „nicht grundlegend“ ändern. „Was sich aber ändert, ist die Art, wie zwischen Menschen angebahnte Geschäfte abgeschlossen und dokumentiert werden“, fügt Weber hinzu. Darin erkennt der Treasury-Chef des Wohnungskonzerns „viel Potential und der digitale Nachweis einer Kreditforderung ist ein wesentlicher Bestandteil davon“.

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Manueller Aufwand reduziert sich deutlich

Sascha Schmidt, Leiter FX und Fixed Income von M.M.Warburg & CO, einziger Investor der Transaktion, ergänzt: „Bei der traditionellen Umsetzung einer solchen Transaktion ist der manuelle Aufwand extrem hoch.“ Durch die Stellar-Blockchain-Technologie lasse sich der Vermögenswert innerhalb von Sekunden übertragen. Das heißt, es gibt auch kein mehrtägiges Settlementsrisiko mehr.

Diese Vorteile verdeutlichen das Potential, dass in den elektronischen Wertpapieren liegt. Es dürfte nicht lange dauern, bis auch andere Unternehmen eine digitale Kapitalmarktransaktion angehen werden. Insbesondere für Konzerne und Großunternehmen mit regelmäßigem Finanzierungsbedarf, dürfte es eine interessante Möglichkeit sein, ihre Finanzierungsinstrumente um ein weiteres zu ergänzen.

Paulus[at]derTreasurer.de