Die Handelsfinanzierung soll digitaler werden. Aber die Bankkonsortien in dem Bereich kommen nur sehr langsam voran.

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18.02.21
Risiko Management

Daran kranken die Blockchain-Initiativen im Trade Finance

In der Handelsfinanzierung ruhte viel Hoffnung auf den Blockchain-Plattformen. Doch zuletzt ist es still geworden um Marco Polo, We.trade und Co. Was wurde aus den Initiativen in Zeiten von Corona?

Gut drei Jahre ist es nun her, dass sich zahlreiche Bankkonsortien bildeten, um mit Hilfe der Blockchain-Technologie die Handelsfinanzierung zu digitalisieren. Den Auftakt machte Ende 2017 die Plattform We.trade. Kurz darauf folgte das Netzwerk Batavia, das jedoch später in We.trade aufging. Anfang 2018 wurde die Initiative Marco Polo aufgelegt, Ende 2018 ging dann schließlich noch Voltron an den Start – eine Plattform, die sich inzwischen Contour nennt.

Während das Jahr 2019 noch von diversen Testtransaktionen geprägt war, ist es seit nunmehr anderthalb Jahren ziemlich still geworden um die Plattformen. Auch bei einigen Unternehmen, die sich frühzeitig mit der Blockchain-Technologie in der Handelsfinanzierung befasst haben, ist inzwischen Ernüchterung eingekehrt: „Wir hatten immer mal wieder Kontakt mit den involvierten Banken, aber Transaktionen gab es keine mehr“, berichtet etwa Dieter Worf, Head of Treasury bei Schott.

Der Mainzer Spezialglashersteller hatte im Mai 2019 gemeinsam mit der Commerzbank ein Handelsgeschäft über Marco Polo nachgebildet. Schott lieferte damals Glasröhren an den thailändischen Verpackungshersteller A.P.A. Industries. „Die Plattform hat den Pilotstatus bis heute nicht überwunden, daher war der Vorteil einer Nutzung für uns nicht mehr gegeben“, so Worf.

Woran liegt es, dass die Entwicklung so schleppend läuft? Und wie ist der Status-quo der verschiedenen Initiativen? Um diesen Fragen nachzugehen, hat DerTreasurer die drei Plattformen Marco Polo, We.trade und Contour mit Fragenkatalogen kontaktiert. We.trade und Contour reagierten nicht auf die Anfragen, allerdings äußerten sich die beteiligten Banken Hypovereinsbank (We.trade) und HSBC (Contour) auf Nachfrage. 

Trade-Finance-Plattform Contour: HSBC startet

Vergleichsweise viel bewegt sich derzeit noch bei der Plattform Contour, hinter der acht Banken als Investoren stehen – darunter BNP Paribas, ING und HSBC. Die Plattform hat im Oktober 2020 ihren „kommerziellen Launch“ gefeiert, Live-Transaktionen gab es allerdings noch keine. Während sich We.trade und Marco Polo auf nicht-dokumentäre Zahlungen – die sogenannten Open Accounts – fokussieren, will Contour Akkreditive digitalisieren.

Als erste Bank hat die HSBC im Dezember einen Vertrag über eine volle Mitgliedschaft unterzeichnet und den Echtbetrieb aufgenommen, berichtet Hermann Purr, Head of Global Trade and Receivable Finance bei HSBC Deutschland: „Wir rechnen damit, in Kürze die ersten Live-Transaktionen abzuwickeln, nachdem wir in der sogenannten Beta-Phase einen soliden Erfahrungsschatz mit Transaktionen für mehrere Kunden über verschiedene Buchungszentren auf der ganzen Welt gesammelt haben.“

Dass sich die Entwicklung so lange hinzog, hatte offenbar verschiedene Gründe: Zum einen wurde die Plattform in einem agilen Prozess komplett neu aufgebaut und musste mit Kunden immer wieder getestet werden. Zum anderen musste ein rechtlicher Rahmen für die Abwicklungen von Akkreditiven geschaffen werden, der das Regelwerk der internationalen Handelskammer (ICC) erfüllt. Auch die Gründung der Gesellschaften, die Anfang 2020 erfolgte, brauchte seine Zeit.

Contour hat einen Fokus auf Asien – was Purr mit den „großen innerasiatischen Akkreditivströmen“ erklärt. Daher seien zunächst asiatische Marktteilnehmer die treibende Kraft gewesen. Allerdings hätten auch deutsche Unternehmen die Plattform bereits in der Testphase für ihre innerasiatischen Geschäfte genutzt: „Sie werden voraussichtlich in Kürze die ersten Transaktionen im Echtbetrieb tätigen“, kündigt er an.

Problem 1: Komplexe Verträge, viel Koordinationsaufwand

Am meisten Aufsehen in Deutschland erregte bis dato aber Marco Polo – neben Schott führten auch Daimler, Dürr und Voith Tests mit der Plattform durch. Live-Transaktionen gibt es aber bis heute jedoch nicht. Das soll sich nun endlich ändern, kündigt die LBBW an, die neben der Commerzbank zu den treibenden deutschen Banken im Marco-Polo-Konsortium gehört: „Die erste Live-Transaktion steht kurz bevor und soll in wenigen Wochen durchgeführt werden“, erklärte die Bank auf Anfrage von DerTreasurer. Die fachlichen und technischen Voraussetzungen für den Live-Gang seien bereits geschaffen worden.

Ursprünglich hatten LBBW und Commerzbank den Start bereits für das erste Quartal 2020 angekündigt, später hieß es dann, der Go-Live verzögere sich auf das zweite Quartal. Die Landesbank führt die Verzögerung vor allem auf die komplexe Vertragsstruktur zurück: „Es sind umfangreiche Vertragsdokumente nötig, welche zum einen mehrere Parteien – Banken, Softwareanbieter, Technologieprovider, Infrastrukturprovider und Corporates – einbeziehen und zum anderen diverse Technologien- und Serviceleistungen abbilden“, erklärte die LBBW. Diese Konstellation verursache einen intensiven Koordinations- und Abstimmungsaufwand. „Diesen zu bewältigen war schon vor Corona schwierig – und ist in der aktuellen Krisensituation noch einmal deutlich schwieriger.“

Problem 2: Fehlende Digitalisierung in der Verwaltung

Doch die schleppende Entwicklung liegt nicht nur an Governance-Themen, die bei Plattformen, die von Konsortien betrieben werden, immer eine Herausforderung darstellen. Schott-Treasurer Worf führt den schleichenden Fortschritt auch darauf zurück, dass es bislang nicht gelungen sei, alle relevanten Stakeholder an Bord zu holen: „Für einen positiven Business Case müssten nicht nur möglichst viele Banken und Logistiker dabei sein, sondern auch staatliche Stellen Fortschritte mit Blick auf die digitale Verwaltung machen.“ Solange physische Stempel und Zolldokumente benötigt würden, seien die Verbesserungspotentiale durch Plattformen begrenzt.

Worf räumt allerdings auch ein, dass man die Pilottransaktion im Mai 2019 primär gemacht habe, um Erfahrungen mit der Blockchain-Technologie zu sammeln: „Unsere Prozesskosten im Akkreditivgeschäft sind nicht so hoch, daher ist auch das Schmerzlevel nicht so hoch“, so der Treasury-Chef.

Bei Unternehmen, die über ein größeres Akkreditiv- und Garantiegeschäft als Schott verfügen, dürfte der Druck, den Prozess schneller und günstiger zu gestalten, indes höher sein. Dass mehr Digitalisierung in der Handelsfinanzierung notwendig ist, wird jedenfalls von keinem Experten ernsthaft bestritten. Die Corona-Pandemie habe diesen Trend sogar noch verstärkt, meint Marco Polo: „Die Krise verdeutlicht die Wichtigkeit, sich weg von papierbasierten Prozessen und hin zu automatisierten Lösungen zu entwickeln.“

„Für einen positiven Business Case müssten nicht nur möglichst viele Banken und Logistiker dabei sein, sondern auch staatliche Stellen Fortschritte mit Blick auf die digitale Verwaltung machen.“ 

Dieter Worf, Treasury-Chef von Schott

Dass die wegen der Krise sinkenden Trade-Finance-Erträge der Banken dazu führen werden, dass sie weniger Geld in solche Projekte investiert werden, fürchtet der Technologieanbieter Tradeix, der hinter der Plattform steht, nicht: Das Gegenteil sei der Fall, Banken würden die aktuelle Situation als „Chance“ betrachten, um in neue Trade-Finance-Technologie zu investieren und ihre Angebote für die Kunden zu verbessern, erklärte das Konsortium.

Problem 3: Fehlende Gesetzgebung für Blockchain

Allerdings wird stark darüber diskutiert, ob die Blockchain überhaupt die richtige Technologie dafür ist. Die Hypovereinsbank glaubt das: „Blockchain-Lösungen werden eine Schlüsselrolle bei der Digitalisierung der Handelsfinanzierung spielen. Die Erfahrungen, die wir mit We.trade sammeln, sind sehr vielversprechend und zeigen das große Potential der Technologie“, erklärte die Bank auf Anfrage. Gleichwohl wollte sich die Bank nicht dazu äußern, wie viele Transaktionen bereits durchgeführt worden seien.

„Bis die Blockchain-Technologie bei Akkreditiven zum Einsatz kommt, wird es noch sehr lange dauern.“

Florian Witt, Geschäftsfeldleiter International & Corporate Banking bei Oddo BHF

Oddo BHF ist deutlich skeptischer: „Bis die Blockchain-Technologie bei Akkreditiven zum Einsatz kommt, wird es noch sehr lange dauern“, meint Florian Witt, Geschäftsfeldleiter International & Corporate Banking bei Oddo BHF in Frankfurt. Die Komplexität sei angesichts der zahlreichen involvierten Parteien und Jurisdiktionen zu hoch. Es fehle an entsprechender Gesetzgebung. Oddo BHF hat sich daher an dem Logistik-Startup BuyCo beteiligt, das auf herkömmlicher Technologie setzt, um die Handelsfinanzierung zu digitalisieren.

Das alles zeigt: Die Herausforderungen, neue Netzwerke in der Handelsfinanzierung zu etablieren, sind mannigfaltig. Es müssen diverse unterschiedliche Stakeholder an Bord geholt werden, das Konsortium muss sich auf Standards einigen und es braucht eine kritische Größe. Bei der Blockchain kommt erschwerend hinzu, dass es sich um eine recht neue Technologie handelt. Auch wenn viele Fragen zum technischen Setup der Plattformen inzwischen geklärt zu sein scheinen, bleiben jedoch juristische Herausforderungen.

Buchholz[at]derTreasurer.de

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